Hoher Goldpreis öffnet verstaubte Schatullen

Beim Goldankauf in der Bülacher Stadthalle gaben sich die Kunden die Klinke in die Hand - in der Hoffnung auf einen schnellen Gewinn.

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Der Goldpreis ist derzeit immer noch hoch. Für ein Kilogramm des Edelmetalls muss man rund 28'000 Franken hinblättern. So hat die nie getragene Brosche der verstorbenen Grosstante ohne äusseres Zutun an Wert gewonnen. Oder der Ring, der an eine längst geschiedene Ehe erinnert. Was tun mit den Stücken, die in der Schublade verstauben?

Der Zuger Goldschmied Raphael Meyer kauft Altgold an und kann sich nicht über zu wenig Kundschaft beschweren. Auf den Ankauf in der Stadthalle Bülach hat er mit Inseraten hingewiesen. Um zehn Uhr öffnet er diesen Dienstag den Raum, wo er und seine beiden Mitarbeitenden sich installiert haben. Vor der Tür warten bereits diverse Personen. Wie im Wartezimmer einer Arztpraxis nehmen sie auf den bereitgestellten Stühlen Platz und blättern in den Heftchen, die helfen, die Zeit schneller vergehen zu lassen. Denn: Zeit brauchen Meyer und seine Mitarbeiterin, um jedes einzelne Objekt auf Echtheit und Reinheitsgehalt zu prüfen.

«Zuerst suche ich die beiden Stempel», erklärt Meyer und hält die Lupe über ein mit Ornamenten umrandetes Goldvreneli. Einer gibt Auskunft über den Reinheitsgehalt, ein zweiter über die so genannte Verantwortlichkeitsmarke. Diese nennt den Hersteller. Ein kleiner Abrieb auf einem Plättchen, auf den Säure geträufelt wird zeigt den Reinheitsgehalt des Goldes. Für jede Reinheitsklasse hat Meyer ein Säureflacon neben sich stehen. Verschwindet der feine Goldstreifen, ist es kein Gold, oder es weist nicht die Reinheit auf, die der Stempel verspricht. Eine Kundin legt zwei Ohrstecker hin. «Ich weiss nicht, ob das Gold ist. Können Sie das anschauen?» Sie hat nebst dem Goldvreneli zwei Fingerringe und weitere kleine Schmuckstücke mitgebracht. «Nein, das ist Modeschmuck», sagt Meyer nach kurzer Prüfung.

Die restlichen Stücke werden gewogen und in den Feingoldwert umgerechnet. Je nach Reinheitsgrad sind mehr oder weniger Legierungsstoffe wie Kupfer mitverarbeitet worden. 22.20 Franken erhalten die Verkaufswilligen pro Gramm Feingold. Während Meyer konzentriert weiterarbeitet, wird rundherum nur geflüstert. Es herrscht Wartesaalstimmung. Immer wieder kommen neue Kunden herein und bekommen eine Nummer zugeteilt. Kaum jemand braucht unbedingt und auf die Schnelle Cash. «Viele haben Schmuckstücke zu Hause, die sie nicht tragen, aber natürlich nicht wegwerfen wollen. Also nutzen sie die Gelegenheit und verkaufen sie.»

Aus Alt wird Neu

Verkaufen ist aber nicht die einzige Möglichkeit, das nicht getragene Gold wieder erstrahlen zu lassen. Goldschmiedin Silvia Fischer in Dielsdorf kauft ebenfalls Altgold an, allerdings nur 18-karätiges. Viel öfter wollen ihre Kunden, dass aus dem alten ein neues Schmuckstück kreiert wird, das gefällt. «Es gibt viele Leute, die mit alten Erbstücken zu mir kommen, die ihnen nie gefallen haben. Bei mir lassen sie sie umarbeiten oder einen neuen Schmuck daraus fertigen», sagt Fischer. «Mit den alten Stücken sind oft Geschichten verbunden, deshalb wollen die Besitzer sie nicht verkaufen.»

Im Gegensatz zu Meyer, der keine Steine annimmt, kann Fischer sie in das neue Stück einarbeiten. Auf ihrem Ladentisch landet von der massiven Brosche über Manschettenknöpfe bis zur Golduhr alles. «Am häufigsten wird gewünscht, dass wir daraus Fingerringe, Hals- und Ohrschmuck fertigen.» Immer wieder werden alte Eheringe zu Fischer getragen. «Es ist eine Tradition, dass wir solche Ringe umarbeiten», sagt die Goldschmiedin und lacht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2008, 07:29 Uhr

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