Ein Zolliker Auswanderer wird zum Medienstar

Ein Milchproduzent mit Wurzeln in Zollikon wurde den ganzen Sommer über von deutschen Medien belagert. Letzte Woche kamen sogar noch die Chinesen.

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Ein Bergbauer und Milchproduzent – in Zollikon aufgewachsen – lebte jahrelang in der Abgeschiedenheit der Engadiner Berge. Durch einen Zufall fand sein Betrieb in einer deutschen Zeitung Erwähnung. Ab da nahmen die Dinge ihren Lauf: Radiosender, Fernsehanstalten und Zeitungen traten mit ihm in Kontakt. Sie schickten Journalisten, Produzenten und ganze Filmcrews ins Oberengadin. Vergangene Woche erlebte die Bauernfamilie einen vorläufigen Höhepunkt: Ein Filmteam einer chinesischen Fernsehanstalt machte einen Tag lang die Engadiner Crasta-Farm unsicher.

Thomas Zellweger, Sohn einer Zolliker Arztfamilie, wanderte vor 20 Jahren ins Oberengadin aus. Der gelernte Spengler hatte schon immer einen Bubentraum: Er wollte Landwirt werden. Im Alter von 20 Jahren machte sich Zellweger daran, seinen Traum zu verwirklichen. In Sils Maria trat er 1988 eine Stelle als Bauspengler an: Der erste Schritt in die Berge war getan. 1993 schliesslich gründete Zellweger im Oberengadiner Weiler Crasta im Fextal seinen ersten eigenen Hof mit 30 Mutterschafen. Heute bewirtschaftet er ein mittelgrosses Bauerngut. Sein Schweizer Grauvieh – eine robuste, klein gewachsene Bergrind-Art – produziert qualitativ hoch stehende Bergmilch. Diese verkauft Zellweger direkt ab Hof an regionale Abnehmer. Mit Zielstrebigkeit und viel harter Arbeit habe er sich seinen Jugendtraum verwirklicht, sagt der 40-Jährige heute.

Woher aber stammt das gewaltige Medieninteresse an seinem Produkt? Ein deutscher Fotograf, der Aufnahmen zum 100-Jahr-Jubiläum des Silser 5-Sterne-Hotels Waldhaus gemacht hatte, erinnerte sich an Zellweger, als vergangenen Sommer die deutschen Bauern in den Milchstreik traten. Anfang Juni erschien ein Artikel in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), der Zellwegers Konzept der Premium-Milch hochpries. «Der Begriff ‹Premium-Milch› wurde damals von den Medien geprägt», sagt Zellweger. Er selber würde seine Milch nie so nennen.

Einfühlsames Porträt

Mit dem Artikel der FAZ war das Medieninteresse schliesslich ins Rollen gekommen. Der Bayerische Rundfunk klopfte an und schickte ein Filmteam vorbei. «Sie filmten nur eine Stunde lang», erinnert sich Zellwegers Frau Katja. Dabei sei ein sehr einfühlsames Porträt über ihre Familie und die Arbeit in der Milchwirtschaft entstanden. In der Folge meldeten sich noch weitere Medienschaffende. «Mit den Leuten eines Berliner Radiosenders machte ich ein Telefoninterview, das an Oberflächlichkeit nicht mehr zu überbieten war», sagt Zellweger. Der Moderator sei mehr an der Übertragungstechnik als am Gespräch interessiert gewesen. Mitte Juli schliesslich schien das Interesse an Zellwegers Milchwirtschaft abzuflauen. Die Bauern hatten sich geeinigt, und andere Themen beherrschten wieder die Agenden der Massenmedien.

Straff organisierter Zeitplan

Doch dann kam ein Anruf des deutschen Privatsenders Prosieben. Für die Vorabendsendung «Galileo» wollten sie einen Milchtest machen, erzählt die freie Produzentin Eva Grüner aus Mainz. «Die Familie Zellweger hat uns mit offenen Armen empfangen», erinnert sich Grüner. Zellweger hätte ihnen einen straff organisierten Zeitplan präsentiert, den das Filmteam strikt einzuhalten hatte.

«Die Arbeit auf dem Hof hat richtig Spass gemacht, die Zusammenarbeit war optimal», schwärmt die Produzentin noch heute. Am meisten beeindruckt sei sie aber von der frischen Milch gewesen. «Noch nie trank ich so viel Milch. Sie schmeckte anders als alles, was ich bisher getrunken hatte.»

Unter dem Schock des Milchskandals

Letzte Woche nun kamen die Chinesen. Ein 16-köpfiges Team des Senders TVB, unter der Leitung der berühmten chinesischen Moderatorin Choi, suchte den Oberengadiner Weiler auf. «Es herrschte totales Chaos», sagt Zellweger. Er könne sich nicht vorstellen, dass da etwas Gescheites entstanden sei. Vielleicht hätten sie noch unter dem Schock des Milchskandals gestanden, sagt er und ergänzt: «Diese Parallele ist natürlich purer Zufall, denn sie haben sich schon vor Monaten angemeldet.»

Thomas Zellweger bleibt trotz des Medienrummels bescheiden. «Das Interesse ehrt uns natürlich», sagt er, «für mich ist das der Lohn meiner Arbeit der letzten Jahre.» Er versteht sich nicht nur als Bauer – er ist auch Unternehmer. Und unter diesem Aspekt sei das alles willkommene Gratiswerbung für ihn gewesen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2008, 22:40 Uhr

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