Friedliches Schiessen am Obligatorischen

An der letzten obligatorischen Schiessübung im Bezirk, die in Küsnacht stattfand, herrschte eine friedliche Stimmung. Doch das ist nicht immer so gewesen.

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Der Soldat Philipp Nufer liegt bäuchlings im Küsnachter Schiessstand. Er drückt ab. Es ist sein letzter Schuss an der obligatorischen Schiessübung vom vergangenen Samstag. Der Gewehrknall fällt erstaunlich leise aus: Kein Wunder, denn das Mündungsfeuer wird durch eine Art Tunnel gedämpft, und links und rechts des Schiessstandes sorgen Lärmschutzwände dafür, dass man draussen nur ein dünnes, helles Krachen hört.

Der kleine Monitor rechts von Nufer informiert ihn, dass er 65 Punkte geschossen hat. Der Schütze ist damit zufrieden. Er erledigt die Formalien und tritt aus dem Schützenhaus in die kleine Gartenwirtschaft des gleichnamigen Restaurants auf der Westseite. Zwei Kameraden warten schon auf ihn. Sie haben beide weniger Punkte geschossen. Der mit dem schlechtesten Resultat wird heute Abend das Bier bezahlen.

Keine Unmotivierten in Küsnacht

Doch es ist nicht ganz einfach, etwas zu bestellen, denn der Wirt hat alle Hände voll zu tun. Die Festbänke sind allesamt gut besetzt. Soldaten und Offiziere verweilen an diesem hellen Spätsommertag gerne noch etwas länger und beschliessen ihre Pflicht mit einem kühlen Bier und einer währschaften Mahlzeit.

So richtig nach einer Armee in der Krise sieht das nicht aus. «Mich stört das gar nicht, dass ich jetzt noch zum Schiessen antraben musste», meint Nufer, 31, Chirurg. «Eigentlich geniesse ich sogar die Gelegenheit, mit alten Kameraden aus dem Dorf wieder mal ein bisschen zusammenzusitzen.»

Dass Nufer am heutigen Tag den letztmöglichen ordentlichen Termin für das Schiessen gewählt hat, habe nichts mit seiner Motivation zu tun, sondern eher damit, dass er bisher einfach keine Zeit gehabt habe. Unmotivierte AdA (Angehörige der Armee) klingen definitiv anders. Auch die ebenfalls meist jüngeren Männer an den anderen Tischen nehmen ihre Pflicht gelassen.

«Früher war die Stimmung schlechter»

Schützenmeister Paul Herger bestätigt das friedliche Bild. Der freundliche Pensionär, den man sofort als Grosspapi adoptieren möchte, sitzt bei einem Kaffee und schaut, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Hin und wieder springt er auf und hilft einem Soldaten bei der Endkontrolle des Gewehrs. Seine Kameraden vom Schützenverein – fast alle ebenfalls ältere Herrschaften – lachen und plaudern bei einem Gläschen Rotwein am Tisch nebenan.

«Früher war das anders», erzählt Herger. «Da war die Stimmung beim Obligatorischen schlechter.» Gerade am letzten Termin, so wie heute, sei es häufig nicht so gemütlich zu und her gegangen. Seit es aber einfacher geworden sei, den Armeedienst zu umgehen, sei die Motivation der Leute besser geworden. Ausserdem sei alles etwas leichter zu handhaben, weil nicht mehr so viele Besucher zum Obligatorischen kämen. «Zudem hat man früher noch von jedem Schützen zehn Franken fürs Schiessen verlangt», erzählt Herger. Das habe ebenfalls für einigen Missmut gesorgt. «Gut, dass das heute anders ist.»

Schützenvereine leisten Fronarbeit

Vieles wird heute von der Gemeinde bezahlt. Anders wäre die topmoderne Infrastruktur im Schützenhaus nicht zu finanzieren. Die Mitglieder der Schützenvereine und -gesellschaften leisten zudem bei den jährlichen fünf obligatorischen Schiessübungen Fronarbeit, um die Kosten tief zu halten.

Auch den Ausbau des Schützenhauses auf den modernen Stand nahmen die Mitglieder des Vereins in Eigenregie vor – ebenfalls unbezahlt. Da kommt es auf jeden Einzelnen an. Entsprechend schwer wiegt, dass sich nur wenige Junge für eine Mitgliedschaft begeistern können – ein Phänomen, das viele der rund 60 Küsnachter Vereine ebenfalls kennen.

Schützenmeister Herger macht sich deswegen aber keine allzu grossen Sorgen. Der Wagner-Fan, der an grösseren Schützenfesten auch gerne mal eine Arie schmettert, meint, er selber sei ja auch erst nach seiner Pensionierung beigetreten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2008, 07:05 Uhr

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