Gemeindeschreiber: Vom König zum Manager

Gemeindeschreiber sind gefragt, vor allem im Bezirk Horgen. Was müssen sie können? Welche Rollen spielen sie? Und wer hält ihnen die lukrativen Jobs zu?

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Adliswil, Horgen, Hütten, Schönenberg und Richterswil haben eines gemeinsam: Sie suchen – oder suchten kürzlich – einen Stadt- oder Gemeindeschreiber. Die Suche nach den mit 150'000 bis 200'000 Franken pro Jahr entlöhnten Verwaltungschefs gestaltet sich mitunter schwierig, der Arbeitsmarkt für Gemeindeschreiber ist ausgetrocknet (TA von gestern). Mit ein Grund dafür sind die hohen Anforderungen. Gemeindeschreiber sind Generalisten und Spezialisten zugleich, mal Personalchef und dann wieder qualifizierter Sachbearbeiter.

Welche Aufgaben der ranghöchste Beamte an seinem jeweiligen Arbeitsplatz wahrnimmt, ist jedoch unterschiedlich. Die Gemeinden geniessen fast vollständige Handlungsfreiheit. Das kantonale Gemeindegesetz regelt in Artikel 58 bloss folgendes: Jede Behörde braucht einen Schreiber, und der Schreiber hat im Gemeinde- oder Stadtrat eine beratende Stimme.

Schwache Behörde bringt Könige

Der Einfluss der Schreiber in den Gemeinden sei jedoch «in der Regel hoch», bestätigt Vittorio Jenni vom kantonalen Gemeindeamt das, was Martin Arnold, SVP-Gemeindepräsident in Oberrieden, denkt. «Der Gemeindeschreiber hat eine Schlüsselposition inne. Er verkörpert die Schnittstelle zwischen Behörde und Verwaltung», sagt Arnold.

In Oberrieden nimmt diese Schlüsselposition seit mehr als zwölf Jahren Thomas Dischl ein – zur Zufriedenheit von Arnold. Dischl kenne sich selbst in abgeschlossenen Geschäften sehr gut aus und wisse vor allem auch, warum das eine gemacht wurde und das andere nicht. Gemeindeschreiber gelten denn oft auch als zusätzliche Gemeinderäte und werden gar als Dorfkönige bezeichnet. Komme es so weit, trägt für Arnold der Gemeinderat die Schuld. «Ist die Exekutive schwach, entsteht ein Machtvakuum, das der Gemeindeschreiber auffüllt. Bei einem starken Gemeinderat ist das jedoch kein Thema.»

Dorfkönige werden Hansruedi Steinmann und Walter Suter nicht mehr – ihre Zeit als fest angestellte Gemeindeschreiber ist abgelaufen. Steinmann, Gründer der in Volketswil beheimateten Gemeindedienstleistungsfirma Steinmann & Partner, und sein Teammitglied Suter arbeiten jetzt als temporäre Schreiber, als sogenannte Springer. Suter etwa hilft gerade in Hütten aus und überbrückt die Zeitspanne, bis der Gemeinderat den Nachfolger von Heinz Gschwind gefunden hat. Seinen neuen Job als Lückenfüller bezeichnet Suter als «sehr abwechslungsreich und spannend».

Dass kleine Gemeinden mehr Mühe bekunden bei der Suche nach neuen Gemeindeschreibern als grosse Kommunen, führt Suter auf die Neugestaltung des innerkantonalen Finanzausgleichs zurück. «Kleinen Gemeinden drohen Fusionen. Da überlegt sich manch einer zweimal, ob er sich bewerben soll.» Suters Chef Hansruedi Steinmann bestätigt diese Beurteilung. Und der diplomierte Gemeindeschreiber muss es wissen: Seine vor zehn Jahren gegründete Firma ist die weitherum grösste Vermittlerin von Verwaltungspersonal und spezialisiert auf Springereinsätze.

Mit Erich Burri stellt ein weiterer ehemaliger Schreiber sein Wissen anderen Gemeinden zur Verfügung. Burri, der in Wädenswil ein Büro für Bau-, Planungs- und Baurecht betreibt, war bis Ende März 2007 Gemeindeschreiber in Horgen. Er hat den Kaderposten freiwillig geräumt. «Meine Gesundheit war gefährdet. Ich arbeite zwar auch heute noch viel, werde aber nicht mehr so stark fremdbestimmt», sagt der Mann, der vor seiner Wahl zum Gemeindeschreiber 22 Jahre lang Bausekretär war.

Ein Verschleiss-Job?

Burri hat gekündigt, bevor seine Gesundheit Schaden nahm. Bei Werner Bürgler, dem abtretenden Schreiber von Schönenberg, haben gesundheitliche Probleme zum Rücktritt geführt. Werden Gemeindeschreiber zu stark belastet? «Der Job kann Verschleisserscheinungen erzeugen», sagt Conrad Gossweiler, der interimistische Adliswiler Stadtschreiber und Managementberater. Im Vergleich mit anderen Kaderpositionen sei die Gesundheit von Schreibern aber nicht überaus stark gefährdet.

Sicher ist hingegen, dass die Amtsdauer von Schreibern abnimmt. «Die Zeiten, als einer mit 30 Gemeindeschreiber wurde und dann bis zur Pension in der gleichen Gemeinde blieb, sind vorbei», sagt Gossweiler. Pius Rüdisüli, heute Gemeindeschreiber in Herrliberg und früher Verwaltungschef in Rüschlikon, ist ein gutes Beispiel für diese Aussage. Rüdisüli wurde mit erst 28 Jahren Schreiber in Rüschlikon. Vor neun Jahren, nach zwölf Jahren im Dienste von Rüschlikon, wechselte der aktuelle Präsident des Vereins der Zürcher Gemeindeschreiber und Verwaltungsfachleute nach Herrliberg.

Das Bild des Schreibers, der fast sein ganzes Berufsleben in der gleichen Amtsstube verbringt, als Strippenzieher im Hintergrund wirkt und die Gemeinderäte aufgrund seines Wissensvorsprungs wie Marionetten behandeln kann, existiere in der Realität nicht mehr, sagt Walter Suter. «Das ist vorbei. Es ist nicht unser Job, politisch Einfluss zu nehmen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2008, 22:26 Uhr

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