Der Streit mit Apple schwemmt Millionen in die SBB-Kasse

Für die Verwendung der SBB-Uhr auf dem iPad zahlt der US-Konzern rund 20 Millionen Franken. Weshalb Apple das Schweizer Unternehmen so grosszügig entschädigt.

Schweizer Design: Das Original der SBB-Uhr am Treffpunkt im Zürcher Hauptbahnhof.

Schweizer Design: Das Original der SBB-Uhr am Treffpunkt im Zürcher Hauptbahnhof. Bild: Keystone

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Da staunten die SBB-Verantwortlichen nicht schlecht: Die altbewährte Schweizer Bahnhofsuhr erschien im September in einer Produktpräsentation von Apple. (AAPL 100.75 0.64%) Der Technologiekonzern aus Kalifornien hat die SBB-Uhr in die iPad-Version seines Betriebssystems integriert. Jeder fortan verkaufte Tablet-Computer von Apple enthält die Uhren-Funktion mit dem Design der Schweizer Bahnhofsuhr. Und auch die rund 100 Millionen bereits verkauften iPads schlagen ihren Besitzern ein Update auf das neue Betriebssystem iOS 6 vor. Die Uhr mit der roten Signalkelle, die als Sekundenzeiger dient, zeigt iPad-Benutzern von Alaska bis Australien die Zeit an.

Die SBB liessen im September verlauten, sie würden von Apple für die Verwendung ihres Uhren-Designs Geld fordern. Nach nur drei Wochen, am 12. Oktober, gaben die Bundesbahnen in einem kurzen Communiqué bekannt, dass sie sich mit Apple auf die Zahlung einer «Lizenzgebühr» geeinigt haben. Über alle Einzelheiten des Lizenzvertrags sei Stillschweigen vereinbart worden.

Apple wird den SBB nun einen überraschend grossen Betrag bezahlen, wie der «Tages-Anzeiger» aus mehreren Quellen erfahren hat: nicht bloss einige Hunderttausend, sondern anscheinend rund 20 Millionen Franken. Die SBB wollen diese Zahl nicht kommentieren. Apple reagiert auf die Anfrage nicht.

Die SBB verbuchen die unerhofften Einnahmen laut Sprecher Christian Ginsig unter dem Posten «Nebenerträge». Dieser Posten betrug letztes Jahr 856 Millionen Franken. Er ist also so gross, dass das Geld aus dem Lizenzvertrag mit Apple von Aussenstehenden unbemerkt in die nächsten Jahresrechnungen einfliessen kann.

Apple müsste Uhr entfernen

Doch weshalb entschädigt der grosse US-Konzern die vergleichsweise kleinen SBB so grosszügig? Das Design der 1944 entworfenen Uhr wäre heute längst ausgelaufen. Doch die SBB haben sie 2002 als dreidimensionale Marke beim Institut für Geistiges Eigentum registrieren lassen. Im Gegensatz zu Patenten und Designs kann eine Marke auch Jahre nach deren Benutzung noch registriert und immer wieder verlängert werden, vorausgesetzt sie wird benutzt.

Gestützt auf ihren Markeneintrag haben die SBB Apple womöglich angedroht, die Verwendung der SBB-Uhr zu verbieten – zumindest in der Schweiz. Das hätte für Apple bedeutet, hierzulande keine iPads mit der SBB-Uhr mehr verkaufen zu können. Oder Apple hätte die Uhr aus der Schweizer Version des Betriebssystems entfernen müssen. Ersteres hätte Umsatzeinbussen bedeutet, Letzteres Zusatzkosten verursacht. «Nach dem Erfolg im Patentstreit gegen Samsung in den USA wäre es für Apple auch ein Imageverlust gewesen, gerichtlich angewiesen zu werden, die Uhr vom iPad zu entfernen», sagt der Berner Marken- und Designanwalt Jean Marcel Wälchli. Deshalb sei es für Apple wohl einfacher gewesen, die Lizenzgebühr zu bezahlen.

Kommt hinzu, dass 20 Millionen angesichts eines Gewinns von 39 Milliarden Franken bei Apple kein Loch in die Kasse reissen. «Ob jedoch die SBB ausschliesslich mit ihrer dreidimensionalen Uhrenmarke deren Verwendung in Apple-Produkten hätte verbieten können, ist nicht sicher», sagt Anwalt Wälchli. Möglicherweise haben die SBB auch mittels der Schutzbestimmungen über den unlauteren Wettbewerb zusätzlich Druck gegen Apple aufgebaut.

Mondaine will auch ein Stück

Bisher nicht vom Millionensegen profitiert hat der Schweizer Uhrenhersteller Mondaine. Das Zürcher Unternehmen in Familienbesitz hat mit den SBB bereits vor 26 Jahren einen Lizenzvertrag abgeschlossen, der es Mondaine erlaubt, Uhren im SBB-Design zu produzieren und weltweit zu vermarkten.

Für Mondaine-Chef André Bernheim ist es «eine positive Sache», dass Apple die SBB-Uhr verwende. Dies vor allem, weil Mondaine sicher einen grossen Teil dazu beigetragen habe, dass Apple auf das Design der SBB-Uhr aufmerksam geworden ist, sagt Bernheim. Denn Mondaine bewirbt und verkauft die SBB-Uhren auch in den USA. So sei etwa je ein grosses Exemplar im New Yorker Museum of Modern Art und am Flughafen von Boston in Betrieb. Ob Mondaine bei den SBB einen Teil des Apple-Geldes einfordern wird, will Bernheim nicht sagen. «Wir diskutieren mit den SBB noch, wie wir für alle Beteiligten das Beste aus der Situation machen könnten.»

Neben Mondaine und Apple haben die SBB noch eine dritte Uhren-Lizenznehmerin: die Moser-Baer-Gruppe mit Sitz in Sumiswald. Das Unternehmen, das unter dem Markennamen Mobatime auftritt, ist mit der Herstellung der «echten» Bahnhofsuhren beauftragt. Neben den SBB beliefert Moser-Baer auch die anderen Schweizer Verkehrsbetriebe. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.11.2012, 10:22 Uhr)

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