«Dann bleibe ich halt ein Tschingg»

Carmine Ambrosio lebt seit 45 Jahren in der Schweiz. Eingebürgert wird er vermutlich trotzdem nicht – er hat die Prüfungen nicht bestanden.

Hofft, dass die Gemeindeversammlung ihm den Weg zur Einbürgerung ebnet: Taxiunternehmer Carmine Ambrosio.

Hofft, dass die Gemeindeversammlung ihm den Weg zur Einbürgerung ebnet: Taxiunternehmer Carmine Ambrosio. Bild: David Baer

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«Hast du zu wenig gelernt?», wird der gebürtige Italiener derzeit von dem meisten Kollegen gefragt, die er in seinem Wohnort Oberglatt antrifft und denen er seine Geschichte von seinen verhauenen Prüfungen an der Schule für Weiterbildungskurse (WBK) Dübendorf erzählt. Diese führt seit 2006 für Oberglatt wie auch für andere Unterländer Gemeinden die Einbürgerungsprüfungen durch. In Dübendorf wurde Ambrosio denn auch Anfang Jahr in seinem staatskundlichen Wissen geprüft, und bei dieser stündigen Prüfung fiel Ambrosio zweimal in Folge durch. Zusätzlich bestand er auch die obligate Deutschprüfung nicht.

Da ihm nach zweimaligem Versagen kein weiterer Versuch zusteht, wird sein Einbürgerungsantrag an der kommenden Gemeindeversammlung vom 24. September den Stimmbürgerinnen und -bürgern zur Ablehnung vorgelegt mangels vollständiger Integration.

Ein Bünzli durch und durch

Integriert fühlt sich der gebürtige Italiener aus Kalabrien aber ganz und gar. Schliesslich lebt er seit 45 Jahren in der Schweiz, in Oberglatt seit 27 Jahren; seit 1972 führt er hier ein eigenes Taxiunternehmen, leitete zeitweise einen Taxidienst für Kindergartenkinder und kennt deshalb «ganz Oberglatt». «Er ist tatsächlich ein grösserer Bünzli als wir Schweizer», sagt ein Mitarbeiter des Bahnhofsladens Avec, der sich zu Ambrosio an den Bistrotisch setzt und ihm auf die Schulter klopft, «er kommt jedes Mal zurück in den Laden, wenn wir ihm zehn Rappen zu viel für ein gekauftes Gipfeli herausgegeben haben.» Exakt sei er, bestätigt Ambrosio; sein Freundeskreis bestehe auch hauptsächlich aus Schweizern. Und einen typischen Sonntag verbringt er in seinem kürzlich erworbenen Schrebergarten. Weshalb hat es dann doch nicht geklappt an den Prüfungen? «Reden kann ich», sagt er darauf spontan, «aber mit dem Schreiben ...» und verdreht die Augen. So kam es, dass er beim zweiten staatskundlichen Test 9 von 45 Fragen einfach leer gelassen hat, obwohl die Prüfungsleiterinnen den Prüflingen eingetrichtert hatten, ja überall etwas zu schreiben. «Ich habe die Fragen einfach nicht verstanden», erklärt Ambrosio und fügt dann «diese Nervosität» an, «zusammen mit 30 anderen Personen in einem Saal». Schliesslich fehlte ihm beim zweiten Mal nur eine richtige Antwort, sonst hätte er bestanden.

«Sonst bleibe ich halt ein Tschingg»

An der kommenden Gemeindeversammlung will der 65-jährige Carmine Ambrosio nun den negativen Entscheid des Gemeinderats vor die Stimmbürger bringen und diese entscheiden lassen, ob er Schweizer werden darf oder nicht. Genügen würde ihm ein einfaches Mehr. Doch die Chancen stehen schlecht: In den letzten zehn Jahren sind bis jetzt nur drei vom Gemeinderat abgelehnte Fälle an die Versammlung weitergezogen worden, und in allen Fällen folgte man dem Entschluss des Gemeinderates. Auch Gemeindeschreiber Christian Fuhrer sagt: «Wir hatten in Oberglatt noch nie Probleme bei Einbürgerungen. Die Stimmbürger haben Vertrauen in den Gemeinderat.» Auch wenn es im Fall Ambrosio nur die Paragrafen seien, die gegen ihn sprächen. «Sein Deutsch ist offensichtlich zu wenig gut, um eingebürgert zu werden», so Fuhrer.

Ambrosio hofft in seinem Fall auf einen guten Ausgang. Er glaubt, dass viele seiner Bekannten kommen werden, um für ihn zu stimmen. Und wenn es dann doch nicht klappt? «Dann», so sagt er spontan, «bleibe ich halt ein Tschingg.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2008, 21:59 Uhr

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