China reagiert mit Nationalismus auf Kritik

Boykottaufrufe für französische Produkte, Hetze gegen ausländische Medien: Tibetkrise und Olympiakritik entfachen Chinas Nationalismus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Derzeit sind es zur Abwechslung mal die Franzosen, die es mit dem Nationalstolz der Chinesen zu tun bekommen. «Mobilmachung!» steht in der SMS, die derzeit auf zehntausenden von chinesischen Handys auftaucht. «Am 1. Mai boykottieren wir Carrefour in China.» Niemand solle mehr in dem französischen Supermarkt einkaufen, fordern die Organisatoren. Sogar ein genereller Boykott französischer Waren wird gefordert. «Kauft ab jetzt keinen Peugeot mehr, tragt kein französisches Parfüm, esst kein französisches Essen mehr!», lautet eine der Parolen im chinesischen Internet.

Der Anlass für diese Aktion waren die Proteste beim olympischen Fackellauf in Paris. Die Franzosen hätten nicht genug getan, das Feuer gegen «anti-chinesische Kräfte» und «tibetische Abspalter» zu verteidigen, hatten Chinas Medien berichtet. Die Kritik an Frankreich soll von den wahren Ereignissen in Tibet ablenken, vor allem aber von der unrühmlichen Rolle der chinesischen Sicherheitskräfte. Auch Frankreichs Medien müssen da als Sündenböcke herhalten. «Wenn die französischen Medienleute glauben, sie seien privilegiert und könnten mit ihren dreckigen Fingern auf China zeigen, dann machen sie einen grossen Fehler», hetzte die «China Daily».

Die KP schürt das Feuer

All dies gefällt einem erstaunlich grossen Teil der chinesischen Jugend. Die Kritik aus dem Westen schürt bei ihnen einen hitzköpfigen Nationalismus. Und die Kommunistische Partei sieht nicht bloss zufrieden zu, sondern fördert ihn noch weiter. Mehrere Büros ausländischer Journalisten in Peking haben bereits Todesdrohungen erhalten. In Geist und Sprache ist in China derzeit ein partieller Rückfall in die ruhmlose Zeit der Kulturrevolution zu beobachten, in der «ausländische Teufel» und «Feinde des Sozialismus» angegriffen wurden. Damals wie heute sollen Schläge nach aussen als Integrationsfaktor nach innen wirken.

All dies geschieht jedoch ausgerechnet drei Monate vor den Olympischen Spielen, wo sich China der Welt als modernes und gastfreundliches Land präsentieren wollte. Während derzeit im Ausland wieder das alte Klischee Hochkonjunktur hat, Chinesen dürften niemals «ihr Gesicht verlieren», demonstriert Peking das genaue Gegenteil. Internationales Ansehen kümmert die Führung wenig, wenn sie einen Angriff auf die territoriale Unversehrtheit des Landes wittert.

Die Tibetkrise und die Olympiaproteste sind indes nicht die ersten Spannungen, die Chinas neuen Nationalismus so offen zutage treten lassen. Als amerikanische Kampfflieger im Frühjahr 1999 versehentlich die chinesische Botschaft in Belgrad bombardierten, verprügelte ein aufgebrachter chinesischer Mob in Peking wahllos ausländische Reporter. Vor drei Jahren bewarfen chinesische «Patrioten» japanische Konsulate in ganz China mit Steinen und Eiern, weil sie die Ehre der Nation von japanischen Geschichtsbüchern besudelt sahen. Japanische Fotografen wurden verdroschen.

Frucht «patriotischer Erziehung»

Viele Jahre einer intensiven Kampagne «patriotischer Erziehung» in Chinas Schulen und Universitäten haben den Nährboden für solche Exzesse geschaffen. Die vor knapp drei Jahrzehnten begonnenen Wirtschaftsreformen Deng Xiaopings haben dem Land nicht bloss beeindruckende Hochhäuser und Olympiastadien gebracht, die von internationalen Stararchitekten wie Herzog&de Meuron gebaut werden. Sie haben der KP auch eine Identitätskrise beschert. Wo Marxismus und Leninismus nicht nur als Wirtschaftstheorien, sondern auch als Zement für den Vielvölkerstaat China diskreditiert sind, hat sich die Parteielite für den Kitt des Nationalismus entschieden. Sie porträtiert sich als stolze Hüterin der Nation.

Von den Demonstrationen der Mönche in Lhasa und dem folgenden Volksaufstand überrascht, fällt Chinas Führung nun wieder auf dieses bewährte Mittel zurück. «In einer Krise ist die nationalistische Karte eine der stärksten, die von der Regierung ausgespielt werden können», sagt der chinesische Analyst Willy Wo Lap-Lam in Hongkong. Damit könne sie «von den Fehlern ablenken, die sie gemacht hat».

Der grösste dieser Fehler war der Einmarsch der Volksarmee in das damals seit Jahrzehnten unabhängige Tibet in den Jahren 1950 und 1951. Maos Truppen vertrieben den Dalai Lama ins Exil. Selbst eine systematische, jahrzehntelange Kampagne der Unterdrückung seiner Anbetung konnte nicht die Rufe nach seiner Rückkehr ersticken, die nun auch den olympischen Fackellauf begleiten.

Rebellion der Minderheiten

Auch soll die taktische Pseudokritik am Westen verschleiern, dass Chinas historischer Anspruch auf Tibet auf sehr wackeligen Beinen steht. Tibet sei schon in der Yuan-Dynastie im 13. und 14. Jahrhundert von China beherrscht worden, behauptet Pekings Propaganda. In Wirklichkeit hatten die Lamas in Lhasa damals zwar Tribut entrichtet, ihr Land ansonsten aber weit gehend autonom regiert. Dass die Mongolen, die in Peking eingefallen waren und die Yuan-Dynastie etabliert hatten, auch keine ethnischen Chinesen waren, wird trotz des rassistischen Untertons des chinesischen Nationalismus pragmatisch unter den Teppich gekehrt.

Der ethnisch-kulturelle «Patriotismus» («aiguo zhuyi») aller 56 Minderheiten, der von der KP beschworen wird, ist angesichts dieser historischen Tatsachen reine Fiktion. Ähnlich wie früher schon der politisch intonierte Sowjetpatriotismus ist er ein Zweckkonstrukt, dass den Zerfall eines mit militärischen Invasionen eroberten Vielvölkerstaates verhindern soll. Doch mit ihrer Strategie reitet Chinas KP einen gefährlichen Tiger. Je stärker sie die Tibeter, Mongolen und Uiguren in Xinjiang knebelt und mit «patriotischen Erziehungskampagnen» überzieht, desto stärker rebellieren sie.

Sowohl Chinas derzeitige Führung, als auch die jungen Internet-Rebellen, die sie auf ihre Seite ziehen konnte, werden der Einheit ihrer Nation daher auf Dauer wohl eher Schaden zufügen. Dies ist zumindest die Meinung von 30 chinesischen Intellektuellen, die sich mit einem offenen Brief an ihre Regierung gewandt haben. «Gegenwärtig hat die einseitige Propaganda in den offiziellen chinesischen Medien eher die Wirkung, ethnische Animositäten zu schüren... Dies ist dem langfristigen Ziel der Sicherung der nationalen Einheit diametral entgegengesetzt», schreiben die Professoren und Schriftsteller.

Erstellt: 11.07.2008, 15:39 Uhr

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Blogs

Nachspielzeit Bratwurst statt Showeinlage

Never Mind the Markets Wie liberal ist die Schweiz?

Abo

Weekend-Abo

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Durch die Blume: Am Narzissenfest auf dem Grundlsee in Österreich zieht ein Boot einen Stier aus Blumen hinter sich her (28. Mai 2017).
(Bild: Leonhard Foeger) Mehr...