Blocher finanziert Wohnschule Freienstein

Eine Million Franken spendet Christoph Blocher für einen Schulhausbau in Freienstein. Sein Ururgrossvater war der erste Leiter der Wohnschule.

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Christoph Blocher spendet der Wohnschule Freienstein eine Million Franken, damit sie das dringend benötigte neue Schulhaus bauen kann. Was hat den milliardenschweren Unternehmer aus Herrliberg dazu gebracht, die privat geführte Institution für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche mit einem namhaften Betrag zu unterstützen?

Die Antwort darauf ist in den Anfängen der Wohnschule Freienstein zu finden. Damals hiess die Schule noch «Rettungsanstalt für arme und verwahrloste Kinder». Ein passender Name, wenn man bedenkt, dass sich vor der Gründung des Schweizer Bundesstaates keine staatliche Stelle für das Elend der Jüngsten verantwortlich fühlte. Es waren denn auch sieben Pfarrer aus dem Embrachertal und umliegenden Gemeinden, die 1838 die «Anstalt» auf einem Bauernhof in Freienstein gründeten. Auf der Suche nach einem Heimleiter wurde ihnen ein Doktor Johann Georg Blocher empfohlen - der Ururgrossvater von Christoph Blocher.

Der erste «Armenvater»

Johann Georg Blocher (1811-1899) war ursprünglich ein Schreinergeselle aus Leidringen im damaligen Königreich Baden-Württemberg, der sich an einer württembergischen Schule zum Lehrer ausbilden liess. Er unterrichtete später in einer Gemeinde im Berner Oberland und trug sich bereits mit dem Gedanken, zurück nach Deutschland zu gehen, als ihn der Ruf aus dem Unterland erreichte.

«Und so kam es, dass Doktor Blocher anstatt nach Berlin nach Freienstein reiste», erzählt der Präsident des Trägervereins der Wohnschule Freienstein, Werner Ebneter, und muss dabei schmunzeln. Nach einem zweitägigen Fussmarsch habe der deutsche Lehrer schliesslich die Stelle als erster «Armenvater» - sprich Heimleiter - antreten können.

Laut Ebneter sind die damaligen Geschehnisse in einem Neujahrsblatt der Lesegesellschaft Bülach aus den 1950er-Jahren überliefert. Der frühere Gemeindepräsident von Rorbas war es auch, der auf die alte Verbindung zwischen der Schule in Freienstein und der Familie Blocher stiess. «In einer alten Jubiläumsschrift für die Wohnschule gab es eine Andeutung.»

Gestern informierte der Trägerverein der Wohnschule über die Fortschritte auf der Baustelle, die unterhalb des Freiensteiner Burghügels liegt. Christoph Blochers Zusage über eine Million Franken ist die «Krönung» einer erfolgreich verlaufenen Spendenkampagne, um den geplanten Schulhausneubau zu finanzieren. Der Verein selbst muss gut 3 Millionen Franken an die Bau- und Umbaukosten von rund 5,2 Millionen Franken beisteuern. Das Ziel der Fundraising-Kampagne ist mit mehr als 2,8 Millionen Franken deutlich übertroffen worden. Dank dieses ausserordentlichen Ergebnisses müsse der Trägerverein «keinen Rappen Fremdkapital aufnehmen», sagt Ebneter. Weil zudem ein Grossteil der Spenden bereits überwiesen wurde, sei auch kein Baukredit nötig.

Dank der unerwartet hohen Spendeneinnahmen könne auch noch eine Wärmepumpenheizung finanziert werden, sagt der Vizepräsident des Trägervereins, Peter Salmoiraghi. Als Präsident der Baukommission freut er sich über den reibungslosen Verlauf der bisherigen Bauarbeiten. Gemäss Terminplan wird der Schulhausneubau im Frühling 2009 bezugsbereit sein. Anschliessend kann mit der Sanierung der Wohngebäude und dem Bau von Lagerräumen begonnen werden.

Blochers gibt es wegen Freienstein

An der feierlichen Einweihung, die für 2010 geplant ist, wird bestimmt auch Christoph Blocher als einer von zahlreichen Spendern teilnehmen. Dass es ihn überhaupt gibt, hat er den Unterländer Pfarrern zu verdanken. Um 1840 drängten sie seinen Ururgrossvater zur Heirat. Der Heimleiter sollte sich eine Frau nehmen, damit die Anstalt auch Mädchen aufnehmen konnte. So ging er im Berner Oberland auf Brautschau und wurde dort auch fündig. «Aus dieser Ehe entstand der Stamm Blocher», sagt Werner Ebneter.

Dass es dem deutschen Pädagogen in Freienstein besonders gut gefiel, ist hingegen nicht überliefert. Als Heimleiter war er nicht in einer starken Position, sondern von der Gunst der Pfarrer abhängig. Den Schlüssel zur Vorratskammer etwa hatte die Pfarrersfrau im benachbarten Dättlikon. Da verwundert es auch nicht, dass sich Johann Georg Blocher mit seinen Geldgebern überwarf. Nach zehn Jahren hielt er die Differenzen mit der Trägerschaft nicht mehr aus und kehrte ins Berner Oberland zurück.

Dass die Freiensteiner auf unerwartete Unterstützung zählen können, beweist eine weitere Spende, die von einer privaten Stiftung stammt. Deren Gründer hatten sich vor 60 Jahren als Angestellte der Wohnschule kennen und lieben gelernt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2008, 10:10 Uhr

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