Einem Dörflein gehen die Gemeinderäte aus

Im 300-Seelen-Dorf Volken hatte fast jeder schon einmal ein öffentliches Amt. Nachfolger zu finden, ist deshalb schwer. Jetzt wirds ganz eng: Vier von fünf Gemeinderäten treten zurück.

In der Wirtschaft zur Post in Volken wird Dorfpolitik gemacht – und zerzaust.

In der Wirtschaft zur Post in Volken wird Dorfpolitik gemacht – und zerzaust. Bild: Wolfgang Sträuli

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«Tubel», «Neger», «Torebueb»: Als solche fühlen sich die aktuellen Gemeinderatsmitglieder manchmal, wenn sie versuchen, in ihrer Gemeinde etwas zu bewegen, erzählen sie.

Dabei ist Volken ein beschauliches Flecklein im Zürcher Weinland, mit 300 Einwohnern, drei Strassen, rund 150 Häusern, einem Schulhäuschen, einem Volg und dem Restaurant zur Post, wo oft die Gemeindepolitik gemacht und ebenso oft zerzaust wird. Dort hat letzte Woche die Nachricht eingeschlagen: Vier von fünf Gemeinderatsmitgliedern wollen sich 2010 nicht mehr zur Wahl stellen. «Ich war völlig überrascht», sagt Pöstli-Wirt und Weinbauer Richard Erb, selber ehemaliger Gemeinderat.

Die Welle ausgelöst hatte Gemeindepräsident Martin Erb, als er in seiner 1.-August-Rede den Rücktritt ankündigte. Seit 14 Jahren ist er im Gemeinderat, seit fünf Jahren Präsident. Er sei zwar nicht verbittert, sagt er. Doch fühle er sich aufgerieben zwischen immer höheren Anforderungen des Kantons auf der einen und den konservativen Kräften im Dorf auf der anderen Seite.

Wenn die Gemeinde überleben wolle, müsste sie jetzt Bauland erschliessen, wachsen und neue Bewohner anlocken, sagt er. Denn spätestens, wenn der Kanton den neuen Finanzausgleich einführt, werde sonst der Steuerfuss ins Unermessliche steigen. Und dann werde auch niemand mehr zuziehen.

Doch: «Volken bewegt sich nicht», sagt Gemeindepräsident Erb. «Du kannst machen, was du willst – irgendjemand legt sein Veto ein.» Verhandlungen über Quartierpläne verlaufen ins Uferlose, Verkehrsberuhigungsmassnahmen werden blockiert, und selbst eine simple Verkehrsinsel muss der Gemeinderat mehrmals planen, um dem Kanton und den Einwohnern Recht zu tun. «Man läuft sich zu Tode wie die Welle am Ufer», sagt Erb. Und das für eine Entschädigung von 4000 Franken pro Jahr, der Präsident erhält das Doppelte.

Kollege Daniel Widmer wurde 2000 gewählt, nur gerade drei Jahre nachdem er mit seiner Familie ins Dorf gezogen war. Er hört auf, weil die Situation für ihn und die Familie immer schwieriger wurde. Man mache sich mit gewissen Entscheiden unbeliebt, sagt er. «Das lassen dich die einen dann spüren.» Andreas Brack, der in Flaach eine Tierarztpraxis führt, trete zurück, weil er nicht wegen der Politik Kundschaft verlieren wolle, erzählt einer im Dorf. Und Elsbeth Ritzmann sagt, sie sei sieben Jahre in diesem «Verein» gewesen. Das reiche, zumal ihr Mann auch schon Gemeinderat und -präsident gewesen war.

Geeignet ist, wer schreiben kann

Damit spricht Ritzmann das grösste Problem der kleinsten Gemeinde im Kanton Zürich an: Es gibt kaum eine halbwegs fähige und willige Person, die nicht schon einmal irgendwo engagiert war. Von den rund 300 Einwohnern ist etwa die Hälfte in wahlfähigem Alter. Rund 30 Behördenämter müssen in Volken besetzt werden. Das geht so weit, dass an Gemeindeversammlungen Abwesende ins Wahlbüro gewählt werden, weil sich niemand freiwillig meldet. Oder dass keine Kandidatur für eine Schulpflegeersatzwahl vorliegt, wie sie am 28. September angesetzt ist. Spätestens im zweiten Wahlgang wird dann eine Person bestimmt, die ihre Wahl nur ablehnen kann, wenn sie zu alt oder krank ist, bereits acht Jahr im Amt war oder «andere wichtige Gründe aufführen kann», wie es im Gesetz heisst. So wurde auch Elsbeth Ritzmann 2003 ohne zu kandidieren mit 72 Stimmen zur Gemeinderätin. «Wer schreiben kann, ist für dieses Amt geeignet», sagt die pensionierte Lehrerin.

Viele allerdings halten es nicht lange aus. «Die Amtszeiten werden immer kürzer», stellt Max Keller fest. Der Landwirt ist der einzige der fünf Gemeinderäte, der wieder kandidieren will. Er ist seit 2006 im Amt. «Präsi werden will ich aber nicht», sagt der Landwirt, der auch noch 50 Prozent auf dem Flughafen arbeitet, Gemeindeweibel ist und sich in der Feuerwehr sowie der Unterhaltsgenossenschaft engagiert. Irgendwann sei es dann genug, findet er.

Gemeindefusion wird diskutiert

Im Dorf zweifelt man, ob sich bis 2010 vier Personen finden lassen, welche die Jobs im Gemeinderat übernehmen wollen. Guter Dinge ist hingegen Statthalter Kurt Stäheli. «Volken hat seine eigenen Gesetzmässigkeiten», sagt er. «Da sagt einer im Pöstli kurz vor den Wahlen, ‹der Heiri wär doch auch noch gut›, und schon wird der Heiri gewählt.» Alles andere wäre für ihn eine Überraschung. «Es wäre das erste Mal, dass wir im Bezirk einen Gemeinderat oder eine Schulpflege nicht besetzen könnten.»

Für den Pöstli-Wirt Richard Erb ist klar, dass Volken sich überlegen muss, mit anderen Gemeinden im Flaachtal zu fusionieren. Damit würde das Behördenproblem entschärft. Auch für den zurücktretenden Gemeinderat Widmer wäre dies prüfenswert. Und Präsident Martin Erb sagt: «Ich würde mich überhaupt nicht gegen eine Fusion wehren.» Allerdings zweifelt er daran, dass das die Einwohner goutieren würden. Die Erfahrung hat ihn vorsichtig gemacht. Im November organisiert der Gemeinderat darum eine Informationsveranstaltung für die Bevölkerung zum Thema «Gemeinde Volken – wohin?». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2008, 22:06 Uhr

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