Ein Doktor, der die Bäume versteht

Matthias Brunner ist Baum- doktor. Er untersucht und behandelt seine «Patienten» mit Ultraschall und Spritzen. In der Deutschschweiz ist er der Einzige, der diese Methode anwendet.

Matthias Brunner verpasst kranken Bäumen auch mal eine Spritze. Die Medizin injiziert er direkt in den Baumstamm.

Matthias Brunner verpasst kranken Bäumen auch mal eine Spritze. Die Medizin injiziert er direkt in den Baumstamm. Bild: DAVID BAER

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Der letzte Sturm hat der 80-Jährigen ziemlich zugesetzt. Trotzdem steht sie mit ihren 25 Metern Höhe majestätisch in einem Klotener Garten. Es handelt sich um eine Schwarzföhre. Verschiedene Gärtner haben den Besitzern des Baumes geraten, die Föhre zu fällen. Denn sie könnte nach dem heftigen Sturm so stark beschädigt sein, dass die Gefahr besteht, auf die Strasse zu stürzen.

Sie zu fällen, kam aber für die Klotener Familie nicht infrage. Deshalb machte sie sich im World Wide Web schlau, wo sie auf den Zürcher Baumdoktor und Forstingenieur Matthias Brunner gestossen ist. Mit Hilfe eines Ultraschallgerätes findet Brunner heraus, ob ein Baum in seinem Innern faul, hohl oder beschädigt ist. Die Diagnose stellt der Baumdoktor mit Hilfe einer sogenannten Schalltomografie. «Das funktioniert ähnlich wie eine Ultraschalluntersuchung bei einer schwangeren Frau», sagt Brunner.

Gerät so teuer wie ein Kleinwagen

Das Ultraschallgerät, es kostet rund 20’000 Franken, ist relativ simpel konstruiert. Es besteht aus zwölf walkmangrossen Sensoren und den zwölf dazugehörenden Metallstiften sowie ein paar Kabeln. Die Sensoren werden wie ein Gurt um den Baum gehängt. Mit einem kleinen Hammer schlägt Brunner auf die Metallstifte, die im Baum stecken. Durch den Schlag lösen sie eine Schallwelle aus. Die Sensoren der anderen Stifte messen dann, wie lang eine Schallwelle unterwegs ist. Gesundes Holz leitet die Schallwellen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1400 Metern pro Sekunde. Krankes Holz hingegen viel langsamer.

Mit Hilfe der Wellen kann er das Innenleben eines Baumes auf seinem Laptop sichtbar machen. Nach der Untersuchung spuckt sein Computer ein farbiges Schnittbild des Baumes aus, auf dem ersichtlich ist, ob und wo der Baum krank ist. Dunkle Stellen bedeuten, dass der Baum gesund ist, violette oder blaue deuten auf einen hohlen oder kranken Stamm hin. Und, wie lautet nun die Diagnose der Schwarzföhre? «Sie ist völlig gesund und muss nicht gefällt werden», sagt der Baumdoktor. Er wird in drei bis fünf Jahren wieder kommen und den Baum nochmals einer Ultraschalluntersuchung unterziehen. Denn: «Wie ein Mensch verändert sich auch ein Baum im Laufe der Jahre. Auch er kann krank werden.»

Über die Hälfte wird gerettet

Die von einer deutschen Firma entwickelte Schalltomografie ist eine relativ junge Methode, um Krankheiten an Bäumen festzustellen. Matthias Brunner ist nach eigenen Angaben der Einzige in der Deutschschweiz, der regelmässig mit dem Ultraschallgerät arbeitet. Seine Kunden sind in der ganzen Schweiz verteilt. Nicht nur Private, auch staatliche Stellen zählen zu seiner Klientel.

Eine Ultraschalluntersuchung ist aber nicht ganz billig: Sie kostet gegen 1200 Franken. Trotzdem, für die Baumbesitzer lohne sich eine solche Untersuchung durchaus, so der Baumdoktor. Denn das Fällen eines Baumes kann ebenfalls ins Geld gehen. Je nach Grösse zahlt man doppelt so viel wie für eine Ultraschalluntersuchung. Brunner sagt, dass er fast 50 Prozent seiner Patienten vor dem Fällen bewahren kann.

100-jährige Patientin aus Eglisau

Schon eilt Matthias Brunner zum nächsten Auftrag. Es handelt sich um eine 100-jährige Rosskastanie in Eglisau, die von der Miniermotte befallen ist. Diesem Patienten muss Brunner eine Spritze verpassen. Seit zwei Jahren testet er die Methode mit der Injektion. Und wie das Beispiel der Rossskastanie zeigt, erfolgreich: «Der alte Baum hat bereits wieder gesunde Blätter», so Matthias Brunner.

Der Forstingenieur erklärt den Unterschied zu den herkömmlichen Techniken zur Bekämpfung der Miniermotte, wie zum Beispiel der Sprühbehandlung: «Diese Methode erfordert eine Dosierung im Hektoliter-Bereich. Für mein Injektionsgerät benötige ich nur noch einen Bruchteil davon.»

Da er die Injektion direkt in den Baum spritzt, entstehe auch kein Sprühnebel, der die Umwelt belaste. Die Vitaminspritze schützt den Baum über mehrere Jahre vor der Miniermotte. Und so kann Baumdoktor Brunner nebst der Schwarzföhre auch die Rosskastanie vor dem Fällen retten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2008, 21:57 Uhr

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