Der Kanton kontrolliert die Tätowierer nicht

Bund und Verbände haben Richtlinien für die Tattoo- Studios erarbeitet. Für die Einhaltung dieser Regelungen wollen die Kantone aber nicht zuständig sein.

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Der junge Mann sitzt locker auf dem Stuhl und lässt sich seinen entblössten Oberkörper mit grosszügigen Motiven verzieren. Joe Kilchör, der hier tätowiert, trägt eng anliegende Plastikhandschuhe und arbeitet konzentriert. Von Zeit zu Zeit wischt er die bearbeitete Stelle sauber und wirft das benutzte Einwegtuch in den Eimer. Hygienisch einwandfrei wird hier gearbeitet: Die wichtigste Voraussetzung in dieser Branche. Die Vorgaben dafür hat Kilchör sich selbst auferlegt. Im 2005 hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Arbeitsgruppe ernannt, in der unter anderem Vertreter vom Verband Schweizerischer Berufstätowierer (VST) sowie Experten aus der Mikrobiologie, der Rechtsabteilung Medizinwesen und der Dermatologie mitwirkten. Sie haben die Richtlinien für eine «gute Arbeitspraxis» im Bereich Tattoo, Permanent-Make-up und Piercing erarbeitet. Diese beinhalten persönliche Voraussetzungen, Anforderungen an die Hygiene, Grundvoraussetzungen zur Berufsausübung, aber auch Notfallmassnahmen bei Blutkontakt.

Wildwuchs der Studios eindämmen

Im Dezember 2005 wurde das achtseitige Dokument verfasst, am 1. Januar dieses Jahres ist die darin eingeräumte Übergangsfrist abgelaufen. Nun sind die Bestimmungen in Kraft und werden vom Bund zur Anwendung empfohlen. Wer aber kontrolliert, ob die Richtlinien in den zahlreichen Studios eingehalten werden? Der VST würde eine Kontrolle aller Studios durch das BAG begrüssen.

Deshalb hat der Verband im Mai dieses Jahres eine Anfrage an die Regierungsräte und an die Gesundheitsdepartemente aller Kantone gerichtet. Darin will er wissen, ob, wann und welche Massnahmen in den Kantonen im Bereich der Tätowierung «zur Durchsetzung» der entsprechenden Bundesvorgaben beziehungsweise «zur Eindämmung des Wildwuchses bei den Studios und der damit verbundenen potenziellen Gefährdung der Kundschaft geplant sind».

Die Antworten der verantwortlichen Kantonsärzte und Gesundheitsdirektionen trudeln beim Verband indessen nur langsam ein. Noch haben nicht alle Kantone geantwortet.

Die Kantone fühlen sich für eine Kontrolle der Studios nicht zuständig. Die Gesundheitsdirektion Kanton Zürich schreibt: «Verrichtungen, welche körperverletzend unter die Haut vorgenommen werden, sind nur bewilligungspflichtig, soweit sie an gesundheitlich beeinträchtigten Personen oder schwangeren Personen oder im Rahmen von Gesundheitsförderung oder Prävention vorgenommen werden.» Und: «Da es sich beim Tätowieren nicht um die Behandlung von gesundheitlich beeinträchtigten Personen handelt, fällt dieser Vorgang sowohl unter geltendem als auch unter zukünftigem Recht nicht unter die Gesundheitsgesetzgebung.» Was so viel heisst wie: Nur kranke Personen fallen in die Zuständigkeit des Gesundheitsgesetzes. Tätowierstudios, in denen sich gesunde Personen behandeln lassen, werden dabei ausser Acht gelassen und obliegen keiner kantonalen Überprüfung.

Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich weist in ihrem Antwortschreiben an den VST ausserdem darauf hin, dass das neue Gesundheitsgesetz, welches seit 1. Januar 2006 in Kraft ist, die Gemeinden ermächtigt, ergänzende Schutzmassnahmen zu ergreifen.

Appell an die Eigenverantwortung

Dem 1994 gegründeten Verband Schweizerischer Berufstätowierer gehören 26 Berufstätowierer an, gesamtschweizerisch wird die Zahl von Tattoo-Studios aber auf 500 bis 600 geschätzt.

Die Mitglieder des VST verpflichten sich, nach den vom BAG erlassenen Richtlinien zu arbeiten, und werden einmal jährlich unangemeldet von einer unabhängigen Kontrollstelle überprüft. Ausserdem wird den Verbandsmitgliedern empfohlen, alle drei Jahre den Hygienekurs zu wiederholen. So kann sichergestellt werden, dass die Studios, welche dem Verband angehören, hygienisch einwandfrei geführt sind und ihre Inhaber über das nötige Fachwissen im Hygienebereich verfügen. Auch Nichtverbandsmitgliedern steht eine Zertifizierung offen. «Aber nur wenige beanspruchen dieses Angebot», sagt Heidi Zogg, Sekretärin des VST. Der Berufsverband appelliert daher an die Eigenverantwortung sowohl der Studiobetreiber als auch der Kundschaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2008, 20:51 Uhr

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