Ein Gefallener auf dem Weg zu neuen Gipfeln

Ex-Bundesanwalt Valentin Roschacher bewegt sich immer noch gern dort, wo die Luft dünn ist. Er setzt voll auf seine zweite Karriere als Bergmaler.

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An jenem Morgen steht es in allen Zeitungen: Das Parlament wird keine Untersuchungskommission zur Affäre Blocher/Roschacher bilden. Damit ist jener Fall offiziell abgeschlossen, der 2006 zum Rücktritt von Valentin Roschacher als Bundesanwalt geführt hatte.

Dieser steht in seinem Atelier in Adliswil und nimmt die Nachricht mit milder Heiterkeit zur Kenntnis. Zeitungen liest er schon lange keine mehr. Wer denn überhaupt eine Untersuchung gewollt habe, will er noch wissen. Ach so, Blocher.

Valentin Roschacher (48) blickt noch aus dem gleichen scharf geschnittenen Gesicht mit den gleichen gletschergrauen Augen durch die gleiche randlose Brille wie an seiner letzten Pressekonferenz. Doch seinen dunklen Anzug hat er über eine Stuhllehne gefaltet; er steckt in einem weiten, blauen Hemd, das mit Farbklecksen übersät ist. Valentin Roschacher ist jetzt Bergmaler.

Pinsel mit nur einem Haar

Nebel kriecht den Albis herab und setzt sich vor den grossen Fenstern des Ateliers an der Sihl fest. Ans Malen ist bei diesem Licht nicht zu denken. Nicht dass Roschacher deswegen nichts zu tun hätte. Diese Zeiten verbringt er normalerweise damit, Bände zu wälzen, sich in Bildkomposition und Farbenlehre einzulesen bei da Vinci und Itten. Man müsse die Gesetze genau kennen, sagt er, sonst mache es keinen Spass, sie zu brechen.

Im Hintergrund läuft die 4. Sinfonie Es-Dur von Alexander Glasunow. Sie wird laufen, bis er das Berner Breithorn auf der Staffelei zu Ende gemalt hat.

Neben normalem Malerwerkzeug liegen daneben auch Drei-, Zwei- und Einhaarpinsel, die Roschacher selber fertigt. Mit diesen arbeitet er, zehn bis zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, Wochen und Monate an einem einzigen Bild. Der Kunstmarkt dankt es ihm mit Kaufpreisen von über 20'000 Franken.

Roschacher: Gipfelstürmer, Haarspalter, Arbeitstier. Und Purist – Häuser, Höfe, Felder kommen ihm nicht auf seine Bilder. Das Zivilisatorische eliminieren, nennt er das. In tausend Jahren würden diese Bauwerke nicht mehr stehen, bemerkt er mit einer wegwischenden Handbewegung. Um sogleich wieder auf die Staffelei zu weisen, mit dem Finger dem Schwung einer Kuppe nachzufahren und zu erklären, wieso gerade diese Linie, jener Fels den Charakter des Breithorns ausmache. Zwischen seinen Fingern tanzt eine unangezündete Philip Morris; sie hat sich schon vor einer halben Stunde dort verfangen.

Der ehemalige Bundesanwalt strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Vom verbissenen Ehrgeizling, als der er in der Zeit um seinen Rücktritt oft dargestellt wurde, ist nichts zu spüren. Man kann ihn sich zwar vorstellen in einer gepanzerten Limousine oder in Besprechungen mit der CIA, doch in seinem Atelier wirkt er überzeugender; Ton in Ton mit seinen Bildern.

Die Gefahr des Kitsches

Gemalt hat Roschacher schon sein ganzes Leben. Während der Zeit um seinen Rücktritt sei das gar der einzige Weg gewesen, um abzuschalten, sagt er. Ein Bild, das damals entstand, zeigt die unterirdischen Trümmelbachfälle im Lauterbrunnental, die er für das Bild an die Erdoberfläche geholt hat. Von drei Seiten her brechen sie talwärts, umgeben von wildem Rot, Gelb und Schwarz; die Perspektive ist verzerrt, am Horizont dräuen orange Feuerwolken.

Das sei eine intensive Zeit gewesen, sagt Roschacher, und mehr sagt er nicht. Es sei für ihn gesünder, wenn er nicht daran denke.

Diesen Winter wagt sich Roschacher an den Berg der Berge: das Matterhorn. Er habe es immer für unmalbar gehalten, sagt er. Zu gross sei die Gefahr, in Kitsch zu verfallen. Aber jetzt, mit zwei Jahren Erfahrung als Berufsmaler, traut er es sich zu.

Roschacher wird nie mehr Verbrecher jagen; er will bis ans Lebensende seine Karriere als Bergmaler verfolgen.

Was bleibe, sei, so sagt er, seine Suche nach Wahrheit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2008, 09:03 Uhr

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