China diskriminiert seine 55 Minderheiten systematisch

Der chinesische Nationalismus wurzelt im Mythos, das Reich der Mitte sei die Wiege der Zivilisation. Die Tibeter und alle anderen Minderheiten im Land gelten als unkultiviert und zu entwickeln.

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Jetzt sind alle Sicherungen durchgebrannt. Gift und Galle ergiessen sich übers Internet und brechen in antiwestlichen Aktionen ätzend zu Tage. Mehr als 20 Millionen Chinesen haben Petitionen online unterschrieben, die zum monatelangen Boykott gegen Carrefour, Louis Vuitton und andere französische Geschäfte aufrufen. Manche regen an, im Mai gleich auch noch amerikanische Ketten wie McDonald’s und Kentucky Fried Chicken zu meiden, weil der olympische Fackellauf nicht nur in Frankreich, sondern auch in den USA von protibetischen Protesten gestört wurde. Eine Umfrage der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua hat ergeben, dass 66 Prozent aller Chinesen sich dem Boykott anschliessen wollen.

Die Welle der Empörung ist rasch auf die Chinesen im Ausland übergesprungen. In Massen gingen sie am letzten Wochenende in Berlin, Paris, London und Los Angeles auf die Strassen, die «negative Berichterstattung über China», ja die «Dämonisierung der Volksrepublik» anzuprangern. Viele der Demonstranten trugen T-Shirts mit dem Aufdruck: «Ich liebe China», als gelte es Solidarität mit einer bedrängten Nation zu bekunden, als sei nicht Tibet unterdrückt, sondern die Volksrepublik.

Als «Landesverräterin» wurde die chinesische Studentin Grace Wang gebrandmarkt, die an einer der renommiertesten Hochschulen der USA, der Duke University, versucht hatte, zwischen tibetischen und chinesischen Demonstranten zu vermitteln. Ihre Adresse und diejenige ihrer Eltern in Qingdao wurde von Kommilitonen postwendend im Internet publiziert. Jetzt stehen die 20-Jährige und ihre Familie im Zentrum einer Hetzkampagne: «Wenn du nach China zurückkehrst, wird dein toter Körper in 10'000 Stücke zerteilt», lautete eine hasserfüllte E-Mail an die Studentin. Schlimmer noch: Ihr Vater distanzierte sich unter dem immensen Druck öffentlich von ihr.

Die erdrückende Volksmasse

Das Kesseltreiben erinnert an kulturrevolutionäre Blindwütigkeit. Die staatliche Propaganda hat das Ihre getan, den Chauvinismus heraufzubeschwören. Kein Zweifel. Mit Geschichtsklitterung und Meinungsmache des kommunistischen Regimes allein lässt sich die Xenophobie allerdings nicht erklären. Die Volksrepublik zählt heute 229 Millionen Internetanschlüsse, die es ermöglichen, sich umfassend zu informieren. So man will. Und die Chinesen im Ausland sind der Gleichschaltung Pekings nicht unterworfen. Die chinesischen Studenten an der Duke University gehören zur heranwachsenden Elite des Landes, deren Horizont durch das Studium im Ausland erweitert werden soll. Darauf setzt die internationale Politik unter anderem mit ihrer Strategie, die Volksrepublik einzubinden. Sie hat zu Fortschritten auf vielen Gebieten geführt. Doch was Tibet und den Umgang mit den ethnischen Minderheiten anbelangt, ist kein Umdenken zu verzeichnen. Warum?

Die ungeheure Grösse und Vielfalt der chinesischen Bevölkerung spielt bei dem überdrehten Nationalismus mit: Eine Masse von 1,3 Milliarden Menschen orientiert sich primär nach innen und muss sich um Zusammenhalt bemühen angesichts eines ethnischen Puzzles, in dem das Volk der Han zwar mit 92 Prozent der Bevölkerung klar die Mehrheit bildet, aber die 55 anerkannten Minderheitenvölker sich über 60 Prozent der Staatsfläche verteilen. Der aus China stammende amerikanische Politologe Lucian Pye hält treffend fest: «China ist eine Zivilisation, die vorgibt, eine Nation zu sein.» Das war schon lange, bevor Mao Zedong 1949 die Volksrepublik ausrief, der Fall. Die Kultur, keine scharf gezogene Grenze, definierte seit alters China. Das Reich der Mitte galt als Wiege der Zivilisation an sich, der Kaiser auf dem Drachenthron als Himmelssohn, der universellen Herrschaftsanspruch besass. Die nomadischen Stämme, die in den Steppen und Bergen rund um das chinesische Kernland lebten, wurden als Barbaren angesehen, bar jeder Kultur, denen die Zivilisation zu bringen war.

Es ist ein Mythos, in dem der chinesische Irrglaube wurzelt, kulturell allen anderen Völkern überlegen zu sein mit einer Zivilisation, die mehr als 5000 Jahre zurückreicht. Angeblich ungebrochen. Tatsache ist, dass sich Dynastien chinesischer und nomadischer Herkunft auf dem Drachenthron abwechselten. Im 13. Jahrhundert eroberten die Mongolen das Reich der Mitte, im 17. Jahrhundert die Mandschu. Die Geschichte bestätigte den chinesischen Ethnozentrismus insofern, als die aus der Steppe stammenden Fremdherrscher ausser Stande waren, dem Riesenreich ihre Kultur aufzuzwingen. Sie mussten zur Sicherung der Macht auf den chinesischen Beamtenapparat und die bestehenden Verwaltungsstrukturen zurückgreifen. Die Folge war, dass sie sich der chinesischen Kultur anglichen, an Schlagkraft verloren und schliesslich entthront wurden.

Die Geschichte des chinesischen Kaiserreichs und der Nomadenvölker an seinen Rändern verlief in interdependenten Zyklen von Integration und Zerfall. Die Reibung aneinander war konstant: Dem Kaiserreich war es institutionell nicht möglich, die Nomaden effektiv zu kontrollieren, diese wiederum konnten zu keinem Wohlstand gelangen ohne Handel mit dem Kaiserreich. Auf Grund dieser Pattsituation etablierten sich Tributbeziehungen: Die umliegenden Völker anerkannten den universellen Herrschaftsanspruch des chinesischen Kaisers rituell, indem sie Abgaben entrichteten, die effektiven Machtverhältnisse bewegten sich jedoch in einem Graubereich. Das diente dem Reich der Mitte als Legitimation – und nährte die Illusion, der Nabel der Welt zu sein. Gegen Einflüsse und Beziehungen, die das Gegenteil belegten, schottete sich China ab. Die positive Seite war, dass das chinesische Kaiserreich – im Gegensatz zu den westlichen Grossmächten und Japan – keinen Kolonialismus betrieb.

Die grosse Gleichmacherei Heute erhebt die Kommunistische Partei Anspruch, die allein selig machende Ideologie zu besitzen. Das Regime in Peking verbittet sich jede Kritik. Am kulturellen Superioritätsanspruch und dem politischen Ziel, die angeblich rückständigen Minderheitenvölker der Pekinger Einheitslinie zu unterwerfen, hat sich nichts geändert. Neu ist der immense Bevölkerungsdruck, die Zuwanderung aus dem chinesischen Kernland in die Minderheitengebiete, und neu sind die totalitären und die ökonomischen Mittel, das Hinterland gleichzuschalten. Sie bilden ein Gemisch, das der westlichen Kolonialpolitik vergangener Tage verdächtig ähnlich sieht, seitdem Peking im Jahr 2000 den Randregionen unter dem Motto «Go West» eine forcierte Wirtschaftsentwicklung verschrieben hat – nach chinesischem Muster, denn das Wachstum nützt eher den zugewanderten Han-Chinesen als den einheimischen Hirten.

Prestigeträchtiges Symbol von Pekings zivilisatorischen Ambitionen ist die Eisenbahnlinie von Golmud nach Lhasa, die über Hunderte von Kilometern auf Permafrost-Boden verläuft, der mit einem Kühlsystem versehen wurde, damit er nicht schmilzt. Als Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao das vier Milliarden Franken teure «Wunderwerk der Technik» vor zwei Jahren einweihte, erklärte er: «Der Zug auf das Dach der Welt zeigt, dass wir den Mut, das Selbstvertrauen und die Fähigkeit besitzen, uns unter den entwickeltsten Völkern der Welt zu behaupten.»

Die Wachstumsrate in Tibet ist seither auf 14 Prozent hochgeschnellt, der Tourismus ist explodiert: Vier Millionen Menschen, 365 000 von ihnen Ausländer, haben im letzten Jahr das Dach der Welt besucht. Noch stellen Tibeter amtlichen Angaben zufolge mehr als 90 Prozent der 2,85 Millionen Einwohner. Aber in Lhasa leben bereits ebenso viele Zugezogene wie Einheimische. Bars und Restaurants, Handyshops und Massagesalons schiessen im Westen der Stadt wie Pilze aus dem Boden. Der Preis für Gerstenmehl, Hauptbestandteil des tibetischen Nationalgerichts Tsampa, hat sich in den letzten Monaten verfünffacht. Die Dämonisierung des Dalai Lamas durch die Führung in Peking tut ein Übriges, dass sich die Tibeter von China überrollt fühlen. Sie beklagen, nicht einmal mehr in Frieden sterben zu können: Die riesigen Aasgeier, welche die Bestattungsfelder, auf denen sie ihre Leichname traditionell zur «Himmelsbestattung» auslegen, zu säubern pflegten, sind vor der enormen Geschäftigkeit geflohen.

In den chinesischen Zeitungen steht davon nichts zu lesen. Fein säuberlich listen sie dieser Tage auf, welch ungeheure Anstrengungen die Volksrepublik unternimmt, Tibet zu entwickeln. Die Daten dienen dem Volk als Beweis, wie ungerecht die Kritik am chinesischen Vorgehen ist.

Erstellt: 11.07.2008, 15:45 Uhr

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