Goldgräber auf dem Wohnungsmarkt

Wer Wohnungen hat und eine gute Idee, der kann auf dem ausgetrockneten Markt im Raum Zürich viel Geld verdienen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Idee war bestechend: Ganz locker einen Nachmieter finden und dabei noch Geld verdienen. Man schreibt seine Wohnung nur auf der Internetplattform anzeiger.ch zur Versteigerung aus und verfolgt, «wie die Ablösesumme vor allem gegen Ende der Auktion steigt», wie es auf der Seite heisst. Am Ende schlägt der bisherige Mieter den Meistbietenden seiner Verwaltung als Nachfolger vor, kassiert die Prämie und überweist 20 Prozent davon den Plattformbetreibern. Nur funktioniert hat es nicht: «Wir hatten zwar Leute, die Wohnungen suchten, aber nur wenige Angebote», sagt Jörg Korner, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Nexpage. Korner ist kein Unbekannter in der Branche der Immobilienportale. Er gehörte in den 90er-Jahren zu den Pionieren und wurde im Jahr 2000 prompt wegen «Inserate-Klau» angeklagt, allerdings erfolglos.

Etwa einen Monat lang konnten Mieter ihre Wohnung auf anzeiger.ch versteigern, zu einem Abschluss kam es nach Wissen von Korner aber nicht. «Vielleicht haben es die Mieter finanziell nicht nötig - oder sie schämen sich», meint er. Dabei täten sie nichts anderes, als bei Wohnungswechseln gang und gäbe ist: Offiziell übernimmt der Nachmieter zum Beispiel eine alte Waschmaschine, in Tat und Wahrheit zahlt er aber nicht für die Maschine, sondern eine Ablösesumme für die Wohnung. Weil Korner genau das selber erlebt hat, als er einen Nachmieter suchte, wollte er diese Praxis über das Internet professionalisieren. Korner will es bei diesem Versuch belassen, die Seite mit der Versteigerung auf anzeiger.ch hat er nach dem Anruf des TA ganz vom Netz genommen.

Rechtlich heikel

Auf dem Wohnungsmarkt, vor allem in der Stadt Zürich, herrscht Goldgräberstimmung. Das Angebot ist verschwindend klein - am 1. Juni standen 57 von 206'000 Wohnungen leer - die Nachfrage hingegen ist immens. «Der Markt ist völlig von der Rolle», sagt Niklaus Scherr, Geschäftsleiter des Mieterverbands Zürich. Dass Wohnungen hätten versteigert werden sollen, findet er «sehr schrill» und rechtlich nicht unbedenklich. Wer nämlich im Kanton Zürich Wohnungen vermittle, müsse über einen Maklervertrag verfügen.

Beim knappen Wohnungsangebot sind viele Wohnungssuchende bereit, Geld zu zahlen, um überhaupt zu einer Wohnung zu kommen, und das versuchen sich verschiedene Spieler auf dem Markt zunutze zu machen. Wie Scherr beobachtet, gibt es heute bei Neuvermietungen oft riesige Mietzinssprünge, eine Erhöhung wie in einem Fall von 1100 auf 1900 Franken ist nicht ungewöhnlich. «Stirbt ein Hausbesitzer, wird von den Erben Kasse gemacht.»

Die zum Teil massiven Erhöhungen spiegeln sich im Mietpreisindex. Alleine zwischen Februar und Mai ist er von 103,7 auf 106,1 Indexpunkte geklettert. Im Vergleich zum Vorjahr belief sich die Wohnungsteuerung auf 4,2 Prozent und war damit fast doppelt so hoch wie in Basel oder Genf. Der Index berücksichtigt allerdings nur vermietete Wohnungen und nicht jene, die ausgeschrieben sind. Laut Scherr sind die Preise von Letzteren noch stärker gestiegen, der Mietzins zwischen diesen beiden Sparten klaffe immer weiter auseinander.

Scherr beobachtet aber auch, dass Liegenschaftenbesitzer vor einer Sanierung allen Mietern künden und das Haus danach an Relocationfirmen weitergeben, die eine sichere Rendite versprechen. Diese Firmen organisieren hauptsächlich für Geschäftsleute aus dem Ausland eine Unterkunft. Viele kommen befristet, für ein paar Monate oder wenige Jahre, und müssen ab Tag 1 «funktionieren», sprich, eine Wohnung zur Verfügung haben. Da die wenigsten Relocationfirmen selber über solche verfügen, mieten sie sie von einer Art «Zwischenhändlern». Das sind Firmen, die sich Wohnungen auf dem Markt «besorgen», möblieren, mit viel Komfort ausstatten und dafür sorgen, dass sie - wie im Hotel - gereinigt sind.

Eine solche Firma ist Apartments Swiss Star in Kloten, eine der grössten der Branche. Sie ist seit 2004 aktiv und vermietet heute über 300 Wohnungen in Zürich und 100 in Kloten. Laut Geschäftsführer Albert Blättler ist die Nachfrage seit dem Personenfreizügigkeitsabkommen laufend gestiegen. Swiss Star beherbergt aber auch viele Spezialisten von ausserhalb Europas.

Blättler vermietet die Appartements nach eigenen Angaben zum doppelten «Einstandspreis». Eine Wohnung mit 3½ Zimmern an der Universitätstrasse in Zürich etwa mietet er für 2100 Franken plus Nebenkosten und gibt sie für 5000 Franken weiter - eine Miete, so sagt er, die branchenüblich sei. Neben Möbeln und Reinigung bietet er dafür Internetzugang, Reparaturservice und eine 24-Stunden-Hotline. Zudem müsse er die Leerstände finanzieren, sagt Blättler. Über mangelnde Auslastung kann er nicht klagen; während der Sommerferien sind seine Appartements zu 70 Prozent ausgelastet, sonst zu über 90 Prozent. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2008, 13:33 Uhr

Blogs

Sweet Home Das tut Frauenwohnungen gut

Geldblog Was bei Geldanlagen wirklich wichtig ist

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Beinfreiheit einmal anders: Im sächsischen Niederwiesa machen riesige Frauenbeine auf die Ausstellung «High Heels - die hohe Kunst der Schuhe» aufmerksam, die im nahen Schloss Lichtenwalde zu sehen ist. (23. Mai 2017)
(Bild: Sebastian Willnow/DPA) Mehr...