Die Schizolympiade

China, Tibet und der Westen.

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Eine Welt, ein Traum. Schön wär es ja gewesen. Der offizielle Werbespruch für die Olympischen Spiele in Peking klingt nur noch wie Hohn. Tatsächlich erleben wir gerade zwei Welten und zwei Träume, eine chinesische und eine westliche. Sie könnten verschiedener nicht sein. Es ist, als existierten zwei parallele Universen. Willkommen zur Schizolympiade!

Zunächst der chinesische Traum. Patriotische Chinesen und Chinas Führung bilden sich ein, der Westen gönne ihnen die Olympischen Spiele nicht. Europäer und Amerikaner seien neidisch auf Chinas Aufstieg, glauben sie. Unter dem Dauerfeuer der Propaganda, das nur randalierende Tibeter in Lhasa zeigt, nicht aber verprügelte Mönche und erschossene Tibeter, fühlt sich das chinesische Volk nun vom Westen in seinem Nationalstolz verletzt. Der Täter redet sich ein, ein Opfer zu sein.

Und dann der Traum im Westen. Erst haben wir uns eingebildet, die Olympiade sei so etwas wie ein Trojanisches Pferd, mit dem man über Nacht die Demokratie in China einführen kann. Dann haben die Bilder aus Lhasa, die Proteste der Exiltibeter und die Gier unserer Mediendemokratie nach dem jeweiligen Hype des Tages aus China über Nacht eine Karikatur des Bösen gemacht. Kein Schiff mit chinesischen Waffen kann mehr in Afrika vor Anker gehen, keine Visavorschrift in Hongkong verschärft werden, ohne dass ein neuer Verrat der olympischen Idee ausgemacht wird.

Zwei Versionen von Realitätsverweigerung

Der Westen und China leisten sich gleichzeitig zwei Versionen von Realitätsverweigerung. In der vorolympischen Erregung, in die sich beide Seiten lustvoll hineinsteigern, bleibt die Vernunft auf der Strecke. Stattdessen hat die grosse Stunde der Besserwisser geschlagen, auch dies auf beiden Seiten. Viele Chinesen gefallen sich wieder in ihrer historischen Opferrolle, bemühen Opiumkrieg und die Demütigung durch Kolonialtruppen. Dieser nationalistische Reflex ist verständlich, doch er hilft nicht weiter. Koloniales Unrecht in der Vergangenheit rechtfertigt nicht die Unterdrückung von Minderheiten in der Gegenwart.

Im Westen ist das Lager geteilt in die Freunde des Dalai Lama und die selbst ernannten Freunde Chinas. Die einen wollen Peking nur noch anfeinden. Die anderen hantieren mit dem unerträglichen Klischee, man solle China jetzt nicht kritisieren, weil Chinesen niemals «ihr Gesicht verlieren» dürfen. Wir können aber nicht auch noch bei uns die Pressefreiheit abschaffen, nur weil sie in China gerade nicht opportun ist.

Alle Beteiligten dieser interkontinentalen Seifenoper sollten sich wieder abregen. Niemand im Westen will China in die Suppe spucken. Niemand missgönnt den fleissigen Chinesen ihren wirtschaftlichen Erfolg der letzten zwei Jahrzehnte. Was im Westen mit Recht kritisiert wird, sind die systematische Unterdrückung der Religionsfreiheit in Tibet und andere konkrete Missstände. Wer die chinesische Führung dafür kritisiert, ist nicht gegen China. Wer dies nicht glaubt, der möge klugen Chinesen wie Bao Tong zuhören, die das Fiasko in Tibet und die Beschimpfungen des Dalai Lama als Auswüchse des «Han-Chauvinismus» erkennen. In Europa aber müssen wir uns selbstkritisch fragen, warum unser Chinabild ständig zwischen zwei Extremen schwankt. Entweder wir bestaunen einseitig die Dynamik des «neuen China» mit seinen Formel-1-Rennen in Shanghai. Oder wir verfallen in eine chinakritische Hysterie. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. China, diese sich rasant verändernde Entwicklungsdiktatur, hat tatsächlich zwei Gesichter. Man kann sich mit den Chinesen über ihre wirtschaftlichen Erfolge freuen. Man kann, immer noch, zu den Pekinger Sommerspielen fahren. Gleichzeitig kann und muss man die Verhaftungswelle in Tibet kritisieren und sich für die Freilassung von Dissidenten einsetzen. Weder irrationale Angst vor dem Milliardenvolk noch feiges Kuschen vor ihren Herrschern sind angebracht. Unrecht bleibt Unrecht, egal wie gross oder wirtschaftlich erfolgreich ein Land gerade ist. Überreaktionen wie ein Boykott chinesischer Waren allerdings verhärten nur die Fronten.

Nationalismus statt Marxismus

Im Moment sitzt Chinas Regierung in einer selbst gebauten Falle. Sie hat den Chinesen einen neuen Nationalismus als Ersatzideologie für den diskreditierten Marxismus-Leninismus verkauft. Sie glaubt nun, keinen Dialog mit dem Dalai Lama oder ihren westlichen Kritikern führen zu können, ohne die Unterstützung beim eigenen Volk zu verlieren. Doch Dialog bleibt der einzige vernünftige Weg, egal wie schwer er ist. Wir müssen ihn weiter fordern. Und das Benennen der Wahrheit ist kein neuer Kalter Krieg. Es ist vielmehr das Einzige, was diese Kluft zwischen China und dem Westen langfristig verringern kann.

Den Tibetern ist nicht damit geholfen, China zu isolieren oder zu dämonisieren. Eher hilft mutiges Nachfragen, wie es der japanische Ministerpräsident Yasuo Fukuda kürzlich demonstriert hat. China müsse «der Tatsache ins Auge sehen, dass Tibet ein internationales Thema geworden ist», hat er dem chinesischen Aussenminister gesagt. Auch eine internationale Untersuchung der Vorkommnisse in Tibet muss erreicht werden. Der Dalai Lama sollte gerade jetzt in möglichst vielen Hauptstädten empfangen werden. Wir leben in einer Welt, ob es den Chinesen und uns gefällt oder nicht.

Ein Traum war sie noch nie.

Erstellt: 11.07.2008, 15:46 Uhr

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