Beisetzung zwischen Bäumen ist begehrt

Seit einem halben Jahr werden im Waldfriedhof auf der Hochwacht Bestattungen vollzogen. Die Nachfrage ist gross, und die Interessenten sind keineswegs nur reiche Goldküstenbewohner.

Der Baumstamm als Grabstein: Auf dem Waldfriedhof auf der Hochwacht am Pfannenstiel sind bereits 23 Bäume vergeben.

Esther Michel

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Ein Oktobertag auf dem Pfannenstiel beim Aussichtsturm Hochwacht: Warmer Wind streicht durch das Geäst des Waldes. Blätter rascheln, Äste knarzen, und zwischen den Stämmen schimmert gräulich der Zürichsee. Ein Schweizer Mittellandwald wie jeder andere – wären da nicht die grün-weissen Buchstaben, die einzelne Stämme zieren. Die gepinselten Zeichen weisen darauf hin, dass dies ein Ort ist, an dem Menschen ihre letzte Ruhe finden.

Seit Anfang April befindet sich auf dem Waldgebiet der Forstkorporation Pfannenstiel ein sogenannter Friedwald, in dem Naturliebhaber nach dem Tod ihre Asche an den Wurzeln eines Baumes beisetzen lassen können. Schweizweit gibt es bereits 62 solche Naturfriedhöfe. Verwaltet werden sie von der Friedwald GmbH.

Ueli Sauter, Geschäftsführer und Vater der Idee, zieht nach einem halben Jahr Friedwald Pfannenstiel eine positive Bilanz: «Wir haben ausschliesslich gute Reaktionen erhalten, was uns nicht überrascht. Viele Leute haben geradezu auf diese Bestattungsform gewartet.» Die Erwartungen seien jedenfalls erfüllt worden. Dies bestätigt Fritz Tritten, Präsident der Forstkorporation Pfannenstiel-Hochwacht. «Früher wurde die Asche einfach im Wald oder am Seeufer verstreut» – was kürzlich wieder vorgekommen sein soll. Innerhalb der Waldarbeit sei es deshalb schon zu merkwürdigen Situationen gekommen, sagt Tritten. Etwa während eines Holzschlags, als eine Frau im Wald aufgetaucht sei, weil sie befürchtete, dass der Baum, unter dem sie die Asche ihres Lebenspartners verstreut hatte, gefällt würde.

Ein Baum kostet 4900 Franken Solcherlei Sorgen müssen sich Friedwald-Kunden nicht machen. Denn die Waldparzelle ist ins Grundbuch eingetragen worden. Damit wird vertraglich garantiert, dass die Bäume für die nächsten 99 Jahre unangetastet bleiben. Und sollte ein Unwetter einen der Bäume fällen, würde ein neuer gepflanzt.

Dass die Leute die Asche ihrer verstorbenen Angehörigen nicht einfach im Wald oder am See verstreuen, hat laut Sauter einen weiteren Grund. «Sie möchten einen geografischen Bezugspunkt haben, und genau das ermöglicht der Baum im Friedwald.» 4900 Franken muss einem allerdings dieser sichere Bezugspunkt wert sein. Je nach Lage und Grösse des Baumes kann der Preis noch höher sein. Offenbar sind viele Angehörige bereit, die stolze Summe zu bezahlen. In den ersten sechs Monaten sind bereits 23 Bäume verkauft worden.

Der Wirt profitiert von Waldfriedhof

Dass der Friedwald bei der Bevölkerung von Meilen und der Forstkorporation vor einem halben Jahr problemlos akzeptiert wurde, hing auch damit zusammen, dass das Restaurant Hochwacht sich bereit erklärte, den Friedwaldbesuchern Parkplätze zur Verfügung zu stellen. Hochwacht-Wirt Fredi Jost hat dieses Entgegenkommen nie bereut: «Ein- bis zweimal pro Monat profitieren wir vom Friedwald, wenn eine Gesellschaft das Leidmahl bei uns abhält.» Vermutungen, dass es sich bei den Friedwaldkunden um eher extravagante Individuen oder gar Sektierer handeln könnte, räumt Jost aus der Welt. «Die Friedwaldkunden sind ganz normale Leute.»

Die Konfession spielt keine Rolle

Ueli Sauter vom Friedwald beschreibt seine Kundschaft als ein typisch schweizerisches, bunt durchmischtes Grüppchen. Auch das Klischee vom reichen Goldküstenkunden will er nicht gelten lassen. «Man kann nicht sagen, dass auf dem Pfannenstiel mehr Reichere ihre Asche verstreuen lassen als in den anderen Friedwäldern der Schweiz.» Vermögen spielt für die Naturliebhaber, die sich auf dem Pfannenstiel bestatten lassen wollen, ebenso wenig eine Rolle wie die Konfession. Oftmals wisse man gar nicht, ob jemand Protestant oder Katholik sei, sagt Sauter und betont, dass es keine Probleme mit der Kirche gebe, weil sich die Friedwaldidee klar von naturreligiösen Strömungen distanziere.

Tatsächlich unterscheidet sich der Waldfriedhof gar nicht so sehr vom traditionellen Gottesacker. Der einzelne Baum kann ohne weiteres als Grabstein gesehen werden. So empfinden es offenbar auch die Angehörigen, wie die niedergelegten Blumensträusse beweisen, die man beim Spaziergang durch den Friedwald immer wieder antrifft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2008, 08:11 Uhr

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