Die Kathedrale des Schwimmsports

Am Sonntag entscheidet Kilchberg über die Sanierung des Hallenbads. Diskutiert wird über Millionen, Werterhalt und Wertzerfall. – Aber nicht über den Wert seiner Architektur.

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1972 baute sich Kilchberg ein Hallenbad – ein Bad, das den Zeitgeist von damals noch heute verströmt. Es herrschte Hochkonjunktur, und die Gemeinde legte grossen Wert auf gute Architektur – und auf Prestige. Das Bad nach den Plänen des Zürcher Architekten Louis Plüss ist ein Prachtbau, gross und unbescheiden.

Caspar Schärer, TA-Architektur-Kritiker und Autor bei «Hochparterre», dem Schweizer Magazin für Architektur und Design, sieht überall typische Merkmale der Architektur der frühen 70er-Jahre. Der sakrale Eingang aus rohem Beton, der skulpturale Umgang mit dem Beton treffe den Zeitgeist der damaligen Architekten auf den Punkt.

Die Qualität des Bauwerks sieht Architekt Caspar Schärer in den beiden pavillonartigen Schwimmhallen, die dank der aussenliegenden Statik ohne Stützen auskommen. «Es lohnt sich, den Bau zu erhalten», meint Schärer, «er hat einen Wert.» Einerseits in der Bausubstanz, andererseits und vor allem: in seiner Architektur.

Louis Plüss zeigt ähnlich dem Pariser Centre Pompidou die Statik: die Fachwerkträger aus rostrotem Cortenstahl spannen sich übers Dach, die beiden Schwimmhallen sind daran aufgehängt. Plüss hat im Gegensatz zu diesen technischen Elementen dem harten Material Beton weiche Konturen gegeben: Das sichtbare Fundament rund um das Bad erhöht die Stahlstützen künstlich – die Sockel der Stützen laufen in Rundungen zusammen.

Blick in die Landwirtschaft

Die weichen Formen ziehen sich im Innern des Bades weiter. Nischen, Ecken, Sitztreppen und Treppen sind alle rund ausgeformt. «Die kleinen Mosaiksteine legen sich wie ein Teppich über die Badelandschaft», sagt Schärer. Louis Plüss liess den Beckenrand erhöhen, der Wasserspiegel liegt damit über dem Boden, der Schwimmer schwimmt mit Ausblick – von der Badelandschaft in die Landwirtschaft.

Louis Plüss hat das Kilchberger Hallenbad mit grösster Konsequenz um die beiden Hallen gestaltet. Er legte alles darauf aus, die Schwimmhallen als eine Art «Kathedralen des Schwimmsports» zu inszenieren.

Der Eingang durch die rohe Betonschlucht ist wenig einladend, in den niedrigen Garderobenräumen im Eingangsgeschoss fehlt Tageslicht, die Gänge, die ins Bad führen, sind in rohem, kaltem Beton gehalten. Die Flächen in warmen Pastelltönen wurden erst nachträglich aufgemalt.

Aus dem dunklen Untergeschoss tritt man also in den gedrungenen Mittelbau, der Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken verbindet und wo der Schwimmer vor dem Schwimmen duscht – «nur Schweine duschen nicht», mahnt eine Tafel. Triefend steht man auf der Treppe zur Schwimmhalle – der Raum öffnet sich in seiner ganzen Wucht: hell, hoch, gewaltig.

Holz funktioniert, immer und für alle

Alle verwendeten Materialien sind roh, ehrlich, zeittypisch naturbelassen. Da stellt sich die Frage nach den Holzverkleidungen der Decken, die nicht zum sonst so nüchtern gehaltenen Bad passen. Einerseits ist die Materialwahl von der Konstruktion her zu begründen: Bei der freitragenden Dachkonstruktion hat das Gewicht sicherlich eine Rolle gespielt. Andererseits sieht Caspar Schärer hier einen Kompromiss Plüss’: Holz sei derart schweizerisch, auf Holz könnten sich alle einigen, «Holz funktioniert».

Ansonsten ist Plüss’ Bau kompromisslos. Im Badezimmer der Bademeistewohnung sind Wände und Böden ebenfalls mit dem feinen Mosaikteppich des Hallenbades überzogen – nach einem Tag im Bad muss dem Bademeister hier die architektonische Konsequenz ab und zu zuwidergelaufen sein.

Kilchberg stimmt am Sonntag über einen Baukredit von 16,5 Millionen Franken für die Sanierung des Hallenbads Hochweid ab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2008, 08:59 Uhr

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