Sparlampen erfüllen Erwartungen nicht

Das Verbot von Glühbirnen beruht auf falschen Annahmen und rudimentären Ökobilanzen. Kritische Stimmen gab es bis jetzt keine, nun regt sich aber Widerstand.

«Die dunklen Seiten der Energiesparlampe»: Umweltjournalisten üben Kritik am Verbot von Glühbirnen.

«Die dunklen Seiten der Energiesparlampe»: Umweltjournalisten üben Kritik am Verbot von Glühbirnen. Bild: Keystone

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Die Tage der Glühlampe sind gezählt. Noch in diesem Jahr sollen die letzten Birnen aus den Verkaufsregalen verschwinden. Ab September 2012 gehört die 1878 von Thomas Edison erfundene Glühbirne definitiv zur Geschichte. Vorgeschrieben ist dies in der vor drei Jahren revidierten Energieverordnung, mit der automatisch die Vorschriften der EU übernommen wurden.

Im Schweizer Parlament gab das Verbot erstaunlich wenig zu reden. Noch 2008 lehnte es eine Initiative von Jacques Neirynck (CVP, VD) ab, die das rasche und konsequente Aus für die Glühbirne forderte. Bereits zwei Jahre später stimmte das Parlament dem Bundesrat zu und verlangte ein Verbot der «ineffizienten Glühbirnen» in Etappen. Kritische Stimmen verstummten. Einzig die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann erkundigte sich in einer Interpellation nach «möglichen Gefahren für die Bevölkerung».

Unvollständig und einseitig

Der damalige Energieminister Moritz Leuenberger liess ausrichten, der Ersatz von Glühlampen durch energiesparende Alternativen sei unumgänglich, wolle das Parlament die beschlossenen Energiesparziele einhalten. Bereits 2009 sagte der SP-Magistrat, dass in den Herstellerländern Risiken für die Gesundheit und negative Folgen für die Umwelt durch Vorschriften ausgeschlossen würden. Leuenberger stützte sich unter anderem auf die Berichte des EU-Umweltausschusses.

Jetzt zeigen Recherchen von Thomas Worm und Claudia Karstedt, dass das Glühlampenverbot im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments auf der Basis eines unvollständigen Dossiers gefällt und einseitig von Umweltverbänden und Industrievertretern abgesegnet wurde. Zwar habe man kurz darüber diskutiert, die Verordnung dem EU-Parlament zur Debatte vorzulegen, der Antrag wurde aber deutlich mit 44 zu 14 Stimmen abgelehnt. Vor allem die Grünen hätten geschlossen «für die Zwangseinführung» gestimmt, betonen die beiden Umweltjournalisten im Buch «Lügendes Licht. Die dunklen Seiten der Energiesparlampe» (Hirzel-Verlag, Stuttgart 2011).

Ein paar rudimentäre Ökobilanzen

Alles beginnt am 17. Februar 2009 in Brüssel. Im Berlaymont-Hochhaus trifft sich der 58 Mitglieder umfassende Umweltausschuss. Traktandum: EG-Verordnung Nr. 244/2009. Die Aktenlage ist knapp, nur ein paar rudimentäre Ökobilanzen liegen vor. Dennoch ist man vom Vorteil der Sparlampe überzeugt. Verglichen mit der klassischen Glühbirne sei die Lichtausbeute um bis zum Fünffachen höher, der Stromverbrauch könne um 80 Prozent gesenkt werden. Der Umweltausschuss stützt sich unter anderem auf Gutachten der Umweltverbände WWF, Greenpeace, Bund für Umwelt und Naturschutz und Deutsche Umwelthilfe. Weiter spielt eine Rolle, dass die australische Regierung von Premierminister John Howard das Glühlampenverbot im Eilzug verordnet hat. Wenn der Klimasünder Australien auf die Sparlampe setze, so der Umweltausschuss, dann müsse die umweltsensitive EU so schnell wie möglich nachziehen.

In ihrem Buch zeigen Worm, ehemaliger Redakteur des Greenpeace-Magazins, und Karstedt, die unter anderem für das Magazin «natur & kosmos» arbeitete, dass sich der EU-Umweltausschuss von falschen Annahmen leiten liess und wichtige Bedenken beiseitewischte. Einige Beispiele.

Schlechte Umweltbilanz: Für die prognostizierten Stromeinsparungen durch die Umstellung auf die Sparlampe habe sich der Ausschuss lediglich auf Modellannahmen gestützt. Es sei kein erhärtetes Datenmaterial aus geeigneten, unabhängig durchgeführten Messungen miteinbezogen worden. Inzwischen hat die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) eine Untersuchung durchgeführt und kommt zum Schluss, dass die Herstellung der Sparlampe bei einer umfassenden Umweltbilanz schlechter abschneidet als jene der Glühbirne. Viel entscheidender, so die St. Galler Forscher, sei der Strommix, mit dem Lampen betrieben werden: Eine mit Wasserstrom betriebene Glühbirne ist beispielsweise umweltfreundlicher als eine mit dem europäischen Strommix betriebene Sparlampe. Werden beide Lampen mit dem gleichen Strom betrieben, dann schneide jedoch die Sparlampe deutlich besser ab, heisst es im Bericht der Empa.

Kleines Sparpotenzial: Auch das «80-Prozent-Mantra der Energieersparnis» beruhe einzig auf einem technisch-physikalischen Vergleich und nicht auf einer umfassenden Ökobilanz, so Worm und Karstedt. Unter anderem habe man den Wärmeersatzeffekt nicht einberechnet. Bei diesem Effekt gehe man davon aus, dass die Abwärme der Glühlampe nicht als Verlust zu beziffern sei, sondern einen wesentlichen Beitrag zur Erwärmung des Raumes leiste. Inzwischen geht die EU-Energiekommission davon aus, dass das Energiesparpotenzial der Sparlampe «höchstens 20 bis 30 Prozent» betrage. Zum gleichen Ergebnis kommt die Organisation «The Market Transformation Programme», welche die britische Regierung berät.

Wenig CO2-Einsparung: Präsentiert wurde die Verordnung Nr. 244/2009 als Massnahme zum Schutz des Klimas. Skeptische Stimmen wurden vom Ausschuss nicht angehört. Laut den Autoren hätten bereits damals Andreas Löschel vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Mitglied des Weltklimarates IPCC, deutlich gesagt, dass «durch das Glühlampenverbot keine Tonne CO2 eingespart wird». In der Zwischenzeit hat die EU-Energiekommission bestätigt, dass das CO2-Einsparpotenzial zu hoch angesetzt wurde.

Stromverbrauch steigt an: Vom Ausschuss nicht diskutiert wurde der zu erwartende Rebound-Effekt. Bereits bei der Umstellung von der Kohlefaser- zur Wolfram-Glühlampe im frühen 20. Jahrhundert habe man festgestellt, dass die Einsparungen durch Mehrkonsum überkompensiert werden. Inzwischen warnt eine EU-Studie explizit vor diesem Effekt, und Wissenschaftler um Jeff Tsau von den Sandia National Laboratories in Albuquerque, US-Bundesstaat New Mexiko, haben nachgewiesen, dass der Stromverbrauch nach der Einführung von neuen, sparsameren Lampen tatsächlich deutlich ansteigt.

Gesundheitliche Belastung: Kein Thema waren die Auswirkungen auf die Gesundheit. Bereits im Vorfeld haben Präventivmediziner gewarnt, dass das kalte Licht zu Problemen führen könne. Inzwischen haben Wissenschaftler des Österreichischen Instituts für Licht und Farbe nachgewiesen, dass das psychologisch als kalt empfundene Licht durch eine höhere Raumtemperatur um bis zu zwei Grad kompensiert wird. Weit problematischer werden die elektromagnetischen Felder beurteilt, die von Sparlampen emittiert werden. Der Bundesrat hat aufgrund der Interpellation von Yvette Estermann eine Studie über die Auswirkungen von mittelfrequenten elektromagnetischen Feldern auf die Gesundheit in Auftrag gegeben. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt: «Halten Sie einen Abstand von 30 Zentimetern zu Energiesparlampen ein, um die Belastung durch UV-Strahlung und elektrische Felder klein zu halten.»

Umweltschädliches Quecksilber: Nur gerade aus Sicht der Entsorgung habe der Ausschuss das Problem Quecksilber betrachtet. Eine Sparlampe enthält Spuren dieses giftigen Metalls, um die Energie aus dem Strom in Licht überzuführen. Worm und Karstedt belegen nun, dass durch den Boom der Sparlampen in Europa mehrere marode Quecksilberminen in der chinesischen Provinz Guizhou wieder in Betrieb genommen wurden – mit verheerenden Folgen für die Umwelt. Aris Chan vom «Chinese Labour Bulletin» in Hongkong bestätigt die Recherchen: «Der steigende Bedarf an Quecksilber als Folge des EU-Verbots traditioneller Glühlampen hat das Problem von Quecksilbervergiftungen verschärft. Denn immer mehr Fabrikationsstätten und Minen werden aufgemacht, um Quecksilber zu fördern und zu extrahieren.»

Abkehr vom Verbot gefordert

In Deutschland regt sich inzwischen erneut Protest gegen das definitive Glühlampenverbot. «Ich werde alles tun, um das Glühlampenverbot in der EU doch noch zu kippen», sagt Herbert Reul (CDU), Vorsitzender des Industrieausschusses im EU-Parlament. Die EU-Kommission solle ihre «vom Klimaschutzwahn getriebene Symbolpolitik» beenden und statt des Glühlampenverbots ein Verbot der Energiesparlampen erwägen. Silvana Koch-Mehrin (FDP) ergänzt: «Solange davon auszugehen ist, dass Energiesparlampen zu erheblichen Gesundheitsschäden führen können, muss die EU das Glühlampenverbot zumindest für Privathaushalte aussetzen.»

Als Vorbild nennen die deutschen Politiker Neuseeland, das sich nach kurzer Zeit vom Verbot verabschiedet hat. Anders China: Das wichtigste Herstellerland von Sparlampen hat eben entschieden, bis 2016 die Glühbirnen vollständig durch Sparlampen zu ersetzen. In der Schweiz ist das Gebot der Sparlampe bereits in Fleisch und Blut übergegangen: «Die ‹WWF Climate Group›-Partner Ikea, Coop und Migros sind dem Gesetz einen Schritt voraus», heisst es im «WWF-Magazin» vom September 2011. Ikea habe bereits im Vorjahr alle Glühbirnen aus den Regalen genommen, Coop und Migros würden demnächst folgen. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 12.01.2012, 13:31 Uhr)

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