Ein giftiger Superstar und essbare Statisten im Reich der Pilze

Mitglieder des Vereins für Pilzkunde Horgen geben am Wochenende einen Einblick in die Geheimnisse der Pilzwelt. Ausserdem beantworten Experten Fragen rund um Pilze.

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Wer kennt ihn nicht, den Pilz mit seinen leuchtend roten Fruchtkörpern und den weissen Flöckchen auf dem Hut? Der Fliegenpilz ist der unbestrittene Star unserer Pilzwelt und spielte schon bei vielen alten Kulturen und Völkern eine wichtige Rolle. Im kalten Norden etwa diente er als Rauschmittel. Durch den Genuss kam man den Göttern näher. Und die Rolle des Fliegenpilzes als Glückssymbol hat sich bei uns bis heute erhalten.

Die moderne Pilzwissenschaft hat ihm seine auffällige Schönheit zwar nicht nehmen können, wohl aber seine dämonische Seite. Nüchtern reiht sie den Fliegenpilz mit botanischem Namen Amanita muscaria (aus dem lateinischen musca = «Fliege») in die Gattung der Wulstlinge (Amanita) ein, zu denen noch weit gefährlichere Giftpilze wie die Knollenblätterpilze gehören.

Tödlicher Cocktail

Vergiftungen durch Fliegenpilze enden zwar selten tödlich. Von seinem Genuss zu Rauschzwecken ist aber dennoch dringend abzuraten. Zudem scheint seine Rauschwirkung, deren chemischer Hintergrund bis heute nicht restlos geklärt ist, stark vom kulturellen Umfeld abhängig zu sein. Im 19. Jahrhundert machte man für die psychischen Wirkungen des Fliegenpilzes den Stoff Muscarin verantwortlich.

Vor rund 50 Jahren zeigten dann genauere Untersuchungen – unter anderem durch die Zürcher Chemiker Konrad Eugster und Peter G. Waser –, dass offenbar andere Stoffe wie Muscimol, Muscazon und Ibotensäure dabei eine wichtige Rolle spielen.

Doch wie kam der Fliegenpilz zu seinem Namen? Eine Erklärung sagt, dass die weissen Tupfen auf seinem Hut eben wie Fliegen aussähen. Sie sind die Reste jener Haut (Velum universale), die den jungen Pilz anfänglich ganz umhüllte und die mit dessen Wachstum dann in kleine Flocken zerriss. Eine andere Erklärung leitet sich von seiner Verwendung zum Einfangen von Fliegen ab: Als Lockmittel für die Fliegen dienten gezuckerte Fliegenpilzstückchen eingelegt in Milch – ein für Fliegen tödlicher Cocktail.

Ohne Pilze kein Wald

Das Reich der Grosspilze besteht jedoch nicht nur aus dem Superstar Fliegenpilz. In unseren Breiten sind es etwa 5500 Grosspilze, die in Wäldern und Fluren vorkommen. Viele von ihnen spielen ihre Hauptrolle unterirdisch: Als sogenannte Wurzelpilze (Mykorhizza) umhüllen sie als watteähnliches Pilzfadengeflecht die Wurzeln von Nadel- und Laubbäumen und ermöglichen ihnen dadurch erst die Aufnahme von Wasser und Mineralstoffen. Pilze leisten also einen wichtigen Beitrag zum Ökosystem Wald.

Einen Einblick in die Vielfalt der Pilze mit so spannenden, viel versprechenden Namen wie Hexenröhrling, Ritterling, Schneckling, aber auch Porling geben an diesem Wochenende die Mitglieder des Vereins für Pilzkunde Horgen. Es gibt einfach zu bestimmende Pilze wie den Eierschwamm, aber auch solche, die sich so sehr gleichen, dass man schon ein Mikroskop und ein geschultes Auge braucht, um sie voneinander unterscheiden zu können.

Wie nahe Verdruss und Genuss in der Pilzwelt beieinanderliegen, beweisen die jedes Jahr gemeldeten Pilzvergiftungen mit nicht kontrollierten Pilzen, obschon es ein gut ausgebautes Netz an Pilzkontrollstellen gibt. – Weniger zur Unterhaltung als zu ihrer eigenen Sicherheit werden Besucher auf die Verwechslungsgefahr von Speisepilzen mit ihren giftigen Doppelgängern aufmerksam gemacht. In Abhängigkeit von den aktuellen Fundmöglichkeiten werden dem Publikum verschiedene frische Pilze aus der Region vorgestellt – mit ihren deutschen und wissenschaftlichen Namen sowie allen Angaben zu Vorkommen, Standort und Speisewert. Dabei wird das Publikum nicht sich selbst überlassen, sondern an beiden Tagen beantworten Experten Fragen.

Pilzsuppe – garantiert kontrolliert

An der am Sonntag im Naturzentrum Sihlwald organisierten Veranstaltung sollen aber nicht nur Geist und Seele mit Informationen und Geheimnissen aus der Pilzwelt genährt werden, sondern auch der Magen. Pilzgourmets können sich mit einer Pilzsuppe verwöhnen lassen. Die Pilze für die Suppe werden von Mitgliedern des Vereins gesammelt. Selbstverständlich sind alle angebotenen Pilze von Kontrolleuren geprüft, damit das Ganze auch ein Genuss bleibt, sagt Godi Leuthold, Organisator und Vereinspräsident. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2008, 08:29 Uhr

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