Bei Fährunglück Hab und Gut verloren

Eine junge Auswanderer-Familie aus Stäfa hat bei einem Fährunglück vor Marokko alles verloren. Sie kämpft für eine Entschädigung. Und stösst auf sonderbare Ungereimtheiten.

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Im Hafen von Tarfaya, einem kleinen Fischerdorf im Süden Marokkos, herrscht an diesem 30. April geschäftiges Treiben. Es ist 10 Uhr. Gleich wird die Fähre Assalama nach Fuerteventura ablegen. Mit an Bord des Schiffes ist die Stäfner Familie Toth: Peter (47) und Judith (29) mit den Kindern Manoush (2), Anatol (4) und Ronja (7). Unterwegs sind sie mit einem selber ausgebauten VW-Bus. Die Fähre soll die Auswanderer auf die Kanaren bringen. Jahrelang haben sie diesen Schritt geplant. Fünf Monate waren sie im Wohnmobil unterwegs bis nach Tarfaya.

Noch im Hafen kommt es aber zu einem Zwischenfall, der das Leben der Stäfner Familie auf den Kopf stellen wird. Die Meldungen zum Vorfall widersprechen sich. Gesichert ist, dass das unter Panama-Flagge fahrende, bereits 42-jährige Schiff der spanischen Reederei Armas mit seiner kubanischen Besatzung auf einen Fels aufläuft. Pikant: Der Fels hätte mit EU-Fördergeldern längst gesprengt sein sollen. Der Kapitän soll nach kurzer Rücksprache mit der Reederei trotz des Schadens - einem 5 Meter langen Riss im Rumpf - die Überfahrt fortgesetzt haben. «Die einheimischen Fischer schüttelten nur den Kopf», erinnert sich Schriftsteller Toth. Eine Stunde später stoppt das Schiff 5 Kilometer von der Küste entfernt, der Kapitän sendet SOS. «Familien, Frauen und Kinder zuerst!», heisst es kurz darauf auf dem Hauptdeck.

Rettungsboot hatte ein Leck

«Die Rettung der 120 Passagiere verlief chaotisch», so Toth. Das einzige Rettungsboot hat ein Leck, der Motor setzt immer wieder aus. Mitnehmen kann die Familie nichts mehr. «Meine Frau und ich mussten die drei Kinder retten. Die Überfahrt im überfüllten Rettungsboot war die reinste Hölle. Die Kinder hatten grosse Angst.»

Man solle sich keine Sorgen machen, hiess es von der Reederei. Das Schiff werde später in den Hafen geschleppt. Dort erhalte man dann seine Habseligkeiten zurück. Über Nacht werde die Fähre repariert, man habe alles im Griff. Nach einer unruhigen Nacht im Haus von Einheimischen wurden die Schiffbrüchigen nach al-Aiun in der Westsahara verfrachtet. «Wir sollten uns erholen gehen, hiess es. Man werde sich um unsere Sachen auf dem Schiff kümmern», sagt Peter Toth. Spätestens da seien ihm erstmals ernsthafte Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Bergungsbemühungen gekommen. «Die wollten einfach nicht, dass wir mitbekommen, dass sie im Grunde gar nichts unternehmen.»

Am nächsten Morgen dann die Hiobsbotschaft: Das Schiff sei gesunken. «Jetzt ging der Kampf so richtig los. Ich forderte von der Reederei, dass unsere Sachen sofort geborgen werden, bevor dass Schiff noch tiefer sinkt», erzählt Toth, der täglich nach al-Aiun pendelte. Ein bürokratischer Hürdenlauf beginnt. Die Zeit drängt. Noch kann man das Schiff sogar bei Flut betreten. Der VW-Bus steht noch im Trockenen. Zwei Tage später läuft die Fähre komplett voll und sinkt noch einmal 4 Meter tiefer - mit ihr das Wohnmobil mitsamt dem Hausrat der Toths. Deren Hab und Gut liegt seither 500 Meter vor der Küste Marokkos auf Grund. «Wir haben alles verloren, sämtliche Erinnerungen, Fotografien, Spiele, Bilder, die Kuscheltiere der Kinder, kostbare Geigen und all meine Manuskripte - die Arbeit von drei Jahren war für die Katz.»

Zusammen mit 63 anderen Schiffbrüchigen weigerten sich die Toths, Sondermaschinen nach Fuerteventura zu besteigen. Sie verlangten eine Garantie auf ein Entschädigungsverfahren. Und wurden tagelang hingehalten. «Wir wollten nicht weg, bevor uns die Reederei attestiert, dass wir Schiffbruch erlitten haben.»

Dann keimt unvermittelt wieder Hoffnung auf. «Plötzlich hiess es, wir könnten mit einer Delegation der Versicherung mit an Bord und unsere Sachen holen», erinnert sich Toth. «Wir waren rechtzeitig vor Ort. Die Delegation war weg, einmal mehr wurden wir an der Nase herumgeführt.»

Vizekapitän wird handgreiflich

Ob da wirklich alles mit rechten Dingen zugeht? Diese Frage geht Peter Toth nicht mehr aus dem Kopf. Er erinnert sich an zwei seltsame Vorfälle. So sah er, wie am Unglückstag ein Reederei-Vertreter aus einer Ambulanz Säcke entnahm und diese in sein Büro schmuggelte. Oder wie der Vizekapitän der Assalama zwei Tage später eilig ein paar Koffer von Bord holte und sie im Kofferraum seines Wagens verschwinden liess. Das seien wichtige Schiffsdokumente, hiess es. «Als ich die Szene filmen wollte, wurde der Vizekapitän handgreiflich», so Toth.

Heute sei man sich unter den Betroffenen einig. «Es geht um Versicherungsbetrug. Warum hat die Regierung nicht auf unsere Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung reagiert? Warum liegt das Schiff noch immer am gleichen Ort?», fragt sich Toth.

Das tagelange Warten, die ständig wechselnden, teilweise erbärmlichen Unterkünfte, welche die Reederei zur Verfügung stellt, die systematischen Fehlinformationen, mit denen sie für Verwirrung und Zermürbung sorgt, das alles setzt der jungen Familie zu. «Wir waren in al-Aiun völlig isoliert, hatten keine Hilfe von aussen. Kein Konsul, keine Journalisten oder Anwälte, die uns hätten helfen können», klagt der Schriftsteller. Ohne Ausweise kam er nicht an Geld, ohne Geld gabs keine neue SIM-Karte. Nur schon die Suche nach Kleidern für die minderjährigen Kinder gestaltete sich äusserst schwierig.

10-tägiger Hungerstreik

Eine Woche nach dem Unfall an der Hafenmole entschlossen sich die Toths schweren Herzens, den Kampf für Gerechtigkeit von La Palma aus weiterzuführen. Die Tatsache, dass der Familie nach 10 Tagen die Überlebenshilfe gestrichen wurde, veranlasste Peter Toth zu einem mehrtägigen Hungerstreik. Kurz Zeit später kettete er sich am Haupteingang der Reederei in Las Palmas an. Vergangene Woche hat Toth eine Vereinigung für die Schiffbrüchigen der Assalama gegründet. Ans Aufgeben denkt er nicht. «Ich werde nicht locker lassen, bis ich angemessen entschädigt werde», gibt er sich kämpferisch. «Mit ein paar 100 Euro lass ich mich nicht abspeisen. Ich will mein Hab und Gut zurück. Damit meine Kinder endlich wieder mit ihren Spielsachen spielen können.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2008, 08:54 Uhr

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