Birnen sind Mangelware – warum ist unklar

Wer gerne einheimische Birnen konsumiert, kommt in diesem Jahr nicht auf den richtigen Geschmack – die Erträge von Tafel- und Mostbirnen sind mies. Die Experten rätseln.

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Etwa fünf Tonnen Tafelbirnen erntet der Wädenswiler Obstbauer Jürg Rellstab jährlich – in der Regel. In diesem Herbst werden es jedoch bloss etwa 1,5 Tonnen sein. Warum der Birnenertrag derart schlecht ausfällt, kann sich der Landwirt nicht erklären. Bei einzelnen Sorten, etwa der beliebten Lagersorte Kaiser Alexander, ernte er bloss zehn Prozent der durchschnittlichen Menge. Auch die Bäume mit der Sorte Conférence hätten heuer nur ganz wenige Früchte getragen.

Dafür ist Rellstab, der Tafelbirnen auf einer Fläche von 20 Aren anbaut, mit dem Ertrag aus seiner zwei Hektaren grossen Intensivapfelanlage zufrieden. Rund 50 Tonnen Äpfel wird er pflücken und direkt ab seinem Hofladen verkaufen können.

Birnbäume verausgabten sich zu stark

Rellstab ist nicht der einzige Obstbauer im Bezirk, der sich ob der schlechten Birnenerträge verwundert die Augen reibt. Auch Experte Stefan Brägger, Leiter der kantonalen Fachstelle Obst, tappt im Dunkeln. «Wir können nur Vermutungen anstellen. Eine mögliche Erklärung ist, dass sich die Bäume im letzten Jahr, als die Erträge hervorragend waren, zu stark verausgabt und deshalb heuer weniger Blüten gebildet haben», sagt Brägger. Die Erträge bei Tafelbirnen seien im Übrigen nicht nur landes-, sondern europaweit schlecht.

Das gilt auch für die Mostbirnen, bei denen ein zweiter Faktor eine Rolle spielt: natürliche Ernteschwankungen, Alternanz genannt, also in einem Jahr hohe und im andern miese Erträge.

Wenig Einfluss auf die Preise

Wer nun glaubt, die magere Ernte wirke sich in massiv höheren Preisen aus, irrt. «Es ist möglich, dass der Preis im Laden zwischen 10 und 15 Prozent höher liegt als im letzten Jahr. Mehr wohl kaum», sagt Brägger. Das letzte Wort zwischen Obstbauern und ihren Abnehmern sei jedoch noch nicht gesprochen.

Jürg Rellstab ist als Direktvermarkter nicht auf das Verhandlungsgeschick seiner Berufskollegen und der Funktionäre beim Schweizerischen Obstverband angewiesen. Er verlangt mit derzeit 3.20 Franken für ein Kilogramm Tafelbirnen nur minim mehr als im letzten Jahr. Landwirte, die ihre Früchte Grossabnehmern liefern, werden laut Brägger etwa dreimal weniger lösen.

Zu tun hat die hohe Preisstabilität in der Schweiz mit dem Importsystem. Während der sogenannt bewirtschafteten Phase – dann, wenn in der Schweiz am meisten Birnen geerntet werden – sind die Schutzzölle auf Importware sehr hoch. Damit verhindert das Bundesamt für Landwirtschaft, dass die einheimische Produktion durch Billigeinfuhren bedrängt wird. Je geringer die Lagervorräte an einheimischen Früchten werden, umso tiefer werden die Schutzzölle angesetzt. Sicher ist, dass die Birnensaison 2009 nicht mehr wie heuer bis März dauern wird. «Im Februar wird es wohl heissen: Ausverkauft», prognostiziert Jürg Rellstab.

Orcava hält sich bedeckt

Die unerklärbar schwache Ernte wirkt sich auch auf Mostereien und Destillerien aus, etwa auf die Orcava in Hirzel, die einzige im Bezirk. Oliver Wullschleger von der Nachfolgefirma der 2003 Konkurs gegangenen Obst- und Weinbaugenossenschaft Wädenswil (OWG) spricht von «bedeutend weniger Mostbirnen als im Superjahr 2007». Wie hoch die verarbeitete Menge ausfällt, will er partout nicht preisgeben, ebenso wenig Orcava-Verwaltungsratspräsident Xavier von Werra. Mit der Obstverarbeitung würden sich bei der Orcava derzeit drei Mitarbeiter beschäftigen, so Wullschleger.

Die Orcava zügelte 2006 von der Seestrasse in Wädenswil in die ehemalige Hirz-Fabrik an der Schönenbergstrasse in Hirzel-Spitzen. Sie verwertet neben Mostobst auch weitere Lebensmittel und ist auf die Weinkelterung spezialisiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2008, 22:04 Uhr

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