Behinderte sind mit Herzblut an der Arbeit

Zum Jubiläum der Werkstätte im Rain in Herrliberg zeigten Bewohner der Erlenbacher Martin-Stiftung, dass sie trotz geistiger Beeinträchtigung gern und gut ans Werk gehen.

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Die von Louise Escher-Bodmer im Jahr 1893 gegründete Martin-Stiftung Erlenbach feierte am Freitag ein Jubiläum: Vor zehn Jahren nahm die auf Herrliberger Boden gelegene Werkstätte an der Bergstrasse 47 im Rain ihren Betrieb auf, in der 30 Menschen mit geistiger Beeinträchtigung tätig sind. Zu diesem runden Geburtstag lud die bedeutende Institution, die insgesamt 131 Menschen Wohnen, Arbeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten anbietet, am Freitag zu einer ungezwungenen Besichtigung des Werkstattbetriebs ein.

Engagement mit Leib und Seele

Von dieser nicht alltäglichen Besuchsgelegenheit machte die Bevölkerung rege Gebrauch. Gekommen war am Freitagnachmittag auch Lisbeth Germann, Vizepräsidentin und Bauvorstand der Gemeinde Herrliberg, um die Jubiläums-Glückwünsche des Gemeinderates zu überbringen. Sie war beeindruckt vom Schaffen der betreuten Mitarbeitenden, die im Auftrag von Firmen und öffentlichen Institutionen verschiedenste Arbeiten ausführen.

Auf dem Bau und von Hobbyhandwerkern benötigte Dübel in kleine Schachteln verpacken – das ist gegenwärtig die Arbeit von Lukas Bani. Er tat dies vor den Augen der Besucher mit viel Engagement und mit Leib und Seele; der Spassvogel war immer wieder für einen Scherz zu haben. «Meine grosse Leidenschaft ist die Armee, darum trage ich beim Arbeiten auch ein Militärhemd», sagte der junge Mann mit Offizierspatten am Hemd begeistert.

Jennifer De Ceglia befasste sich derweil mit dem Abpacken von Kunstkarten, während der 21-jährige Dario Zanni mit dem anspruchsvollen Falten von Präsentationsmappen aus Karton beschäftigt war. Er tat dies äusserst konzentriert und mit grosser Sorgfalt. Peter Weiss, Bereichsleiter Produktion der Martin-Stiftung, sagte: «Dieser Auftrag einer Privatbank ist ein sehr dankbarer, weil es sich um eine längerfristige Vergabe von insgesamt 10'000 solcher Mappen handelt. Das gibt uns Arbeit über einen längeren Zeitraum.»

Jobs in der freien Wirtschaft gesucht

Dario Zanni strahlt bei seiner Beschäftigung viel Ruhe und Gelassenheit aus. Im Gegensatz dazu ist seine Freizeit auch von Action geprägt: «Skaten und Musikhören, das sind meine grossen Leidenschaften», sagt der junge Mann. Er verfolgt aufgrund seiner weitgehend selbstständigen Arbeitsweise und seiner Fähigkeiten das Ziel, in der freien Wirtschaft fernab der geschützten Werkstatt sein Auskommen zu finden. «Ich bin mir bewusst, dass das nicht einfach sein wird.»

700'000 Schoggitaler pro Jahr

Bei diesem Punkt hakt Produktionsleiter Peter Weiss ein: «Unsere betreuten Mitmenschen sind sich bewusst, dass sie in der Werkstatt wichtige Arbeiten für externe Auftraggeber erfüllen. Das gibt ihnen Befriedigung und motiviert sie auch, ihre Tätigkeit verantwortungsvoll auszuführen.»

Über den wohl bedeutendsten Auftrag ist der Abteilungsleiter Fritz Vetter besonders stolz. «Wir verpacken Jahr für Jahr 700'000 der legendären, von Schulkindern verkauften Schoggitaler, deren Erlös für Projekte des Natur- und Heimatschutzes bestimmt ist. Kaum sind die Taler ausgeliefert, beginnen schon die Vorbereitungsarbeiten für das kommende Jahr.» Vetter nahm denn auch gleich die Gelegenheit wahr, die Werbetrommel für die Werkstatt und die anderen integrierten Produktionsbetriebe zu rühren. Man sei immer wieder auf der Suche nach neuen Aufträgen, doch die Akquisition gestalte sich nicht immer einfach. Dem stimmt auch Ernst Brändli, Gesamtleiter der Martin-Stiftung Erlenbach, zu: «Es braucht bei potenziellen Auftraggebern zuerst einmal viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit. Dass wir Dienstleistungen und eigene Produkte zu marktüblichen Konditionen auf einem qualitativ hohen Niveau anbieten, davon können sich Kunden immer wieder aufs neue überzeugen.»

Dass die Qualität stimmt, davon konnten sich die Gäste anlässlich der Degustation von selber produzierten Teigwaren und Wein vom eigenen Rebberg gleich selber ein Bild machen. Die Betriebe generieren einen jährlichen Nettoertrag von rund einer Million Franken.

Keine Berührungsängste

Über den grossen Aufmarsch am Besuchstag zeigte sich Brändli am Freitagnachmittag sehr erfreut. «Gefallen hat mir, dass es zwischen den betreuten Mitarbeitern und den Besuchern keine Berührungsängste gab und die Gäste interessiert Fragen stellten.»

Berührungsängste kennt auch Marianne De Heer nicht, die mit ihrem Mann Ronald vor zehn Jahren in eine der Eigentumswohnungen im gleichen Haus eingezogen war. «Wir wussten damals natürlich, dass im Erdgeschoss eine Behindertenwerkstatt eingerichtet würde.» Das habe sie aber überhaupt nicht am Einzug gehindert. «Das ist Leben», sagt sie voller Begeisterung und erinnert sich an eine Begegnung mit einem behinderten Mann vor elf Jahren, als das Gebäude noch im Bau war. «Sichtlich von Stolz erfüllt, sagte er mir damals, dass er dereinst in der neuen Werkstatt arbeiten werde. Diese besondere Begegnung werde ich nie vergessen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2008, 22:16 Uhr

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