«Freunde sind bei uns immer willkommen,fremde Richter aber brauchen wir nicht»

Das chinesische Volk könne seine Probleme am besten selbst lösen, sagt Chinas neuer Botschafter in der Schweiz. China müsse sich Kritik gefallen lassen, wenn es die Olympischen Spiele ausrichten wolle, meint Nationalrat Mario Fehr.

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Das Gespräch zwischen Botschafter Dong Jinyi und Nationalrat Mario Fehr moderierten Luciano Ferrari und Dominique Eigenmann

Herr Botschafter, China hat grosse Anstrengungen unternommen, um die Olympischen Spiele von Peking vorzubereiten – man denke nur an die Infrastruktur –, und erntet jetzt im Westen nur noch Kritik. Bedauern Sie heute, die Organisation der Spiele übernommen zu haben?

Dong Jinyi: Von Bedauern kann überhaupt keine Rede sein. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie feststellen, dass unser Land enorme Anstrengungen unternommen hat, um die Spiele stattfinden zu lassen. Zwar erheben sich in letzter Zeit einige kritische Stimmen, aber das bedeutet nicht, dass alle Leute jetzt China kritisieren. 205 Länder und Gebiete haben ihre Teilnahme an den Spielen in Peking zugesagt, das sind so viele wie noch nie in der Geschichte dieser Veranstaltung. China wehrt sich nicht gegen Kritik, sondern begrüsst und nimmt alle konstruktiven Vorschläge an. Aber bei Äusserungen und Argumenten, die durch Vorurteile, Diskriminierung und Feindlichkeit gekennzeichnet sind oder Tatsachen verdrehen, kann man nicht mehr von Kritik sprechen: Hier geht es nur noch um Verleumdung.

Herr Nationalrat Fehr, war es richtig, die Spiele nach China zu vergeben?

Mario Fehr: Diese Vergabe war falsch. Für das Internationale Olympische Komitee muss die Olympische Charta massgebend für die Vergabe der Spiele sein, und diese Charta sieht vor, dass jede Form der Diskriminierung wegen politischer Gesinnung, Religion oder Rasse unvereinbar mit dem olympischen Gedanken ist. Es gab deshalb bereits 2001 innerhalb des IOK eine sehr kontroverse Debatte darüber, ob man die Spiele nach China vergeben sollte. Meines Erachtens erfüllte China 2001 die Voraussetzungen nicht, und heute erfüllt es sie noch weniger. China hat damals versprochen, die Einhaltung der Menschenrechte im Land zu verbessern, und das IOK hat diesen Beteuerungen Glauben geschenkt. Das war sehr naiv, und ich teile die Meinung des Präsidenten des Schweizerischen Olympischen Komitees, Jörg Schild, dass Olympische Spiele in Länder mit unbefriedigenden Menschenrechtssituationen höchstens unter Vorbehalt vergeben werden dürfen. China diskriminiert seine Minderheiten, die Uiguren, die Christen und vor allem die Tibeter. Tibet ist seit 1950 besetzt, es gibt dort keine Versammlungs-, keine Meinungsäusserungs- und keine Religionsfreiheit. Das ist eine klare Verletzung der Olympischen Charta. Mein Fazit ist, dass das chinesische Volk diese Olympischen Spiele wohl verdient hätte, die chinesische Führung, die das Land mit harter Hand regiert, hingegen sicher nicht.

Dong: Herr Fehr, darf ich fragen, wie viele Male Sie in China gewesen sind? Waren Sie beispielsweise 2001 in China oder in jüngster Zeit, sodass Sie solche Vergleiche anstellen können?

Fehr: Ich bin 1988 drei Monate durch China gereist und war danach einen Monat in Tibet. Die Situation war damals in Tibet ähnlich angespannt wie jetzt. Am 10. März 1989 mündete sie in einen grossen Aufstand mit sehr vielen Toten. Ich habe in Tibet die Repression des chinesischen Militärs und der Polizei mit eigenen Augen gesehen. Ich habe erlebt, wie die Mönche in den Klöstern Angst hatten, überhaupt nur mit mir zu sprechen. Ich war in Untergrundschulen, wo tibetische Kinder unterrichtet wurden, weil ihnen der Zugang zu den offiziellen Schulen verwehrt wurde. Ich habe nie etwas gegen das chinesische Volk gehabt. Während meiner Reise hatte ich viele freundliche Begegnungen mit Chinesinnen und Chinesen. Meine Kritik richtet sich gegen die Regierung, das chinesische Regime, die kommunistische Partei, die das Land nach wie vor mit eiserner Hand führt.

1988 ist lange her. Wie informieren Sie sich seither?

Fehr: Als Mitglied der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats informiere ich mich aus allen zur Verfügung stehenden Quellen über China und dessen Entwicklung und selbstverständlich auch über Tibet. Es schmerzt mich, dass sich seit 2001 die Menschenrechtssituation nicht verbessert, sondern sogar noch verschlechtert hat. Die Umerziehungskampagnen in den tibetischen Klöstern zum Beispiel haben in den letzten 18 Monaten deutlich zugenommen, die westliche Presse hat keinen freien Zugang mehr, Tibet ist hermetisch abgeriegelt, das Internet in China ist zensuriert, Dissidenten werden ins Gefängnis geworfen. Das entspricht nicht dem Geist der Olympiade.

Dong: Was die Verbesserung der Menschenrechtslage betrifft, steht es in erster Linie dem chinesischen Volk zu, darüber zu urteilen. Schliesslich hat das chinesische Volk die Entwicklung der letzten Jahre auch wirklich erlebt.

Wieso fällt die Kritik an China im Westen derzeit auf so fruchtbaren Boden? Wie erklären Sie sich die starken negativen Gefühle gegenüber Ihrem Land?

Dong: Diese starken Gefühle entstehen aus einer unausgewogenen Information. Es liegt auch daran, dass manche westliche Medien die Wahrheit verschleiern und falsche Informationen verbreiten. Es gibt aber meiner Meinung nach keine starken «negativen Gefühle» gegenüber China. Die breite Bevölkerung weltweit hegt immer noch freundliche Gefühle für China. Im Übrigen sind die Stimmen der 2,5 Millionen Tibeter, die im Autonomen Gebiet Tibet der Volksrepublik China leben, in den hiesigen Medien gar nicht vertreten. Zu hören sind dagegen Personen, die leugnen, Chinesen zu sein, oder die gar nicht in Tibet leben. Diese Stimmen können Tibet und sein Volk nicht repräsentieren. 1959 wurde in Tibet das Feudalsystem abgeschafft, das noch die Leibeigenschaft kannte. Seither hat sich eine grosse Veränderung vollzogen: Die Bevölkerung verdoppelte sich auf 2,5 Millionen Menschen. Und von Diskriminierung kann keine Rede sein: Die chinesische Sprache und die tibetische werden in den Schulen in gleicher Weise gelehrt, wobei die tibetische Sprache als Hauptsprache gilt. Auch ist die Religionsfreiheit gewährleistet: Es gibt heute in Tibet mehr als 1780 Tempel. Seit der demokratischen Reform von 1959 haben sich in Tibet grosse Veränderungen vollzogen, und es wird weitere Fortschritte geben.

Wenn die Proteste etwa während des olympischen Fackellaufs nur auf falsche oder unausgewogene Informationen zurückzuführen sind, weshalb gewährt Peking dann den westlichen Medien keinen Zugang zu Tibet? Und: Hätte China nicht mehr unternehmen können, um die Tibet-Frage zu entschärfen, etwa indem die Regierung in Peking den Dalai Lama zu direkten Gesprächen eingeladen hätte?

Dong: Jedes Jahr besuchen 100 000 Touristen Tibet. Dennoch sind viele schlecht informiert, weil sie das Vorurteil pflegen, es sei alles richtig, was der Dalai Lama sagt, und alles falsch, was die chinesische Regierung sagt. Es gibt antichinesische Kräfte, die Tibet abspalten möchten. Auf jeden Fall möchten sie das ruhige und glückliche Leben der tibetischen Bevölkerung stören und zerstören. Was den Dalai Lama angeht, so gibt es im tibetischen Buddhismus vier Schulen. Der Dalai Lama ist nur der Führer einer dieser vier Schulen. Der Dalai Lama ist ein «lebender Buddha», davon gibt es in Tibet aber über 2000. Ich habe selber Freunde, die lebende Buddhas sind. In diesem Sinn kann der Dalai Lama nicht den gesamten tibetischen Buddhismus repräsentieren und schon gar nicht die ganze tibetische Bevölkerung. Vor 1959 war der Dalai Lama nicht nur ein religiöser Führer, sondern auch ein politischer. Das ist auch ein Grund dafür, weshalb er heute nie über die Zeit vor 1959 spricht und weshalb er jetzt gegen die Kommunistische Partei Chinas eintritt. Diese hat nämlich 1959 das feudalistische System Tibets durch eine demokratische Reform abgeschafft.

Fehr: Ihre Angaben sind falsch und Teil Ihrer Propaganda. 1959 gab es keine demokratische Reform in Tibet oder sonst wo in China. Jedenfalls ist mir kein demokratischer Vorgang bekannt, in dem irgendwo in China oder Tibet das Volk hätte wählen können, wer es regiert. Die Tibeter haben die Chinesen 1950 nicht gerufen, sie sind ungefragt gekommen und haben das Land besetzt.

Dong (interveniert): Tibet ist aber ein Teil Chinas. Der Dalai Lama sagt doch jetzt selbst, dass er auf die Unabhängigkeit Tibets verzichtet!

Fehr: Das tut er. Es war auch der Dalai Lama, der im Exil die tibetischen Institutionen demokratisiert hat. Es gibt heute ein tibetisches Exilparlament und eine Exilregierung, die von den Exiltibetern in freien Wahlen bestimmt werden. So etwas gibt es in China nicht. Wenn es jetzt zu den Aufständen in Tibet gekommen ist, dann liegt der Grund schlicht in der Frustration, die sich unter den Tibetern über ihre wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Diskriminierung aufgestaut hat. Tibetisch wird als Amtssprache nicht anerkannt. Es gibt für die Tibeter nur einen eingeschränkten Zugang zur Bildung, für die meisten Universitätsstudien muss Mandarin gesprochen werden. Die Kommunistische Partei will sogar bestimmen, wer eine Reinkarnation sein kann und wer nicht. Und es gibt auch keine freie Religionsausübung. Sehen Sie (Fehr nimmt ein Bild des Dalai Lama aus den Akten), wenn ich in Tibet dieses Bild auf mir tragen würde, würde ich dafür bestraft. Allein der Besitz dieses Bildes ist verboten. Das habe ich 1988 mit eigenen Augen gesehen. Entgegen Ihrer Darstellung wird der Dalai Lama von allen Tibetern verehrt, gleich welcher buddhistischen Schule sie angehören. Es ist deshalb falsch und schädlich, wenn die chinesische Regierung den Dalai Lama verteufelt, ihn als Wolf in Mönchskutte, als Lügner, als Separatisten, als Teufel bezeichnet. Der Dalai Lama ist immer für den Dialog eingetreten. Er sagt seit 20 Jahren, dass er für Tibet eine substanzielle Autonomie anstrebt, er tritt bis heute auch dafür ein, dass China die Olympischen Spiele ausrichtet. Und er hat immer gesagt, dass Proteste friedfertig sein müssen. Ich verstehe nicht, dass Sie mit diesem grossen Religionsführer nicht in einen Dialog treten, sondern diesen in den letzten 20 Jahren vielmehr beharrlich verweigert haben.

Dong: Das ist eine gute Frage.

Fehr: Meines Erachtens missbrauchen Sie diese Olympischen Spiele vielmehr für Machtdemonstrationen. Die schlimmste ist die, dass Sie den Fackellauf durch Tibet stattfinden lassen und dann am Ende die olympische Flamme auch noch auf den Mount Everest tragen, einen der heiligen Berge der Tibeter. Das ist eine schlimme, unnötige Provokation und Demütigung des tibetischen Volkes, die das IOK hätte untersagen müssen.

Dong: Die Olympischen Spiele sind ein Ereignis von Weltrang. Es war für die chinesische Regierung vorhersehbar, dass antichinesische Kräfte unter allerlei Vorwänden die weltweite Aufmerksamkeit ausnützen würden, um die Spiele zu stö

ren. Das wird diesen Gruppen jedoch nicht gelingen: Die Pekinger Spiele werden ein grosser Erfolg werden. Es ist vollkommen logisch und gerecht, dass das olympische Feuer auf dem Territorium des olympischen Austragungsstaats weitergereicht wird. Der Fackellauf durch Tibet ist auch der Wunsch der tibetischen Bevölkerung. Soviel ich weiss, werden zwölf Mitglieder der tibetischen Bergsteigermannschaft das olympische Feuer auf den höchsten Gipfel der Welt tragen.

Wäre China bereit, den Dalai Lama zum Gespräch zu empfangen?

Dong: Die chinesische Regierung ist immer mit Aufrichtigkeit und Geduld in Kontakt mit dem Dalai Lama gewesen. Seit 1979 haben Vertreter des Dalai Lamas mehr als zwanzigmal China besucht. Seit 2002 haben die zuständigen Behörden sechsmal mit persönlichen Vertretern des Dalai Lama gesprochen. Bisher leider ohne Ergebnis. Das ist in erster Linie auf einen Mangel an Ehrlichkeit von Seiten des Dalai Lama zurückzuführen. Der Dalai Lama behauptet, dass er nicht mehr nach der Unabhängigkeit Tibets strebt, sondern nur nach einer «substanziellen Autonomie». Tibet ist aber bereits ein autonomes Gebiet Chinas. Das heisst, er akzeptiert die Tatsache nicht, dass Tibet seit alters ein Bestandteil Chinas ist. Zweitens verneint er das in der chinesischen Verfassung verankerte System der regionalen Autonomie der Nationalitäten in China. Drittens strebt er die Gründung einer «Grossregion Tibet» an, die die Gebiete der Nachbarprovinzen Sichuan, Yunnan, Gansu und Qinghai beinhalten würde. Viertens fordert er den Auszug der Einwohner anderer Nationalitäten aus dieser Grossregion, und fünftens sollen die Truppen der chinesischen Zentralregierung aus dem ganzen Gebiet abgezogen werden. Dennoch ist Chinas Regierung zum Dialog bereit – allerdings nur, wenn der Dalai Lama mit den Aktivitäten zur Abspaltung von China und den gesetzeswidrigen Gewalttätigkeiten und Störungen der Olympischen Spiele aufhört.

Fehr: Die Politik der chinesischen Regierung ist immer die gleiche. Der Dalai Lama hat schon vor 20 Jahren die Forderung nach Unabhängigkeit aufgegeben und das Angebot der substanziellen Autonomie gemacht. Und er ist immer für Gewaltfreiheit eingetreten. Sie aber haben immer noch eine weitere Bedingung gestellt, damit keine richtigen Gespräche stattfinden können.

Dong: Wer hat Bedingungen gestellt?

Fehr: Die chinesische Regierung.

Dong: (lacht) Der Dalai Lama hat immer neue Bedingungen gestellt.

Fehr: Wenn Sie diesen Dialog wirklich wollen, dann wäre jetzt der richtige Moment, den Dalai Lama nach Peking einzuladen. Und zwar ohne Bedingungen. Gute Gespräche beginnen immer dann, wenn keine Partei eine Vorbedingung stellt und die Kontakte auf oberster Ebene stattfinden.

Dong: Was der Dalai Lama in der Öffentlichkeit sagt, entspricht nicht dem, was er in den Verhandlungen vorträgt. So hat er noch nie die oben genannten fünf Bedingungen öffentlich vertreten. Es sind aber diese Forderungen, die die Gespräche blockieren, weil sie für uns inakzeptabel sind.

Fehr: Ich bin überzeugt, dass Sie eine historische Chance verpassen, wenn Sie jetzt das Gesprächsangebot des Dalai Lama nicht annehmen. Ihr kommunikatives Fiasko in diesen Wochen hat damit zu tun, dass Sie nicht darauf eingehen. Sie werden nur eine Lösung für Tibet finden, wenn Sie den Dialog mit dem Dalai Lama aufnehmen.

Weshalb hat China so grosse Schwierigkeiten im Umgang mit seinen Minderheiten? Fürchtet die chinesische Führung um die Stabilität des Landes?

Dong: China ist ein Vielvölkerstaat mit 56 Nationalitäten. Die chinesische Regierung hat eine Minderheitenpolitik entwickelt, um allen Nationalitäten eine gemeinsame Entwicklung in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft zu ermöglichen. Diese Politik beruht auf der Gleichberechtigung und der Solidarität aller Nationalitäten, dem System der regionalen Autonomie und der Förderung der Wirtschaft. Die 56 Nationalitäten, die alle die grosse Familie der chinesischen Nation lieben, haben einen starken Willen, die staatliche Einheit, den Zusammenhalt der Nationalitäten und die gesellschaftliche Stabilität konsequent zu wahren.

Was wäre Ihr Ansatz, Herr Fehr, um in einem so grossen Land mit so vielen Minderheiten umzugehen?

Fehr: Aus Schweizer Perspektive ist klar, dass zum Beispiel die Minderheit in der Romandie es zu Recht nicht akzeptieren würde, wenn sie an einer Universitätsprüfung in der eigenen Region Deutsch sprechen müsste und wenn die Amtssprache Deutsch wäre. Genau diese Situation erleben die Tibeter. Es ist immer die Mehrheit, die der Minderheit Rechte einräumen muss. In China leben zu 90 Prozent Han-Chinesen. In den grossen tibetischen Städten stellen die Han-Chinesen heute die Mehrheit. Ich glaube, dass Sie viel toleranter umgehen müssen mit Ihren Minderheiten. Sie müssen ihnen ihre Religion, ihre Kultur, ihr Erziehungssystem lassen. Wenn alles so in Ordnung wäre, wie Sie es hier schildern, dann sollten morgen schon wieder Touristen und Journalisten nach Tibet reisen dürfen. Dass Sie Tibet hermetisch abgeschlossen haben, dass faktisch Kriegsrecht herrscht, zeigt, dass Sie Stabilität nur mit Hilfe eines gewaltigen Unterdrückungsapparat herstellen können. Die Geschichte meines Landes lehrt, dass der Zusammenhalt umso besser gewahrt werden kann, je besser sich die Minderheiten respektiert fühlen.

Dong: Vielleicht müssen wir hier einmal der Frage nachgehen, wie es eigentlich zu den gesetzeswidrigen Unruhen vom 14. März in Lhasa gekommen ist. Es ist zu diesen Unruhen gekommen, weil gewisse antichinesische Kräfte die Lage falsch eingeschätzt haben. Sie haben geglaubt, die Olympischen Spiele als Anlass benutzen zu können, um ihre abspalterischen Ziele mit Druck durchzusetzen.

Fehr: Wenn ein Volk mehr als 50 Jahre lang unterdrückt, verfolgt und ein Teil der Bevölkerung gar eingesperrt und getötet wird, wenn die Menschen wirtschaftlich und kulturell diskriminiert werden, wenn ihre Religion unterdrückt wird, dann kommt es zu solchen Unruhen. Wenn Sie es geschafft hätten, diesen Menschen ihre Freiheiten zu geben, sie zu integrieren, ihnen ihre grundlegenden Rechte zu geben, dann wäre das alles nicht passiert.

Dong: Es gibt genug Beweise, dass diese Unruhen von langer Hand geplant und organisiert wurden. Die ganze tibetische Bevölkerung hat sie im Übrigen verurteilt; es wäre sehr zu wünschen, dass diese Verurteilung auch hier einmal zur Kenntnis genommen würde. Ebenso die offiziellen Zahlen: Danach sind am 14. März 18 unschuldige Menschen verbrannt, darunter Han-Chinesen, Muslime aus dem Volk der Hui und Tibeter. Es war auch ein Kind dabei, das noch nicht ein Jahr alt war. 382 unschuldige Passanten wurden schwer verletzt. Über 300 Wohnhäuser, Geschäfte und 7 Schulen wurden in Brand gesetzt – Schulen, die für die tibetischen Kinder gedacht waren. Bis heute sind 953 Menschen festgenommen worden, davon sind bereits 403 zu Strafen verurteilt worden. 362 Verdächtige wurden wieder freigelassen. Das sind die Fakten. Es ist schade, wenn man sich nur einseitig informiert. Wie Sie wissen, haben seit den Unruhen schon mehrere Journalisten und Diplomaten Tibet wieder besucht. Wenn die Lage sich weiter beruhigt, wird der Zugang zu Tibet wieder jedermann freistehen.

Fehr: Diese Darstellung der Ereignisse ist völlig falsch. In einem Land, in dem jährlich 8000 Menschen hingerichtet werden und das 30 000 politische Gefangene zählt, sind solche Zahlen nur Teil der Propaganda. Sie wissen genau, dass die erwähnten Besuche der Journalisten geführte und keine freien Reisen waren. Ich werde keine Ihrer Zahlen akzeptieren, solange diese nicht überprüft werden können. Sie haben übrigens nicht nur den Journalisten den Zugang verwehrt, sondern selbst die Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte nicht ins Land gelassen. Was haben Sie zu verbergen?

Dong: Freunde sind bei uns immer willkommen, fremde Richter aber brauchen wir nicht. Tibet ist ein Bestandteil Chinas. In jedem Land gibt es bestimmte Probleme und Schwierigkeiten. Die Chinesen können und sollen diese Probleme aber selbst lösen. Wenn jemand glaubt, er könne es besser machen als das Volk dieses Landes, finde ich das etwas anmassend.

Fehr: Ich habe von der Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte gesprochen. Ihr haben Sie die Einreise verwehrt – obwohl China Ständiges Mitglied des Uno-Sicherheitsrates ist.

Dong: Manchmal erinnert man sich im Westen daran, dass China Mitglied des Sicherheitsrats ist. Manchmal aber vergisst man es auch wieder – etwa um einen Vergleich zwischen Tibet und Kosovo zu ziehen.

Fehr: Wenn Sie die Olympischen Spiele wollen, müssen Sie in unserer offenen, freien Welt jede Diskussion aushalten, selbst wenn ein Vergleich Ihrer Ansicht nach einmal nicht zutreffen sollte.

Nach Ansicht der chinesischen Organisatoren und des IOK sollten die Olympischen Spiele von Peking auch zu einer Öffnung der chinesischen Gesellschaft beitragen. Welche Folgen haben die heftigen Proteste der letzten Wochen für dieses Ziel?

Dong: Reform und Öffnung stellen den unausweichlichen Entwicklungstrend Chinas dar. Dank Reformen und der Öffnung hat sich China in den letzten 30 Jahren schnell entwickelt. China wird an dieser Entwicklung unbeirrbar festhalten. Reform und Öffnung sowie die Olympischen Spiele ergänzen sich. Die erfolgreiche Austragung kann zweifelsohne dazu beitragen, die Öffnung Chinas weiter voranzutreiben.

Wie haben die Chinesen selbst auf die Kritik aus dem Ausland reagiert?

Dong: Viele Chinesen sind wegen der Proteste sehr verärgert. Die falschen Informationen über China haben zu einer eigentlichen Empörungswelle geführt, vor allem unter den jungen Chinesen. Vor einigen Tagen gab es im Internet einen Aufruf von 30 000 Chinesen, französische Produkte zu boykottieren. Es gab aber auch Demonstrationen in Kanada, den USA und in Europa von chinesischen Studenten und Überseechinesen, die für die Austragung der Olympischen Spiele in Peking protestiert haben.

Fehr: Ich fand die Vorstellung, dass China sich politisch öffnen würde, nur weil es die Olympischen Spiele zugesprochen bekommt, von Anfang an grenzenlos naiv. China hat sich nach den leidvollen Erfahrungen der Kulturrevolution ab Anfang der 80er-Jahre wirtschaftlich geöffnet, nicht aber politisch.

Dong: Wir glauben, dass Proteste der falsche Weg sind. Wir sind der Überzeugung, dass man diese Spiele besser dazu benutzen würde, sich gegenseitig besser kennen zu lernen.

Fehr: Wenn Sie das ernst meinen, dann dürfen Sie die Spiele nicht zu einer Machtdemonstration missbrauchen. Sie könnten beispielsweise morgen ankündigen, dass die Fackel nicht auf den Mount Everest getragen wird. Sie könnten Menschenrechtsaktivisten wie Hu Jia freilassen und all die vielen politischen Gefangenen in Tibet. Führende chinesische Intellektuelle haben den zunehmenden Chauvinismus in China kritisiert. Für mich ist er eine Folge davon, dass in Ihrem Land die Menschen sehr einseitig informiert werden. Wenn Sie wirklich den offenen Dialog wollen, dann geben Sie das Internet und die Informationen frei! Und suchen Sie den Dialog mit den Minderheiten und insbesondere auch mit dem Dalai Lama.

Noch einmal: Was haben die Proteste bewirkt?

Fehr: In China selbst haben sie kurzfristig den Chauvinismus angestachelt. Über kurz oder lang aber wird sich China – und das ist der positive Aspekt dieser Proteste – der internationalen Debatte stellen müssen, weil die Menschenrechte universell sind. Sie sässen heute nicht als Vertreter Chinas hier, wenn diese Proteste nicht gewesen wären.

Dong (lacht): Es ist mir eine grosse Freude, dass wir heute diesen Dialog geführt haben. Nicht wegen der Proteste, sondern weil ich als neuer chinesischer Botschafter in der Schweiz auch die Aufgabe habe, das gegenseitige Kennenlernen und Verständnis zwischen unseren beiden Völkern zu vertiefen. Und ich hoffe, diesen Dialog mit Ihnen weiterhin zu führen.

Fehr: Dazu bin ich selbstverständlich bereit. Noch besser wäre es allerdings, wenn Sie diesen Dialog endlich direkt mit dem Dalai Lama und dessen Vertretern führen würden.

Ein sehr ungewöhnliches Streitgespräch

Es war ein Start ohne Umschweife: Am Freitag vor zwei Wochen erst hatte der neue chinesische Botschafter in der Schweiz bei Bundespräsident Pascal Couchepin sein Beglaubigungsschreiben überreicht, sechs Tage später trat Dong Jinyi auf Einladung des «Tages-Anzeigers» bereits zum Streitgespräch mit dem chinakritischen Zürcher SP-Nationalrat Mario Fehr an.

Der Botschafter lud zu diesem Zweck in die chinesische Botschaft in Bern ein, eine Einladung, die der Schweizer Politiker postwendend ausschlug. So fand die Debatte auf neutralem Boden statt, gleich neben dem Bundeshaus in einem Salon des noblen Hotels Bellevue. Den verloren gegangenen Heimvorteil machte der Vertreter Chinas mit einem starken Aufmarsch seines Botschaftspersonals mehr als wett. Sechs Personen umfasste die chinesische Delegation, Botschafter und Übersetzerin inklusive. Die Journalisten waren, einschliesslich Fotograf, zu dritt. Mario Fehr kam alleine.

Das rund 90-minütige Streitgespräch wurde auf Deutsch geführt, wobei Dong Jinyi sich auf Chinesisch äusserte, die Übersetzerin oder Dongs Erster Sekretär auf Deutsch übersetzte, worauf Mario Fehr auf Deutsch antwortete – bevor sein Beitrag wieder ins Chinesische übersetzt wurde. Und so hin und zurück.

Beide Parteien hatten im Vorfeld des Gesprächs einen Fragenkatalog erhalten, um sich vorbereiten zu können. Der chinesische Botschafter brachte dann gleich ein chinesisches Manuskript mit, in dem alle Fragen aus seiner Sicht gültig beantwortet waren. Die zehnseitige deutsche Version des Papiers erhielten die Journalisten nach dem Gespräch überreicht, wohl um sicher zu gehen, dass sie auch alles verstanden hätten.

In der Debatte hielt sich der Botschafter zunächst stark an sein Manuskript, las teilweise längere Passagen daraus vor. Mit zunehmender Gesprächsdauer löste er sich jedoch immer mehr davon, begann frei zu antworten, gestikulierte, lachte und fühlte sich sichtlich wohl. Wohler jedenfalls als der Schweizer Politiker, der sich der nummerischen Übermacht leicht indigniert, aber stets standhaft aussetzte.

Vertauschte Rollen gab es überraschenderweise nach Ende der Debatte, als die Parteien die Abschrift des Gesprächs überprüften und, wo nötig, korrigierten: Während der Nationalrat, wie viele Politiker, seine Antworten in vielen Punkten zu «verbessern» suchte und Dutzende von Änderungsvorschlägen einbrachte, autorisierte die chinesische Seite die Abschrift ohne jeden nennenswerten Einwand.

Die Gesprächspartner

Seit dem 11. April ist Dong Jinyi, 58, Chinas Botschafter in Bern. Der erfahrene Diplomat stammt aus der nördlichen Hafenstadt Tianjin, ist verheiratet und hat einen Sohn. Vor seiner Stellung in der Schweiz war er Botschafter in Italien (2005–2008) und Leiter der Generalkanzlei des chinesischen Aussenministeriums in Peking (2002–2005). Zwischen 1974 und 1990 hat Dong Jinyi zudem insgesamt zwölf Jahre an der chinesischen Botschaft in Frankreich verbracht.

Mario Fehr, 49, sitzt seit 1999 für die Zürcher SP im Nationalrat. Der Jurist ist Mitglied der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats und präsidiert die überparteiliche Parlamentarische Gruppe für Tibet. Diese Gruppe verlangte nach den Unruhen im März in einem offenen Brief vom Bundesrat, die chinesische Regierung «in aller Deutlichkeit» zu einem «Ende der Gewalt und der Repression» in Tibet aufzufordern. Der Brief wurde von 150 National- und 26 Ständeräten unterschrieben. (TA)

Erstellt: 11.07.2008, 15:49 Uhr

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