Die meisten Prüflinge sitzen fest im Sattel

Gestern sind die Sechstklässler aus Richterswil und Samstagern zur ihrer Radfahrerprüfung angetreten. Wenn jede Handbewegung begutachtet wird, wird Velofahren zur Nervenprobe.

Linksabbiegen will gelernt sein: June Meguid (Nr. 18) spurt für das Manöver ein – fälschlicherweise zu weit links.

Linksabbiegen will gelernt sein: June Meguid (Nr. 18) spurt für das Manöver ein – fälschlicherweise zu weit links. Bild: Patrick Gutenberg

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June Meguid ist nervös, furchtbar nervös. Den Helm auf dem Kopf und die Startnummer umgebunden, steht sie mit ihrem Mountainbike auf dem Pausenplatz des Schulhauses Töss und wartet darauf, dass Polizist Melchior Schnyder ihr Velo für die Radfahrerprüfung kontrolliert. Zwei ihrer Mitschülerinnen haben sich ganz nah bei Schnyder platziert und versuchen, einen Blick in die Schachtel neben ihm zu erhaschen. Ziel ihrer Neugierde sind die Kontrollkarten der Schüler, auf welchen die Fehlerzahl aus der Theorieprüfung eingetragen sind. Sie bildet zusammen mit der Velokontrolle und der praktischen Prüfung den dritten Bestandteil der Radfahrerprüfung, welche Verkehrsinstruktor Fredi Frei in einige Gemeinden in der sechsten Klasse durchführt. Wer mehr als sieben Fehler macht, hat die Prüfung nicht bestanden und muss zu einer Nachbelehrung antraben.

«Es ist kein Wettrennen», sagt Frei in seiner bestimmten, aber doch freundlichen Art zu den Schülerinnen und Schülern. Er ist ein alter Hase in Sachen Radfahrerprüfung. Seit 13 Jahren führt er als einer von vier Verkehrsinstruktoren diese Prüfungen durch.

Keine Fehler suchen

June ist als 18. dran. «He, zwei Fehler in der Theorie», ruft ihr die eine Mitschülerin zu. Schnyder prüft derweil ihre Bremsen, die Glocke und kontrolliert, ob Vignette und Rückstrahler vorne und hinten vorhanden sind. Die Sechstklässlerin mag nicht hinsehen. Sie ist in Gedanken schon auf der Strecke. Die Elfjährige wünscht sich nur eines: wenige Fehler beim Fahren. «Alles in Ordnung, June, und viel Glück auf dem Parcours», sagt Schnyder. Sie freut sich und befestigt ihre Kontrollkarte mit einer Wäschklammer an der Startnummer. Sie weiss: Nur fünf Fehler darf sie sich leisten.

Langsam fährt sie den roten Pfeilschildern entlang die Kirchstrasse hinunter. Beim Einbiegen in die Dorfstrasse ist sie ein erstes Mal gefordert: ein Stopp und rechts abbiegen. Sie meistert alles – unsicher zwar – aber korrekt. Schwieriger ist da der Kreisel bei der Zugerstrasse. June fährt erst, als keine Autos mehr zu sehen sind. Sie biegt bei der zweiten Ausfahrt ab, doch das Handzeichen kommt viel zu spät.

Der Helfer am Strassenrand hält sie an. June steigt verdutzt ab. «Die Hand ist etwas spät gekommen, gell. Beim nächsten Mal besser», sagt er und lässt sie ohne Fehlerstrich ziehen. So hat es Fredi Frei auch vorgeschrieben: Wenn die Absicht zum richtigen Verhalten sichtbar ist, gelten lassen und nicht die Fehler suchen.

Eltern als schlechte Vorbilder

Vorbei am nächsten Streckenposten an der Schwyzerstrasse biegt June wie vorgeschrieben in eine kleine Strasse mit Fahrverbot ein. Doch das scheint sie nicht zu kümmern. Sie fährt mit Schuss hinunter. Der Helfer am unteren Ende des Strässchen stoppt sie und lacht über beide Ohren. «Du bist nicht die Erste, die durchs Fahrverbot fährt», sagt er. June lächelt. «Ich habs mir noch gedacht», sagt sie. Ein Fehler. Die Freundin hinter ihr erwischts ebenso.

Fredi Frei erstaunt ein solches Verhalten nicht. «Heute werden solche Tafeln auch von den Erwachsenen missachtet, die eigentlich die Vorbilder sein sollten», sagt er. Auch mit der Aufsichtspflicht werde es immer schlimmer. Das merke er auch am Zustand der Fahrräder. «Wenn wir Kinder zur Nachkontrolle der Fahrräder aufbieten, erscheinen sie oft nicht, auch auf eine polizeiliche Einladung hin.»

85 Prozent Erfolgsquote

Die Fragen zum Vortrittsrecht meistert die Sechstklässlerin June ohne Problem. Sie pedalt schnell den Geleisen entlang Richtung Zürich und vergisst vor lauter Tempo zu schalten. Zum Einbiegen in die Poststrasse spurt sie ein. Dem Streckenposten hats nicht gefallen. Zu sehr links. Denselben Fehler hat sie auch in der Theorie gemacht. Der zweite Fehler auf dem Parcours. Die Freundin hinter ihr machts ihr nach und kassiert den dritten Fehler.

Vorbei am Hotel Drei Könige fahren die beiden zusammen die Chüngengass hinauf, über die Dorf- in die Erlenstrasse weiter. Zum Einbiegen in die Säntisstrasse spuren sie ein und biegen ab, ohne einen Blick zurück. Wieder ein Strich. June kann es nicht fassen. «Ich hätte zurückschauen müssen?», fragt sie ungläubig und pedalt weiter. Jetzt immer mit einem Blick zurück kurvt sie um die parkierten Autos. Sie fahre eben nicht so häufig Velo, nur im Sommer manchmal. Am Ende der Säntisstrasse hat sie das Ziel vor Augen. Den Stopp zur Kirchstrasse hin überfährt sie, das Handzeichen vergisst sie. Hauptsache, fertig.

Künftig immer zurückschauen

«June, hats gereicht?», fragen die Mitschülerinnen auf dem Platz. «Ja, drei Fehler», sagt sie und lächelt. Somit gehört sie zu den 85 Prozent, die nach den Vorstellungen von Verkehrsinstruktor Frei die Prüfung bestehen sollten. «Dann bin ich zufrieden.» Er ist sich auch bewusst, dass die Prüfung für die einen eine grosse Herausforderung ist. «Rein von der Entwicklung her sind einige überfordert, sich so im Verkehr zurechtzufinden und alle Gefahren zu erkennen», sagt er. Deshalb sei auch die Forderung nach einer früheren Prüfung völlig utopisch.

June holt sich als Belohnung einen Kugelschreiber der Kantonspolizei. «Das mit dem Zurückschauen habe ich echt nicht gewusst», sagt sie, «werd ich aber in Zukunft immer machen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2008, 08:36 Uhr

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