In Embrach verlottern alte SBB-Wagen

Auf einem Abstellgleis beim Bahnhof Embrach-Rorbas stehen ausrangierte Bahnwagen. Die SBB haben sie verkauft – nun gehen sie langsam kaputt.

Der beschädigte Bahnwagen steht unmittelbar neben dem Park-and-Ride-Parkplatz beim Bahnhof in Embrach.

Der beschädigte Bahnwagen steht unmittelbar neben dem Park-and-Ride-Parkplatz beim Bahnhof in Embrach. Bild: Daniel Schurter

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Einen Steinwurf vom Embracher Bahnhofsgebäude entfernt herrscht ein trauriges Bild. Am Ende von Gleis 1 stehen vier Bahnwagen, die ihre besten Tage hinter sich haben. Rostende Blechdächer, vergilbte Farbe. Besonders schlimm erwischt hat es einen Passagierwagen. Im Bahn-2000-Zeitalter von Kinderhänden bemalt, ist der Waggon vor kurzem Vandalen zum Opfer gefallen. Zwei der grossen Scheiben wurden eingeschlagen, bei einem Fenster ist der Metallrahmen herausgerissen worden. Um die wüste Szenerie komplett zu machen, steht ein alter Feuerlöscher auf dem Schotterbett.

Wem die vier Bahnwagen gehören, wollen die SBB auf Anfrage nicht mitteilen. Die Wagen seien verkauft worden, teilt die Medienstelle mit. «Sie gehören Privaten.» Früher sei es häufiger vorgekommen, dass alte Dienstfahrzeuge «einer alternativen Nutzung durch eine private Trägerschaft zugeführt wurden». Man nehme nun aber Kontakt auf mit den Besitzern. «Werden die Wagen von diesen nicht mehr gebraucht, sollen sie der fachgerechten Entsorgung zugeführt werden.»

Sachbeschädigungen würden nicht toleriert, so der SBB-Sprecher. Man könne sie aber nicht verhindern. Gegen gesellschaftliche Entwicklungen sei das Unternehmen allein machtlos. «Altes Rollmaterial ist jedoch gemäss unseren Erhebungen nicht häufiger von Sachbeschädigungen betroffen als andere Einrichtungen der SBB.»

Keine Anzeige erstattet

Laut Kantonspolizei ist wegen der Sachbeschädigungen keine Anzeige erstattet worden. Wer die verlotterten Bahnwagen aus der Nähe betrachtet, stolpert über eine Aufschrift, die in weissen Lettern an zwei der Waggons prangt: «Darf den Bahnhof Bülach nicht verlassen.» Warum stehen die Wagen also nicht ennet dem Dettenberg? Der SBB-Sprecher erklärt dies mit dem früheren Zweck. Es habe sich um Inventarwagen gehandelt. Solche Wagen seien betriebsintern auf den Bahnhöfen eingesetzt, aber nicht mehr unterhalten worden. «Somit dürfen diese Wagen nicht mehr auf der Strecke eingesetzt respektive in einem Güterzug befördert werden.» Vor einer allfälligen Verschiebung müsste der technische Dienst die Wagen prüfen, ob sie überhaupt noch transportfähig seien. Der Begriff Inventarwagen treffe für die Embracher Wagen aber nicht mehr zu, da sie mittlerweile Privaten gehören.

Wie viele ausrangierte Bahnwagen bei Bahnhöfen abgestellt sind, kann die SBB-Medienstelle nicht sagen. Dies sei schweizweit «schwer zu eruieren», auch wenn alle Wagen über ihre Kennnummer elektronisch erfasst sind. Kaum zu eruieren sei auch, wie lange die vier Wagen schon in Embrach-Rorbas stehen. Über einzelne Bewegungen von Wagen werde kein Protokoll geführt. Die letzten Revisionsdaten stammen aus dem Jahr 1995.

Fest steht: Die SBB lassen auf eigenem Grund und Boden Wagen verlottern, die sie an Private weiterverkauft haben. Wer haftet da bei einem Unfall? Der SBB-Sprecher: «Jeder Unbefugte, der ein Gleisfeld betritt, riskiert sein Leben.» Das sei bekannt und ausgeschildert. Denn: Die betreffenden Wagen sind tatsächlich nur über das Gleisfeld erreichbar.

Wagen gehören Osteuropamission

Mindestens drei der vier Wagen scheinen der Stiftung Osteuropamission zu gehören. Auf ihnen prangt das weiss-blaue Logo des Hilfswerks. Auf Anfrage bestätigt Vorstandsmitglied Köbi Albisser, dass die Bahnwagen als Zwischenlager genutzt werden. Das eigentliche Lager für die Hilfsgüter befinde sich im Güterschuppen des Bahnhofs. Weil ein Mitarbeiter des Hilfswerks bei den SBB arbeitet, konnte man sich dort einmieten. Mit den «baufälligen Wagen» fahre man vom Abstellgleis bis zur Rampe des Güterschuppens und zurück. Alle anderthalb Monate werde beim Bahnhof ein Lastwagen beladen, der die Hilfsgüter nach Osteuropa fährt. Die drei Bahnwagen seien ihnen vor Jahren von den SBB kostenlos zur Verfügung gestellt worden. Ob der beschädigte Wagen dazu gehört, konnte er nicht sagen.

Dass die Tage der ausrangierten Bahnwagen gezählt sind, hängt mit den Umbauplänen der SBB für den unbedienten Bahnhof Embrach-Rorbas zusammen. Künftig gibt es noch zwei Geleise: eines für die Personenzüge, die halten, und eines für durchfahrende Züge. Das heutige Gleis 1 wird aufgehoben. Bis zur Verschrottung der Wagen könnte es trotzdem noch Jahre dauern. Wann die SBB mit der Bahnhofsneugestaltung beginnen, ist offen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2008, 22:15 Uhr

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