Im Ajuga-Bus dürfen die Jugendlichen auch mal für dicke Luft sorgen

In Glattfelden ist die Aufsuchende Jugendarbeit gescheitert. In Hochfelden aber funktioniert sie seit fünf Jahren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf dem Skateplatz in Hochfelden ist an diesem Nachmittag kein Rollbrett zu sehen. Das einzige Gefährt mit Rädern ist ein Bus, der am Eingang der Anlage steht. Draussen entgeht einem fast, dass drinnen fünf Jugendliche im Fonds sitzen und sich lautstark Wortfetzen zuwerfen. Der Bus konserviert das Stimmengewirr, wackelt nur ein wenig hin und her, so als ob ihn die aufgeladene Besatzung, die alle paar Sekunden die Sitzreihe wechselt, ein bisschen kitzeln würde.

Der Bus der Aufsuchenden Jugendarbeit (Ajuga) hat auch anderes erlebt. Im Juli hatten ihn Jugendliche in Glattfelden regelrecht durchgeschüttelt. Sie wollten den Bus mit alkoholischen Getränken betreten und widersetzten sich den Anweisungen der Jugendarbeiter. Als sich die angespannte Lage verschlimmerte, verliess Ajuga nach einer neunmonatigen Pilotphase den Standort in Glattfelden.

Ajuga ist nicht zum «Aufräumen» da

Die Bevölkerung erwarte, dass Ajuga «aufräume», sagt Matthias Gysel, der an einem zweiten Tisch im vorderen Teil des Busses Platz genommen hat. Der Bereichsleiter Jugend der Plattform Glattal, die Ajuga ins Leben gerufen hat, betont aber, dass der Verein in erster Linie präventiv arbeite. «In schwierigen Situationen braucht es deshalb neben uns auch repressive Massnahmen.»

Jugendarbeiterin Susan Wiget, 32, setzt sich hinzu. Alle paar Minuten streckt sie ihre Hand über den Tisch. Jungen und Mädchen begrüssen und verabschieden sich, stellen sich draussen in den Regen, verschanzen sich auf dem Skateplatz unter den Rampen, bilden Gruppen, lösen sie auf, zotteln davon, kommen zurück, stürmen den Bus. Ein Bienenhaus.

Das Ganze funktioniert nur, wenn die Behörde mitspielt. Der Kontakt mit der Gemeinde, der Schule und mit anderen Institutionen ist der erste Schritt, wenn Ajuga einen neuen Standort aufbaut. Erst in einer zweiten Phase gehen die Jugendarbeiter auf die Strasse.

Die Jugendlichen könne man aber nicht einfach einsammeln, sagt Susan Wiget. Bis der Bus zu einem Treffpunkt wird, braucht es Zeit. Zeit, die Hochfelden der Ajuga gegeben hat. Und die sich heute auszahlt. Seit über fünf Jahren stellt Susan Wiget ihren Bus beim Skateplatz ab (dienstags zwischen 15.30 und 17. 30 Uhr und donnerstags zwischen 16 und 19 Uhr). Nur einmal habe sie das Handy gezückt und sei kurz davor gestanden, der Polizei anzurufen. Die sich anbahnende Schlägerei habe sie dann aber doch noch selber verhindern können.

Tobi, 14, steht auf der Treppe des Busses und hört dem Gespräch zu. Er hält einen Energy-Drink in der Hand und grinst in die Tischrunde. Er komme hierher, weil die Snacks gratis sind, sagt er. «Und wegen Susan.»

Die Jugendarbeiterin geniesst ein grosses Vertrauen. Mit 12- bis 16-Jährigen spricht sie über belanglose Dinge, aber auch über Probleme – von zu Hause, von der Schule, von der Lehrstellensuche, von zwischenmenschlichen Konflikten.

Mit Susan Wiget könne er über alles reden, sagt der 16-jährige Liridon, ein sportlicher Typ in Trainingshosen und T-Shirt. Wenn er rumhänge, dann beim Ajuga-Bus. «Ich möchte Fussballprofi werden, ich habe Ziele», sagt er und tippt mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.

Manchmal darf die Luft im Bus auch ein bisschen dick werden. «Die Jugendlichen haben ein Anrecht auf Auseinandersetzungen mit Erwachsenen», sagt Susan Wiget. Das sei ein wichtiger Teil der Pubertät. Als Jugendarbeiterin sei sie auch dazu da, Grenzen aufzuzeigen. Probleme würden dann entstehen, wenn Erwachsene ausweichen, den Jugendlichen keine Gelegenheit geben, zu lernen, wo die Grenzen sind.

Allein ist Susan Wiget bei ihren Einsätzen nie. Momentan wird sie von Nora Lechmann begleitet. Die Praktikantin besucht die Hochschule für soziale Arbeit in Zürich. Sie geht auf eine Gruppe Jugendlicher zu, die im Regen stehen und miteinander reden – und plötzlich schweigen, als sich die Praktikantin dazustellt. Nora Lechmann entfernt sich wieder und sagt: «Manchmal wollen sie halt einfach in Ruhe gelassen werden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2008, 11:38 Uhr

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Blogs

Von Kopf bis Fuss Essen Sie sich stark!

Blog Mag Höflichkeit zählt

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Abgetaucht: In Zürich geniesst man die sommerlichen Temperaturen mit einem Bad im See. (26. Mai 2017)
(Bild: Walter Bieri) Mehr...