Eine Reise durch das Land der vielen Weine

Das Zürcher Weinland hat jetzt Hochsaison. Einige Trauben sind schon im Tank, bald folgt der Rest. Der richtige Zeitpunkt für eine Tour durch die Winzerkeller, wo raffinierte Weine entstehen.

Produziert Weine aus zehn Traubensorten: Toni Kilchsperger aus Flaach – hier am Worrenberg.

Produziert Weine aus zehn Traubensorten: Toni Kilchsperger aus Flaach – hier am Worrenberg. Bild: Dominique Meienberg

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Dunkelblau und schwer hängen die Burgundertrauben an den Stöcken, Rot und Gelb verdrängt das Grün des Laubes. Hellblau leuchtet der Himmel über dem Zürcher Weinland. Die weissen Trauben sind schon abgeerntet. Ein Winzer steht im Rebberg, nimmt eine blaue Traube prüfend in die Hand. Zuwarten oder schon schneiden? Ein paar schöne Tage sind angesagt, die Beeren können noch reifen. Frost und Fäulnis könnte aber der Ernte schaden. Es sind entscheidende Tage für den Wein; Spannung liegt in der Luft.

Im Keller von Moritz Baur in Berg am Irchel (siehe Karte, Nr. 1) schwebt ein süsslicher Geruch, es blubbert im Glasröhrchen am silbern glänzenden Tank. Er hat die weissen Riesling-Silvaner-Trauben «schon heimgebracht», wie er sagt. Der Chardonnay hängt noch, genauso wie zwei weitere weisse und vier blaue Sorten. Der Traubenmost gärt vor sich hin, ist schon über das Sauserstadium hinaus. Prüfend halt er die trübe Flüssigkeit im Glas gegen das Licht. Auf der Bar im neu gebauten Bogenkeller stehen zwei Dutzend verschiedene Flaschen aufgereiht. Es darf degustiert werden, Voranmeldung ist erwünscht. Ursula Baur ist gerade dabei, den Keller herzurichten für eine grosse Gruppe deutscher Autohändler, die sich angemeldet hat. Viele Weinbauern haben Degustationen und Gesellschaftsanlässe als Einnahmequelle und Marketinginstrument entdeckt. Die Konkurrenz wächst.

Von Chardonnay bis Zweigelt

Längst vorbei sind die Zeiten, als im Weinland bloss Blauburgunder- und Riesling-Sylvaner-Stöcke standen, deren Trauben innert Tagen abgeerntet und Grossverteilern zur Produktion eines leichten, oft säuerlichen Landweins zugeführt wurden. Nun wird die Liste immer länger: Chardonnay, Diolinoir, Dornfelder, Gamaret, Malbec, Pinot Gris, Regent, Zweigelt. Da ein Wein nicht nur durch die Traube, sondern auch durch deren Lage, Verarbeitung und Lagerung bestimmt wird, ist die Anzahl Weinvarianten riesig. Fast jeder hat heute in kleinen Eichenfässern ausgebaute Barrique-Weine, tüftelt mit Cuvées und Assemblagen. Mancherorts trifft man auch Eiswein, Strohwein, Schaumwein und Schnäpse an. Immer wieder holen Weinländer Winzer damit nationale und internationale Auszeichnungen.

Uns zieht es hinauf auf Toni Kilchspergers Worrenberg (2). Ein Druck auf die Klingel, und schon kommt der Chef mit Trauben den Hang hinauf. Er holt eine Flasche Pinot noir und bittet die Besucher ins ausgebaute Weinfass, durch dessen Fenster der Blick hinunter ins Flaachtal fällt. Interessenten zeige er seine Weine jederzeit gerne, «aber wir sind keine Besenbeiz», sagt er. Sein Sohn arbeite derzeit auf einem riesigen Weingut in Oregon, das 150 Hektaren misst – ein Viertel der Rebfläche des ganzen Kantons Zürich. Klein nehmen sich demgegenüber die 3,8 Hektaren aus, auf denen Kilchsperger zehn Traubensorten angebaut hat. «Die Kundschaft wünscht die Vielfalt und auch die Authentizität», sagt er. Sie will sehen, woher der Wein kommt, mit dem Winzer persönlich sprechen, vor Ort degustieren.

Himmelsleiterli und Mirischglich

Wer sämtliche Weinländer Weine kosten wollte, wäre tagelang unterwegs. Den Goldenberg (3) lassen wir darum rechts stehen, obwohl er mit seinem wunderschönen Schlosskeller einen Besuch wert wäre. Wo einst Pferde der Schlossherren standen, kann heute Wein probiert und gekauft werden; der Schlossladen ist täglich offen. In Andelfingen schweift der Blick hinüber zum Schiterberg, dem steilsten Rebhang im Weinland. Von dort kommt ein Wein mit Namen «Himmelsleiterli», weil die Treppe direkt in den Himmel zu führen scheint. Originell auch der Andelfinger «Lokipfiff», der bei einem ehemaligen Bahnübergang angebaut wird. Oder der «Mirischglich» für Unentschlossene von Theodor Strasser in Benken.

In Ossingen (4) lohnt sich ein Abstecher auf den Hügel hinter dem Bahnhof, wo Hans Wiesendanger einen neuen grossen Weinkeller gebaut hat. Ende November wird sich im Vinoir der Gärgeruch mit Käseduft vermischen, wenn dort zur Fonduewoche geladen wird. Nur wenig nördlich, in Truttikon, logiert die Familie Zahner (5) mit ihrem Weingut hoch über dem Thurtal. Zahners und Wiesendangers gehörten in den Sechzigerjahren zu den ersten Selbstkelterern im Weinland. Sohn Niklaus hat das Handwerk perfektioniert. Lieblich ist der Barrique-Keller, in dem sich herrlich degustieren und fachsimpeln lässt. Sagenhaft ist sein Pinot blanc Barrique, besonders gelungen in diesem Jahr der Gewürztraminer, erzählt er.

Wir machen uns in den äussersten Zipfel des Weinlandes auf. Schon fast auf der Grenze zum Thurgau liegt das Weingut Glesti in Oberstammheim. Der Weg führt vorbei am malerischen Schloss Schwandegg und durch Waltalingen, wo der Weinstand von Familie Keller am Strassenrand auch mit frischem Sauser lockt (6). Der aufliegende Prospekt wirbt für «Weine mit Persönlichkeit». Eine Persönlichkeit ist auch Hans Glesti (7). Er baut seinen Wein zum Teil in Barrique-Fässern aus, die er von einem Küfer aus alten Eichen aus der Region bauen lässt.

Wetter für einen guten Jahrgang

Selbst der grösste Weinmuffel hört fasziniert zu, wenn Hans Glesti erzählt, wie die Fässer mit Feuer ausgebrannt (getoastet) werden, wie der Wein in den «atmenden» Fässern reift, wie er sich in den zwei Jahren im Fass verändert. Glesti hat gerade erste Erfolge mit einem Merlot. Er ist der erste, der diesen typischen Tessiner Wein in den Norden des Kantons Zürich geholt hat. Sechs Selbstkelterer gibt es allein in den drei Stammertal-Gemeinden, wo laut Glesti der grösste zusammenhängende Weinberg der Kantons steht. Sie bauen 28 Traubensorten an und produzieren daraus 80 Weine. Einen Winzer beobachten wir, wie er bereits die ersten blauen Trauben mit dem Traktor einfährt. Andere warten noch zu. Der kalte September hat die Vegetation etwas verzögert.

Das sei ganz gut so, erklärt die junge, schon mehrfach ausgezeichnete Önologin Nadine Besson-Strasser aus Laufen-Uhwiesen (8) später am Telefon: «Die kühlen Nächte lassen die Aromen, Farbstoffe und Tannine in den Beeren gut entwickeln. Zudem verhindert die Kälte, dass sich der Botrytispilz auf der Beerenhaut ausbreitet.» Wenn jetzt die Sonne noch ein paar Tage kräftig scheint, stimmen auch die Öchsle-Grade. Und dann wird es in den Weinländer Rebbergen plötzlich nur noch so wimmeln von eifrigen Helfern, die den Rest des Jahrgangs 2008 einbringen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2008, 08:53 Uhr

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