Dignitas: Sterbetourismus verstört die Kindergärtner

Die Sterbehilfeorganisation Dignitas zieht nach Wetzikon ins Zürcher Oberland. Ludwig A. Minelli hat an der Talstrasse ein Haus gekauft. Die Gemeinde ist nicht begeistert.

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Dignitas erwägt, ab Oktober Sterbebegleitungen in Wetzikon durchzuführen. Das hat gestern die Gemeindeverwaltung Wetzikon in einem Communiqué gemeldet. Bei der betreffenden Liegenschaft an der Talstrasse 9 handelt es sich um ein ehemaliges Elektroinstallationsgeschäft. Gemeindepräsident Urs Fischer (FDP) ist über diesen Entscheid nicht erfreut: «Der Standort ist alles andere als ideal.» Das Haus befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Kindergarten, zur Berufsschule und zur Alterssiedlung.

Minimale Verhinderungschancen

Der Gemeinderat Wetzikon lehnt den neuen Standort ab und prüft rechtliche Schritte. Die Liegenschaft befindet sich in der Wohnzone mit Gewerbeerleichterung, sie kann baurechtlich gesehen für den geplanten Zweck genutzt werden. «Die vorgesehene Nutzung ist im Grundsatz zonenkonform», sagt Fischer. Da in Zukunft aber Sterbebegleitungen durchgeführt werden, könnten die psychologischen Auswirkungen als so genannte ideelle Immissionen betrachtet werden. Deshalb erwartet die Gemeinde Wetzikon von Dignitas ein Nutzungsänderungsgesuch, wie Urs Fischer sagt. Im Rahmen des Bewilligungsverfahrens müssten dann die möglichen negativen Auswirkungen geprüft werden. Der Gemeindepräsident ist sich aber bewusst, dass die Chancen, das Sterbehaus zu verhindern, sehr gering sind.

Schulen und Nachbarn sind besorgt

Ludwig A. Minelli wollte zum neuen Standort keine Stellung nehmen. Auch die ehemaligen Besitzer der Liegenschaft beantworteten die Frage nach dem Verkaufspreis nicht.

Schulpflegepräsidentin Ursi Cossalter, die für den Kindergarten Tobelacker zuständig ist, bereitet Minellis Hauskauf Sorgen. «Ich finde es unsensibel, dass ihm jemand das Haus direkt beim Kindergarten verkauft hat», sagt sie. Zumal auch das Primarschulhaus Guldisloo mit Hort in der Nähe liege. «Ich glaube, die Kinder würden etwas von diesem Sterbetourismus mitbekommen.» Sie hoffe nun, dass der Gemeinderat seine Möglichkeiten ausschöpfen werde. Kritik kommt auch von Anwohnern, die aus den Medien von Minellis Hauskauf erfahren haben. «Ich habe Mühe damit, zu wissen, dass in der Nachbarschaft gewerbsmässig gestorben wird», sagt etwa Dorothe Kienast, die in der unmittelbaren Nähe der Liegenschaft wohnt.

Widerstand in mehreren Gemeinden

Mit dem nun erworbenen Haus in Wetzikon scheint die Odyssee von Ludwig A. Minellis Sterbehilfeorganisation ein Ende zu nehmen. Nach dem Rauswurf aus der Einzimmerwohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Gertrudstrasse in Zürich-Wiedikon im September 2007 zog die Vereinigung nach Stäfa. Dort richtete sie sich mitten in einem Wohnquartier ein - was wiederum lauten Protest der Anwohner provozierte. Nachdem die Gemeinde die Sterbewohnung schliessen liess, führte Minelli Sterbebegleitungen in seiner Wohnung in Maur, in Hotels und in einem Auto auf einem Parkplatz durch.

Anfang Oktober 2007 zog Minelli in ein Gewerbehaus in der Industriezone in Schwerzenbach ein. Ein vom Gemeinderat erlassenes Nutzungsverbot für Sterbebegleitungen in der Industriezone ist Ende November 2007 vom Verwaltungsgericht aufgehoben worden. Seitdem sind Sterbebegleitungen in der Industriezone erlaubt. Zudem hob die Baurekurskommission im Januar 2008 den Beschluss der Gemeinde Schwerzenbach auf, die von Dignitas ein Baugesuch verlangt hatte.

In dieser Liegenschaft an der Talstrasse in Wetzikon will die Sterbehilfeorganisation Dignitas ab Oktober Menschen in den Tod begleiten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.08.2008, 07:25 Uhr

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