70'000 Fans überschwemmten Dübendorf – von Chaos keine Spur

Das Madonna-Konzert machte das Flugfeldquartier am Samstag zur Partymeile. Im Rest von Dübendorf war das Spektakel kaum zu spüren – und zu hören schon gar nicht.

Eine zäh fliessende Menschenmasse ergoss sich durch die Wangenstrasse.

Eine zäh fliessende Menschenmasse ergoss sich durch die Wangenstrasse. Bild: Thomas Bacher

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Am Samstag um 8 Uhr deutet im Zentrum nichts darauf hin, dass die Stadt in wenigen Stunden Besuch von einem Superstar bekommt. Die Dübendorfer zeigen Gelassenheit und tun, was sie an anderen Samstagen auch tun. Doch nördlich der Bahnlinie sieht alles anders aus. Gerade haben die Mitarbeiter des Tiefbauamts einige Strassen für den Verkehr gesperrt, und die Kadetten erklären den ersten Automobilisten, wo sie bis wann noch durchfahren dürfen. Ein Anwohner, der seine Ausweispapiere vergessen hat und deshalb nicht passieren darf, schimpft über die «Sturheit». Entlang der Wangenstrasse, wo die Fans später vom Bahnhof zum Konzertgelände strömen, werden emsig Verpflegungsstände aufgebaut. Vor dem Eingang zum Militärflugplatz warten bereits einige Dutzend Fans auf Einlass. Sie sei seit 6 Uhr hier, sagt ein junge Frau und zeigt auf einen Mann neben ihr, der auf seiner Isomatte schläft. «Der war schon eine halbe Stunde früher da.»

Es ist noch nicht Mittag, und schon sind die Madonna-Fans zu Hunderten da. Mit jedem Extrazug branden sie wie eine Welle durch die Strasse. Es ist ein ganz anderes Publikum als vor zwei Jahren, als am selben Ort die Rolling Stones aufspielten. Die Anhänger der Popikone sind in ihrer Gesamtheit schöner herausgeputzt, trendiger tätowiert, stärker parfümiert – und um einiges schwuler: Zu Beginn erinnert der Umzug teilweise etwas an eine Parade an einem Christopher Street Day. Ein androgyner Typ mit riesigem Afrolook, einem eng anliegenden Leoparden-Anzug und 20 Zentimeter hohen Plateauschuhen promeniert die Strasse rauf und runter. Reporter der beiden anwesenden Lokalradios halten ihm das Mikrofon ins Gesicht – und jedem anderen Fan, der was zu sagen oder zu singen hat.

Die Anwohner lassen sich die Show nicht entgehen. Wer nicht das Weite gesucht hat, sitzt auf dem Balkon oder lehnt aus dem Fenster. Ein Latino nutzt die Gelegenheit und baggert jede Blondine an, die an seinem Wohnzimmerfenster vorbeiläuft. Andere mischen sich mit Kind und Kegel unter die Masse oder spazieren dem Flughafengelände entlang, um zu sehen, ob es was zu sehen gibt. Doch der Stacheldrahtzaun ist mit blicksicheren Planen abgedeckt. Dann kommt Aufregung auf: Ein schwarzer Luxus-Geländewagen mit getönten Scheiben fährt langsam vorbei. «Sitzt da Madonna drin?», hört man die Leute alle paar Meter fragen. Dasselbe Schauspiel wenig später bei einer Stretch-Limousine und dann wieder, als ein Helikopter auf dem Flugplatz landet.

Kaum Autos in den Quartieren

Am Nachmittag ist dann auch im Stadtzentrum einiges los. Wer einen Grill und ein paar Tische und Stühle besitzt, stellt die Möbel an die Strasse. Die Feuerpolizei kontrolliert, ob auch alles seine Ordnung hat. Der Verkehr ist dicht, doch nicht hektisch; die Polizei winkt die Autos routiniert durchs Zentrum. Die Quartiere sind zwar zugeparkt, von Chaos aber keine Spur. Nur ab und zu verirrt sich ein Fahrzeug mit ausländischem Kennzeichen auf die Quartierstrassen. Vor zwei Jahren noch haben einige Anwohner ihre Parkplätze für 20 Franken vermietet. Doch das Geschäft lief schlecht. Heuer haben sie es gar nicht mehr versucht. Weniger idyllisch ist es auf der Überlandstrasse, wo sich der Verkehr staut, so weit das Auge reicht. Ein Anwohner flucht hinter seinem Steuerrad. Über drei Stunden habe er jetzt zum Einkaufen gebraucht.

Zu wenige WCs als Problem

Auf der Wangenstrasse sind die Individuen inzwischen zu einer einzigen, zäh fliessenden Masse verschmolzen. 70'000 Menschen, das ist ein mehrere Meter breiter Strom, der während vier, fünf Stunden vorbeizieht. Die Polizei hat kaum etwas zu tun, kontrolliert ab und zu einen freischaffenden Ticketverkäufer und amtet ansonsten als gut gelaunter Auskunftsdienst, der auch schon mal mit einem Madonna-Klon fürs Foto posiert. Einem ist das wohl zu langweilig. Uns so staucht er einen Velofahrer zusammen, der die Ausfahrt auf einer autofreien Zufahrtsstrasse geniesst. Das Fahrverbot gelte für alle, meint er.

Probleme gibt es bei der Entsorgung. Gerade zwei Tixi-WCs sind ausserhalb des Konzertareals aufgebaut worden – immerhin zwei mehr als vor zwei Jahren –, die Warteschlange davor ist entsprechend lang. Und auch die Bars an der Wangenstrasse können sich vor Gästen mit voller Blase kaum retten. Auf einer nahen Baustelle haben ein paar Verzweifelte auf ihrer Suche nach Erleichterung ein mobiles WC entdeckt. Der Geheimtipp macht die Runde, und schon nach kurzer Zeit türmen sich die Fäkalien unter beissendem Gestank in und neben der WC-Schüssel.

Ein paar Fetzen Madonna

Dann wird es ruhiger, das Konzert hat begonnen. Das Tiefbauamt rückt mit Besen und Strassenmaschinen an, um den Abfall aufzusammeln. Und die Dübendorfer nehmen ihr Quartier wieder in Besitz. Einige haben Decken und Campingstühle mitgebracht und veranstalten auf Wiesen oder am Strassenrand ein Picknick. Kinder kurven mit ihren Velos herum oder klettern auf Garagendächer. Auf den Balkonen werden Grills eingefeuert. Ein paar Halbwüchsige amüsieren sich, wenn vor ihnen Passanten in eine Lache Erbrochenes treten. In und vor den Bars und Verpflegungsständen wird getrunken und gegessen. Vier Rentner haben es sich im Bushäuschen bequem gemacht und beobachten die Szenerie. Was drinnen wohl vor sich geht? Hin und wieder trägt der Wind einige Fetzen Madonna herbei. «Das reicht», meint eine Clique und prostet sich mit Dosenbier zu. Gleich daneben feiert eine Gruppe junger Männer Polterabend und treibt den als Madonna verkleideten künftigen Bräutigam vor sich her.

Schliesslich hat die echte Madonna ihr Konzert beendet, und die Menschenmasse fliesst zurück zum Bahnhof. Kaum zeichnet sich ein Ende des Stroms ab, ist die Putzequipe wieder zur Stelle. Von den Feiernden wird sie je nach Stimmung mit Szenenapplaus bedacht oder auch schon mal angepöbelt. Die Stimmung bleibt aber friedlich, wenn auch lautstark. So fällt der Mann mit dem Laubbläser im allgemeinen Lärm kaum auf. Gegen 2 Uhr geht die Party zwar langsam zu Ende, Dübendorf darf sich aber schon auf die nächste Feier freuen: In einer Woche ist das Dorffest – diesmal auf der anderen Seite der Stadt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2008, 20:15 Uhr

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