«Ja klar, das hani früener au gmacht»

Chilbi und alte, sehr alte Menschen: Geht das? Es geht, es geht gut, wie ein Ausflug des Hombrechtiker Altersheims Breitlen gezeigt hat.

Chilbi für Jung und Alt – dank der Unterstützung des Zivilschutzes Hombrechtikon.

Chilbi für Jung und Alt – dank der Unterstützung des Zivilschutzes Hombrechtikon.

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Es gibt Tage, die sind – zum Glück – etwas anders als die anderen: festliche Tage, Tage des Abenteuers. Zum Beispiel der letzte Montag im Alters- und Pflegeheim Breitlen in Hombrechtikon: Auftakt um 10.30 Uhr mit einem Marschmusik-Ständchen. «Musik, die man von früher her kennt eben», sagt Klara Zottele. Die Heimleiterin veranstaltet seit sechs Jahren die beliebten «Chilbitage», heuer zum zweiten Mal mit Unterstützung des Zivilschutzes Hombrechtikon.

Befeuert von Polonaise-Klängen gehts nach den Märschen in den ballongeschmückten Speisesaal zur Grill-Bratwurst. Jetzt, pünktlich um 15 Uhr, befindet sich die von drei Bewohnern des Heims Brunisberg verstärkte Schar in den Startlöchern. Ballone, blau und rosa, sind an den Rollstuhl-Lehnen festgemacht.

Der Arm des Kommandanten

«Han i nöd än schöne Arm?!», sagt eine Dame, die noch ziemlich gut zu Fuss ist und daher keinen Rollstuhl braucht. Recht hat sie, denn der Arm, der sie stützt, ist Teil des Zivilschutzkommandanten Rolf Hiltebrand höchstselbst. Dann rollt der Trupp chilbiwärts. «Geits?», fragt ein Zivilschützer. «Huerä Raser!», scherzt ein zweiter. Ankunft der Rollstuhl-Kolonne auf dem Festgelände: «Klick, klick, klick» macht der Apparat der Fotografin dieses löblichen Blatts. «Dörf i d’Zunge usestrecke?», fragt der Herr mit den coolen Hosenträgern und den «durable quality»-Kniehosen verschmitzt. Zwei Seniorinnen weisen ihre khakifarbenen Begleiter an, unverzüglich den Schmuckstand anzusteuern. Da verharren sie ein Weilchen, versunken.

Extrablonde Teenies mit mächtigen Kebabs kreuzen den Weg der Kohorte: junges Gemüse, das aber bald auch so alt sein wird (kosmologisch gedacht natürlich). Mickey-Mouse-Helium-Ballone wiegen sich im Wind. Der Herrscher über das «Bündner Alphüsli» offeriert den besonderen Chilbigästen kleine Käseproben: «Junge Maa, au äs Stückli?» Der «junge Mann» gibt erst zu bedenken, dass er unlängst eine Wurst gegessen habe, verzehrt den Käse-Minikubus dann aber doch. Offenbar hat er Hunger, denn fünf Minuten später studiert er konzentriert die an einem Pfosten hängende Karte der «Pouletbeiz 2008»:

«½ Poulet im Chörbli Fr. 11.–» Nicht weniger interessiert er sich für die Scooterbahn. «Ja, klar, das hani früener au gmacht!»

Die Dame im gestreiften Jupe formuliert, nicht ohne Mühe, ihr grosses Anliegen an diesem Nachmittag: «Magebrot chaufe und än Flade! Wänns Gäld langet.» Mit Sorgfalt und Geschick kümmern sich die Begleiter um ihre Schützlinge. Sie achten darauf, dass jene wenigen, die zu Fuss unterwegs sind, den rotierenden Bahnen nicht zu nahe kommen. Die wilde Wirbelbahn namens «Maier Chaos» ist natürlich nichts für die betagten Herrschaften (so wie sie auch nichts wäre für den erst spätmittelalterlichen Berichterstatter).

Magenbrot muss sein

Rast in der «Pouletbeiz». Der Herr im elfenbeinfarbenen Débardeur sorgt sich um den eben erst gesichteten vierjährigen Sohn seines Betreuers Andreas Lüthy. «Ist er verschwunden?» «Nein, nein», beruhigt der Papa, «er ist bei der Mutter.» «Und was möchted Sie trinke?», fragt Lüthy den Besorgten mit den vielen Falten, dem feinen Lächeln und den funkelnden Augen. Es ist schwierig, eine Antwort zu bekommen, denn die Wörter stehen nicht mehr zu Gebot wie früher und das Anziehen der Windjacke ist ein echtes Problem. Aber dann fällt die geraunte Entscheidung doch: «än Süessmoscht». Gleich nebenan ballern Knaben mit Chäpsli-Pistolen in die Luft – gottlob gibts Dinge, die einfach immer gleich bleiben, obwohl die Zeit rast wie verrückt.

«Hoi Marie!», rufen fröhlich winkend drei grau melierte Kaffeetrinkerinnen der im Rollstuhl Vorbeirollenden mit dem so sorgsam geflochtenen schneeweissen Haarknoten zu. Auch Marie winkt. Finale Grande beim Confiserie-Stand. «Ists wirklich Magenbrot, was Sie meinen?», fragt Zugführer Michael Saland. Manchmal sind Taten besser als Worte. Drum reicht er der Dame im Jupe einen Degu-Würfel. Beissen, kauen, zufriedenes Nicken: «Genau das!» Dann rollt sie mit ihrem Sack Magenbrot auf dem Schoss heimwärts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2008, 21:48 Uhr

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