«Der Schäfer muss eingeschläfert werden»

Ein ganzes Dorf fürchtet sich vor dem Schäferhund, der zwei Hunde getötet hat. Nun müsse gehandelt werden, so der Tenor in Hombrechtikon. Doch wie gefährlich ist das Tier wirklich?

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«Das ist doch der Hammer», schiesst es Anita Seiler aus Uerikon durch den Kopf, als sie in der Zeitung die Stellungnahme des Hombrechtiker Gemeindepräsidenten Max Baur liest (TA von gestern). Im Dezember 2005 wurde ihr Hund Däni, ein Shelty, vom gleichen Schäferhund getötet, der letzte Woche in Hombrechtikon den Jack-Russel-Pudel-Mischling Boncuk getötet hat. «Die Verantwortlichen wollen sich nun rausreden. Dabei hatten sie genaue Kenntnis vom Fall.»

Die vom Veterinäramt verordnete Leinen- und Maulkorbpflicht für das Tier hält sie für einen schlechten Witz. «Nach dem ersten Zwischenfall wäre die Massnahme angebracht gewesen. Nachdem der Schäfer nun ein zweites Mal getötet hat, gibt es nur noch eins: Der Hund muss eingeschläfert werden!» Seiler, die sich wieder einen Hund angeschafft hat, leidet in diesen Tagen. «All die traurigen Momente kommen wieder in mir hoch. Wenn ich einen Schäferhund sehe, zittern mir die Knie», sagt sie. Die Besitzerin des Schäfers habe sich nie bei ihr entschuldigt. «Im Gegenteil, ich wurde in einem Brief massiv bedroht.» Aber sie wolle weiterkämpfen. «Der Hund ist ein Killer. Jetzt muss etwas geschehen.»

«Der Hund ist ein Mörder»

Müslüm Bulut, Besitzer des letzte Woche totgebissenen Boncuk, erhielt am Donnerstag Besuch von Gemeindepräsident Max Baur. «Er hat uns gegenüber Fehler eingestanden. Es hat mich gefreut, dass er uns in diesen traurigen Momenten beisteht.» Die Leinen- und Maulkorbpflicht für den Schäferhund findet er eine gute Sache. Aber auch für ihn ist klar: «Der Hund muss sofort eingeschläfert werden. Er ist ein Mörder.» Zwei Hunde habe der Schäfer bereits auf dem Gewissen, gibt Bulut zu bedenken. «Nicht auszudenken, wenn er sich als Nächstes ein Kind schnappt und tötet. Ich traue das dem Tier zu.» Er und seine Familie würden nun den definitiven Entscheid des Veterinäramts, was mit dem bissigen Schäfer passieren soll, abwarten. «Ich habe Vertrauen in das Amt, die Gemeinde und die Polizei, sie werden korrekt entscheiden», sagt Bulut. Die gesetzlichen Grundlagen seien schliesslich klar.

Die Familie Bulut leidet unter dem Verlust ihres geliebten Vierbeiners. «Meiner Frau geht es gar nicht gut», sagt Müslüm Bulut. «Sogar unsere Katze ist traurig und komplett aus dem Häuschen. Sie sucht verzweifelt nach ihrem Spielgefährten. Die beiden sind zusammen aufgewachsen und waren dicke Freunde.»

In den vergangenen Tagen haben sich viele Menschen bei den Buluts gemeldet und ihnen Trost und Kraft gespendet. «Wir haben über 100 Anrufe erhalten von Leuten, die mit dem Schäferhund ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht haben», sagt Bulut. «Im Quartier herrscht Panik.» Vor allem Familien hätten grosse Angst vor dem Tier. Ein Familienvater habe ihm gesagt, dass er aus Hombrechtikon wegziehe, wenn der Hund nicht sofort getötet werde.

Susanna Glättli, Präsidentin der Ortsgruppe Zürichsee des Schweizerischen Schäferhunde-Clubs, relativiert die Ängste der Bevölkerung: «Der Schäferhund an sich ist kein gefährlicher Hund.» Wichtig sei es, dass man Schäferhunde artgerecht halte. Sie bräuchten zwei, drei Stunden Auslauf oder Beschäftigung pro Tag. «Dann kommen sie nicht auf dumme Ideen.»

Meist ist der Halter das Problem

Bis ein Schäfer einen anderen Hund zu Tode beisse, müsse einiges schieflaufen. «Die Halterin hat im Fall von Hombrechtikon ihre Aufsichtspflicht nicht wahrgenommen.» Wenn man als Halter wisse, dass ein Tier Aggressionen gegenüber anderen Hunden zeige, dann müsse man ihm ein strenger Führer sein. «Der Halter muss mit ihm unter professioneller Anleitung an diesen Problemen arbeiten», so Glättli. Alles andere wäre fahrlässig. Den Leinen- und Maulkorbzwang hält die Präsidentin des Schäferhunde-Clubs für nur bedingt sinnvoll. «Angeleint hätte ein so aggressiver Hund sowieso gehört.» Und mit dem Maulkorb sei das so eine Sache. Die Aggression eines Hundes könne sich damit allenfalls noch verstärken. Um kurzfristig einen weiteren Vorfall zu verhindern, sei der Maulkorb aber ein probates Mittel.

Ist Einschläfern also die einzige Lösung? «Nein, einen jungen Hund, der ein Tier getötet hat, kann man durchaus wieder auf den richtigen Weg bringen. Entscheidend ist, dass man herausfindet, woher sein Aggressionspotenzial kommt», sagt Glättli. Es gebe aber auch unter Hündelern die Meinung, dass ein Hund, der einmal Blut geleckt hat, immer wieder reissen wird. «Darum ist es wichtig, dass man das Tier genau abklärt, bevor man in wilden Aktionismus verfällt.» In der Regel sei nicht der Hund das Problem, sondern der Halter.

Die Besitzerin des Schäfers, der zwei andere Hunde getötet hat, war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2008, 14:59 Uhr

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