In blinder Wut auf Ex-Freundin geschossen

Das Obergericht hat einen 23-jährigen Oberländer wegen mehrfachen Tötungsversuchs zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Der Schiesserei ging ein Streit voraus.

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Es ist Pfingstmontag, 5. Juni 2006. Die damals 20-jährige B. hält sich mit ihren Geschwistern und ihrem Schwager auf dem Hartplatz der Schulanlage Heiget in Fehraltorf auf, wo sie zusammen Fussball und Basketball spielen. Seit Stunden schreibt ihr der Ex-Freund Kurzmitteilungen, obschon sie die Beziehung vor Monaten abgebrochen hatte. Um halb acht fährt er plötzlich mit einem Kollegen vor. Der 21-jährige Maler will sich mit B. unterhalten. Als sich der 16-jährige Bruder schützend vor sie stellt, kassiert er dafür einen Faustschlag ins Gesicht. Beim nachfolgenden Gerangel zieht der Angeklagte den Kürzeren. Wenig später kehrt er mit einer geladenen Pistole zurück und schiesst wutentbrannt auf die flüchtende Familie. Nur durch Glück wird niemand getroffen.

«Ich wollte niemanden verletzen», sagte er am Dienstag vor Obergericht. «Ich habe absichtlich in die Luft gezielt.» Sein Verteidiger beantragte deshalb eine milde Freiheitsstrafe von zwei Jahren wegen mehrfacher Gefährdung des Lebens. Dies, obwohl der Angeklagte nach der Tat zu Protokoll gegeben hatte, er habe in die Richtung der Fliehenden gezielt, aber nicht getroffen, weil die Distanz zu gross gewesen sei.

Sein anfängliches Geständnis begründete er damit, dass er nach der Tat unter Schock gestanden habe. Auch weitere Drohungen führe er auf seinen aufgewühlten Zustand zurück. So sagte er beispielsweise gegenüber dem Staatsanwalt: «Ich kille die ganze Familie, wenn ich draussen bin.»

Die Staatsanwaltschaft forderte eine Strafe von 7,5 Jahren wegen mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung. Dabei musste sie ein psychiatrisches Gutachten berücksichtigen, das dem Angeklagten für die Tatzeit eine verminderte Schuldfähigkeit im mittleren Grade attestierte. Darin war von unreifen, narzisstischen Zügen und einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung die Rede. Bereits früher war es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit B. gekommen. So hatte der Schweizer auf offener Strasse mit einer Eisenstange auf seine kosovo-albanische Freundin eingeschlagen. Dafür wurde er mit einer Busse von 500 Franken bestraft, was ihn nicht daran hinderte, bei einer nächsten Begegnung erneut mit Fäusten und Füssen auf B. loszugehen.

Zu diskutieren gab vor Obergericht die Frage, ob der Angeklagte nun in die Luft oder auf die fliehende Familie geschossen habe. Da nur drei Patronenhülsen gefunden worden waren, mussten sich die Oberrichter auf die Aussagen der Beteiligten abstützen. Eine wichtige Rolle spielte dabei eine Tonbandaufnahme der Polizei, die den dramatischen Ablauf der Geschehnisse dokumentierte. Mehrmals hatte B. am Abend des Pfingstmontags angerufen und um Hilfe gebeten. Die Anrufe wurden immer verzweifelter, bis sie schliesslich rief: «Er schiesst!» Dass sie sich bedroht fühlte, war klar. Ihr unbeherrschtes, hysterisches Verhalten verlieh ihr in den Augen der Oberrichter Glaubwürdigkeit. Zudem stimmten ihre späteren Aussagen mit ihren Angaben am Telefon überein. Auch der Aussage des 14-jährigen Bruders, der von einem Zischgeräusch neben seinem Ohr sprach, schenkten die Oberrichter Glauben. Der Angeklagte hingegen tischte immer neue Versionen der Geschichte auf, was kritisiert wurde. Zu Beginn der Ermittlungen hatte er die Opfer sogar damit beschuldigt, auf ihn geschossen zu haben, was zusätzlich zu einer Anklage wegen falscher Anschuldigungen führte.

Milde Strafe statt Massnahme

Trotz des Schuldspruchs in den Hauptanklagepunkten wurde der Angeklagte nur zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Oberrichter blieben unter dem Antrag des Staatsanwalts, da sie das objektive Verschulden als weniger gravierend einstuften. Zugute kam dem Angeklagten, dass er niemanden verletzt hatte, auch wenn nur durch Zufall. Von einer Massnahme wurde abgesehen, da der Maler sich weder daran interessiert zeigte, seine verpatzte Lehrabschlussprüfung nachzuholen noch sich in therapeutische Behandlung zu begeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2008, 20:02 Uhr

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