Erinnerung in Kisten auf der Boldern

Erinnerung in Kisten auf der Boldern Die Ausstellung «Making memories matter» macht halt am Zürichsee. Zur Vernissage am Sonntag fand auf der Boldern eine Kurztagung statt.

Initiator Manfred Zalfen und Boldern-Ausstellungleiter Walter Lüssi.

Initiator Manfred Zalfen und Boldern-Ausstellungleiter Walter Lüssi.

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Regenwolken über dem Tagungszentrum Boldern. Ein Hintergrund wie geschaffen, sich zu erinnern. Es ist der Anfang einer Reise durch die grauen Nebel der Vergangenheit. Manfred Zalfen, der Leiter des Projekts «Making memories matter», erläutert die Gedanken hinter der Ausstellung, die seit Sonntag im Tagungszentrum ob Männedorf zu sehen ist. In alten Munitionskisten präsentieren alte Menschen aus Europa ihre Erinnerungen: ein Stück Zeitgeschichte. «Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes beschlossen einige Pädagogen, die mit alten und dementen Leuten arbeiteten, auf einer Tagung, die Geschichten dieser Menschen wieder in Erinnerung zu rufen», erklärt Zalfen. Mit den letzten Worten des Projektleiters setzt Harfenmusik ein, und die Erinnerungskisten erwachen zu neuem Leben. Plötzlich kriegen die Zahlen aus dem Geschichtsunterricht Gesichter, werden zu individuellen Schicksalen. Die Ausstellungsbesucher treten ein in eine vergangene Welt. Da sind Kinderzeichnungen aus Theresienstadt, die Bilder verschollener Väter, die Erinnerungen an die erste Liebe – die hoffnungsvoll erwartete Flaschenpost eines dänischen Mädchens, das seinen Freund in England weiss.

Erinnerung schafft Identität

Sonnenstrahlen dringen durch die Wolkendecke, als der sonntagnachmittägliche Rundgang beendet ist, sie werfen Lichtpunkte auf das Tagungszentrum. Auch die Kisten in der Ausstellung haben das Dunkel der Vergangenheit wie Scheinwerfer durchbrochen, und einzelne Geschichten wieder ins Licht gerückt. Im Anschluss an die Vernissage finden Vorträge und eine Gesprächsrunde statt: Die Besucher erhalten Einblicke in das Verhältnis der Schweiz zu Europa aus der Sicht der Historiker und in die Bemühungen der Schweiz zur Friedensförderung. Einhellig wird festgestellt, wie wichtig die Erinnerung zur Identitätsbildung ist. Gleichzeitig der Hinweis, dass Erinnerung selektiv ist. «Es macht Mut zu sehen, dass der Krieg nicht omnipräsent ist. Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg sind Erinnerungen unter anderen», meint eine Tagungsteilnehmerin. Doch wie lassen sich all diese Erinnerungen zu einer gemeinsamen Identität verknüpfen? «Die Menschen müssen doch miteinander reden können», fordert eine Besucherin. «Die Menschlichkeit in den anderen muss entdeckt werden», sagt eine weitere. Und sofort kommen Fragen zu Opfern und Tätern auf. Genügt es, Schuld anzuerkennen, oder braucht es Wiedergutmachung?

Der Reiz von «Making memories matter» besteht darin, vom Besucher nicht zu fordern, sondern einfach zu erzählen. Es wird ein Stück Menschlichkeit offenbart. Mit den Erinnerungskisten wurde ein erster Schritt gemacht, aber noch ist es ein weiter Weg hin zu einer gemeinsamen europäischen Identität. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2008, 21:02 Uhr

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