Auch für behinderte Kinder gelten Ziele

Seit die Heilpädagogische Schule in Wetzikon ein behindertes Mädchen ausschliessen wollte, kommt sie nicht aus der Kritik. Auf den Schulalltag am Aemmetweg hat das keinen Einfluss.

Die pädagogische Mitarbeiterin Iris Weidmann unterstützt ein behindertes Mädchen im Schulalltag.

Die pädagogische Mitarbeiterin Iris Weidmann unterstützt ein behindertes Mädchen im Schulalltag. Bild: Christoph Kaminski

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Lisa* sitzt in einer grossen Kartonkiste und lacht aufgeregt. Zwei Buben schieben das Mädchen, das nicht spricht und nur schlecht hört, durch den Raum. «Wir fahren mit der Schneckenpost» heisst das Lied, das Lehrerin Evelyn Müller (27) zusammen mit der pädagogischen Mitarbeiterin Iris Weidmann (35) singt. Sechs Mal müssen sie es wiederholen, bis jedes Kind einmal mit der Schneckenpost gefahren ist.

Die Mädchen und Buben der Unterstufenklasse in der Heilpädagogischen Schule Aemmetweg in Wetzikon sind zwischen sieben und neun Jahre alt und unterschiedlich stark behindert. Das Thema Post, das Lehrerin Evelyn Müller gewählt hat, hält jedoch für alle etwas bereit. Am Morgen beispielsweise begann der Schultag nicht wie üblich im Klassenzimmer, sondern die junge Lehrerin ging mit ihren sechs Kindern auf die Poststelle in Wetzikon, um Marken zu kaufen. «Sechs A-Briefmarken haben wir geholt», erzählt Manuel und kramt die Quittung hervor. Währenddessen leert sein Sitznachbar David den klasseneigenen Briefkasten. Heute ist eine Karte für Oliver gekommen. Der schüttelt David die Hand und bedankt sich für die Übergabe. Auf der Postkarte, die Evelyn Müller vorliest, steht, dass Oliver den heutigen Wochentag an die Wandtafel schreiben soll. Das kann er zwar noch nicht, dafür weiss er, dass der Freitag an der Heilpädagogischen Schule in Wetzikon die Farbe Orange hat.

«Wir arbeiten bewusst mit Farben, Bildern und Piktogrammen», erklärt Schulleiterin Ineke Koole. Das erlaube den behinderten Kindern, einfacher zu kommunizieren und sich auszudrücken. «Die Erwachsenen handeln viel zu schnell für die behinderten Kinder», weiss die Schulleiterin aus Erfahrung. «Dabei sollten wir viel eher die Kinder befähigen, ihre Bedürfnisse selber auszudrücken und auch dementsprechend zu handeln.»

«Fit machen» für die Gesellschaft

Das Thema Kommunikation beschäftigt die Heilpädagogische Schule aber nicht nur in Bezug auf die Schüler, sondern auch in Bezug auf die Eltern und die Öffentlichkeit. Seit Monaten ist die Schule mit teils vernichtenden Urteilen von Leserbriefschreibern konfrontiert. Pünktlich zu Beginn des neuen Schuljahrs haben diejenigen, die den Rücktritt der Schulleitung und der Primarschulpräsidentin fordern, einen neuen Anlauf genommen und Briefe und E-Mails an die Medien verschickt. «Unheilpädagogisch» wird die Schule geschimpft. Primarschulpräsidentin Ursi Cossalter (EVP) und Primarschulpfleger Ajet Redzepi (SP) sind derweilen überzeugt, dass es sich um eine persönliche Kampagne handelt, «welche teilweise durch Personen geführt wird, die die Schule nicht kennen».

An Schulleiterin Ineke Koole (55) und dem Team der Heilpädagogischen Schule sind die letzten Monate nicht spurlos vorübergegangen. Sie will sich aber nicht «auf eine emotionale Ebene begeben». Ihre Aufgabe nimmt die 55-Jährige mit langjähriger Leitungserfahrung im heilpädagogischen Bereich ernst. Die Heilpädagogische Schule Aemmetweg, die sie seit sechs Jahren leitet, führt sie mit Bestimmtheit. Und mit der Überzeugung, sachlich richtig zu handeln. Nämlich den Bildungsauftrag, der kantonal vorgegeben ist, zu erfüllen. In der Praxis heisst das, dass für jedes der 75 Kinder zwischen vier und achtzehn Jahren jährlich Ziele in Sach-, Selbst- und Sozialkompetenz festgelegt werden, auf die dann die Eltern, Lehrer und Therapeuten gemeinsam hinarbeiten. Das Klischee, dass es behinderten Kindern in einer heilpädagogischen Schule einfach «wohl sein soll», trifft auf die Heilpädagogische Schule Aemmetweg nicht zu. «Manche Eltern haben Mühe damit, dass auch der Sonderschulbereich einem Wandel unterliegt und an Zielen gemessen wird», weiss Primarschulpräsidentin Ursi Cossalter.

Eines der Hauptziele der Schulleitung ist es, die Jugendlichen in der Schule «fit zu machen», damit sie später einen Platz in der Gesellschaft einnehmen können. Deshalb legen alle Beteiligten grossen Wert auf den Fachunterricht, der schon ab der Unterstufe angeboten wird. Auch die Eröffnung der Oberstufe-Plus und die Berufsfindungsklasse tragen zu diesem Fit-machen bei. Die Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren können ihren Fähigkeiten entsprechend ein Praktikum in einer Nachfolgeinstitution für erwachsene Menschen mit einer Behinderung absolvieren. Möglich sind beispielsweise auch Praktika in der Holzverarbeitung oder auf einem Bauernhof. Um den Schülern diese Erfahrung zu ermöglichen, zahlt die Heilpädagogische Schule Wetzikon den anderen Institutionen einen gewissen Betrag. «Wir müssen die Leistungen zwar einkaufen, es hat sich aber sehr bewährt», ist Schulleiterin Ineke Koole überzeugt.

Ein Ausschluss ist die Ausnahme

Bewährt hat sich aus ihrer Sicht auch, dass die Klassenteams aus einer Heilpädagogin und einer pädagogischen Mitarbeiterin mit Lebenserfahrung bestehen – nicht aus einer ausgebildeten Person und einer Praktikantin, wie dies vielerorts der Fall sei. Nebst diesem Klassen- und Fachunterricht werden an der Heilpädagogischen Schule Aemmetweg pädagogische und medizinische Therapien angeboten. Logopädie und Psychomotorik gehören zum Basisangebot der Heilpädagogischen Schule. Die medizinischen Therapien stehen aber nur denjenigen Kindern zur Verfügung, bei denen die Invalidenversicherung die Therapie für notwendig erachtet und auch bezahlt. «Seit der Einführung des Neuen Finanzausgleichs auf den 1. Januar 2008 wird die Finanzierung in der Sonderpädagogik anders geregelt», erklärt die Schulleiterin. «Die HPS Aemmetweg verfügt über ein ausgezeichnetes Angebot und kann dieses mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen der Bildungsdirektion in vollem Umfang anbieten.»

Trotz des breiten Angebots an der Heilpädagogischen Schule kommt es jedes Jahr vor, «dass die Entwicklung eines Kindes gefährdet ist», wie Ineke Koole sagt. «Das ist dann der Fall, wenn beispielsweise ein Kind keinerlei Kontrolle über sich selbst hat und damit nicht nur sich selber, sondern auch die anderen Kinder in ihrer Entwicklung hemmt.» In einem solchen Fall empfehle die Schulleitung den Eltern in Zusammenarbeit mit dem Schulpsychologischen Beratungsdienst eine andere Lösung.

Die Klasse von Lehrerin Eveline Müller ist unterdessen fast durch mit der morgendlichen Post. David geht im Kreis herum und zeigt den anderen Kindern den Brief einer anderen Klasse. Sie hätten jetzt auch einen Briefkasten, schreibt die Lehrerin im Namen ihrer Schüler, und würden sich über Post freuen.

* Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind die Namen der Kinder geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2008, 07:44 Uhr

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