Eine Nacht im Durchgangszentrum Bauma

Etwas ausserhalb von Bauma befindet sich eines der 14 Durchgangsheime im Kanton Zürich. Die Menschen, die hierherkommen, tragen wohl schwerer an ihren Geschichten als an dem wenigen Gepäck, das sie mitbringen.

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Es sind politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge aus aller Welt, die sich hier niederlassen, bis ihr Aufenthaltsstatus in Bern abgeklärt wird. Ein zehnköpfiges Team arbeitet im Durchgangszentrum Bauma als Aufsicht und Ansprechspartner für die Bewohner. Einer von ihnen ist Marc Hermann, 33, Nachtwächter.

Zwischen Hoffnung und Angst

Um 19 Uhr beginnt sein Dienst, der bis 7.30 Uhr am Tag darauf dauert. Die Schichtübergabe verläuft plangemäss - der Sonntag wäre an sich ruhig verlaufen, wenn nicht der Vorfall in Zimmer 101 gewesen wäre: Auf dem Schreibtisch im Büro liegt ein verblutetes Taschentuch, eingehüllt in eine durchsichtige Tüte, es ist zusammen mit einer Spritze auf den Schliessfächern aufgetaucht. «Solche Fälle sind relativ selten», sagt Marc Hermann, «wir informieren die Polizei.» Er ist nachts alleine mit den derzeit über hundert Männern, deren Bilder in Sechsergruppen an die Wand geheftet sind, wie es der Aufteilung in die Zimmer entspricht. Sie alle warten auf eine ungewisse Zukunft, manch einem fehlt in dieser Übergangsphase zwischen Flucht und neuer Heimat die Orientierung. Da soziale Kontakte in dieser ersten Zeit noch nicht vorhanden sind und die Asylbewerber auf dieser Stufe noch keine Arbeitsbewilligung haben, ist die Eingewöhnung schwer. Eine Atmosphäre zwischen Hoffnung und Angst liegt in der Luft.«Die Erwartungen an das Leben in der Schweiz stimmen manchmal nicht mit der Realität überein, dazu kommt eine Vergangenheit, die es zu verarbeiten gilt. Es treffen verschiedene Ethnien und Religionen aufeinander, was das Zusammenleben auf engem Raum manchmal schwierig macht.»

Sturm vor der Ruhe

Während Marc Hermann erzählt, wird er immer wieder unterbrochen, noch herrscht reger Betrieb am Schalter des Büros. Ein Bewohner kommt und klagt wegen Fiebers, er bekommt ein Medikament. Andere sind in ärztlicher Behandlung, auch sie bekommen Medizin nach Vorschrift. Gegen halb neun tröpfeln die Bewohner ein, um in der Gemeinschaftsküche zu essen, wenn sie das möchten, sie sind frei in ihrer Zeitplanung. Ein munteres Geplauder um den grossen Kochherd erinnert an ein Ferienlager, die Schlösser an separaten Kühlschränken und Stauräumen eher an ein Zuchthaus. Es gibt eigentlich für alles eine Regel hier, was wohl wegen der schwierigen Bedingungen sein muss. So darf zum Beispiel im Zimmer nicht gegessen werden. Um neun muss die Nachtwache den Kochherd ausschalten, weil er um zehn geputzt wird. Für die Sauberkeit und die Wäsche sind die Bewohner selbst verantwortlich, solche Ämter können die Männer für einen Lohn annehmen, um das Taschengeld aufzubessern. Alle zwei Wochen bekommen die Asylbewerber eine Auszahlung von 140 Franken.

Warten auf den Ernstfall

Auf regelmässigen Rundgängen prüft der Nachtwächter das Areal und die Zimmer auf Sauberkeit und auf die Einhaltung der Hausordnung. Marc Hermann klopft kurz an, bevor er eintritt. Ein Bewohner schreibt einen Brief. Ein Anderer steht auf einem Bein, die Hände auf Brusthöhe gefaltet, er scheint zu beten oder zu meditieren. Wieder einer lernt Deutschvokabeln. «Ich will so schnell wie möglich mein Studium wieder aufnehmen», sagt der junge Mann mit dem wachen Blick auf Französisch. Er spricht auch Englisch und Arabisch, «und sicher bald Deutsch», sagt Marc Hermann. Es ist bewundernswert, wie der Nachtwächter mit den Männern umgeht. Sie scheinen seine Regeln zu respektieren, ohne dass Gemaule zu vernehmen wäre. Sein Ton ist respektvoll, aber bestimmt. «Der heikle Punkt ist der Fernseher, der kommt noch», schmunzelt er, «um zwölf herrscht absolute Nachtruhe.» Zwischendurch klingelt immer mal wieder das Telefon, es ist das Kettentelefon, das in geregelten Zeitabständen die eigene Sicherheit und diejenige der Kollegen in anderen Durchgangszentren garantiert. «Alles ruhig hier», sagt Marc Hermann. Tatsächlich - es ist still geworden. Das Ticken der Uhr wird lauter. «Nun beginnt das Warten, das Warten auf den Ernstfall», sagt Marc Hermann. Er weiss es: Seit 1995 macht er diesen Job, der Ernstfall ist glücklicherweise nicht oft eingetreten. Es komme ab und an zu Schlägereien, im schlimmsten Fall zum Einsatz eines Messers. Die schönen Seiten des Berufs überwiegen aber: «Wo sonst hört man so viele Geschichten von Menschen aus aller Welt?» Zudem liebt er die Nacht. Er braucht sie zum Denken, zum Arbeiten. Marc Hermann ist nebenbei Student. Schriftsteller. Philosoph. Als Nachtwächter darf er Fragen nach seiner Meinung zum Asylwesen nicht beantworten. Er sagt nur «die Erde gehört niemandem, so auch nicht die Schweiz.» Noch ein Kaffee und noch einer. Zum Glück nicht alleine. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2008, 07:10 Uhr

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