Der saure Regen setzt den Grenzsteinen zu

In einem Pilotversuch hat die Denkmalpflege alle Grenzsteine in Rafz überprüft. Einige der Schutzobjekte sind erstaunlich gut erhalten, andere kaputt gegangen oder verschwunden.

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Im Zeitalter der Digitalisierung haben Grenzsteine nicht mehr den Stellenwert wie vor hundert Jahren. Aber noch immer gelten sie als Rechtsdokument und Orientierung für die Lage der Grenzen. Und sie sind Schutzobjekte – wie alte Häuser, Brücken oder andere Denkmäler und wertvolle historische Zeugnisse.

Die kantonale Denkmalpflege will nun überprüfen, wie der Zustand der Grenzsteine im Kanton Zürich ist. In einem Pilotversuch hat sie den Historiker Thomas Specker beauftragt, zunächst die Steine in der Gemeinde Rafz zu inventarisieren. Denn dort ist voraussichtlich die grösste Vielfalt anzutreffen, weil Rafz gleich von drei Grenzen umgeben ist: der Landesgrenze (D), der Kantonsgrenze (SH) und der Gemeindegrenze (Wil).

Seit 1899 werden die Grenzen alle sechs Jahre von den jeweiligen Vermessungsämtern abgegangen, das letzte Mal vor zwei Jahren. Dabei wird jeder Grenzstein kontrolliert, allenfalls gereinigt, restauriert oder ersetzt. Die Arbeit ist aufwendig. Rafz allein ist von über 200 Grenzsteinen umgeben, wie Thomas Specker in seiner Arbeit gezählt hat. Wie viele Steine im ganzen Kanton Zürich liegen, ist letztmals in den 1960er-Jahren überprüft worden. Seither haben sich die Steine aber teilweise stark verändert – oder sind gar verschwunden.

Versprayt oder angefahren

Besonders den Exemplaren aus Sandstein hatte der saure Regen in den letzten vier Jahrzehnten zugesetzt. Eingemeisselte Jahreszahlen, die auf den um 1960 fotografierten Steinen noch zu erkennen waren, konnte Thomas Specker bei einigen Objekten schon nicht mehr lesen.

Es gibt jedoch Ausnahmen. Der älteste Landesgrenzstein in Rafz, ein Sandstein aus dem Jahr 1651, ist noch gut erhalten. Das liegt daran, dass er im Wald steht, wo er besser vor Wind und Regen geschützt ist als ein exponiertes Exemplar.

Nicht nur das Wetter hat den Steinen Schäden zugefügt. Einige wurden bei Forstarbeiten von Maschinen angefahren, andere sind versprayt worden – oder in einer privaten Sammlung gelandet. Die 200 bis 400 Kilogramm schweren Brocken entlang der Landesgrenze verschwinden aber selten, sagt Thomas Specker. Grösser ist die Gefahr bei Binnengrenzen. Die Gemeindegrenzen würden häufiger bereinigt, was dann zur Annahme führe, dass die Steine nicht mehr gültig und demzufolge wertlos seien.

Gerade für Historiker sind sie aber eine wichtige Quelle, um den früheren Grenzverlauf festzustellen. Oft befinden sich auch unter den Steinen wichtige Informationen. Die dort vergrabenen Zeugenstücke, kleine Ziegelklötzchen mit Pfeilen, sichern die Positionen der Steine und zeigen in die Richtung der beiden nächstgelegenen. Bis ins 19. Jahrhundert wurde manchmal bei einem neuen Stein ein Bruchstück des Vorgängers platziert, oder der alte Stein gleich stehen gelassen. Damit sollte demonstriert werden, dass die Grenze beim Austausch unverändert geblieben war.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts werden die Steine grösser und fast doppelt so schwer wie die früheren. Sie bestehen aus solidem Granit, sind nüchterner gestaltet, aber noch immer vielfältig in ihren Formen. Die zum Teil mit Wappen versehenen Grenzsteine aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert haben auch einen kunsthistorischen Wert. «Früher besassen Grenzsteine auch eine magische Komponente», sagt Thomas Specker. Sich auf einen Grenzstein zu setzen, sagte man, bringe Unglück.

Wie schützen?

So wertvoll die Grenzsteine sein mögen: Der Kanton will sie weder einsammeln noch ausstellen, sagt Thomas Müller von der Zürcher Denkmalpflege. «Wenn möglich sollen sie an ihrem Originalstandort bleiben.» Schliesslich wolle man auch Gebäude und andere kunsthistorische Objekte in ihrer natürlichen Umgebung stehen lassen. Vielmehr überlege sich die Denkmalpflege, wie sie die Grenzsteine für die nächsten Generationen erhalten kann und welche restauratorischen Mittel sie dazu einsetzen soll.

Wie viel Geld und Zeit der Kanton dazu aufbringen möchte, entscheidet letztlich der Regierungsrat. Auch darüber, ob der Pilotversuch auf die übrigen Gebiete im Kanton Zürich umgesetzt wird. Aus der Sicht von Thomas Specker besteht der beste Schutz zur Erhaltung der Grenzsteine aber immer noch darin, die Öffentlichkeit über die Bedeutung der Steine zu informieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2008, 23:03 Uhr

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