Kantor geht schon wieder - Kirchenpflege überdenkt Strukturen

Es war ein mühsamer Weg für die reformierte Kirche Wädenswil, einen Kantor anzustellen. Im Juli 2006 trat Beat Dähler die Stelle an, 27 Monate später geht er schon wieder.

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Die reformierte Kirche verliert ihren Kantor bereits wieder. Nach nur 27 Monaten hat Beat Dähler seine Stelle auf den 31. Oktober gekündigt - er hat eine Stelle in Zollikon angenommen. Nicht erfreut darüber ist die Präsidentin der Kirchenpflege, Daniela Stalder: «Wir müssen unsere Strukturen neu überdenken.»

Die Stelle des Kantors hatte bereits für heftige Diskussionen gesorgt, als sie geschaffen wurde. Trotz der Opposition stimmte die Kirchgemeindeversammlung bei einer Rekordbeteiligung von 348 Mitgliedern am 19. April 2005 der Schaffung der Stelle zu. Die 197 Ja-Stimmen galten als Sieg des reformorientierten Flügels innerhalb der Kirchgemeinde. Dem standen 141 Nein-Stimmen gegenüber.

Im Vorfeld der Abstimmung hatten die Gegner Unterschriften gesammelt. Voten für und gegen die Stelle hatten die Leserbriefspalten gefüllt. Der in der Au wohnhafte Musiker, Beat Dähler, konnte dann am 1. Juli 2006 die neu geschaffene Stelle eines Kantors antreten.

Luft zum Komponieren

Die neu geschaffene Kantorenstelle basierte auf einem neuen musikalischen Konzept, das in der Folge neue Gottesdienstformen ab 2007 einführte: Rock-Gottesdienste, Lobsing-Gottesdienste und solche mit Taizé-Liedern. Diese Formen umzusetzen, war die Aufgabe des Kantors und der ebenfalls frisch angestellten Organistin Esther Lenherr. Ziel war es, die musikalischen Formen zu erweitern.

Auf Anfrage resümiert Dähler, dass er Schwerpunkte setzte. «Ich entschied mich, keine Taizé-Lieder-Chorproben durchzuführen, da ich sie musikalisch zu wenig interessant finde», sagt er. Die Berufung nach Zollikon kam ihm eben recht. Dort wird er mit einem 30-Prozent-Pensum arbeiten - 20 Prozent weniger als in Wädenswil. «Das verschafft mir Luft für meine Kompositionsprojekte», schreibt er in der «Wädenswiler Chile-Ziitig».

Da erwähnt er auch, was er erreicht hat: Rock-Gottesdienste, die von 300 Personen besucht wurden, die Gründung eines Kinderchors und eines Projektchors mit Erwachsenen. Zudem wirkte er monatlich, teils mit, teils ohne Organistin, an einem Gottesdienst mit. Mit ihr zusammen organisiert er die neue Konzertreihe «musig.fänschter», in der beide auch selber konzertieren.

Unterstützt waren die neuen musikalischen Kräfte durch die Musikkommission, die sich vom Wahljahr 2006 an ebenfalls neu zusammensetzte. Sie alle wirkten mit am neuen Konzept, das jenes der vorherigen Organistin Ursula Hauser ablöste. Sie hatte ihr Amt während 27 Jahren inne und verliess die Stelle im Mai 2006.

Weggang schafft eine Zäsur

Die musikalische Aufbruchsphase der letzten zwei Jahre erlebt durch den Weggang des Kantors eine Zäsur. Wobei Bettina Diener, Präsidentin der Kommission Musik und Gottesdienst, zu bedenken gibt, dass es sich um eine vom Kirchenrat bewilligte Stelle handle, die nicht einfach preisgegeben werden könne.

Andererseits findet die Präsidentin, Daniela Stalder, eine Person allein könne diese Stelle nicht abdecken. «Vorläufig wird Esther Lenherr den Kinderchor weiterführen.» Musiker würden punktuell engagiert, um vom November an Dählers Aufgaben zu erfüllen. «Wir haben die Stelle noch nicht ausgeschrieben.»

Sie bedauert, dass der Kantor nicht wie üblich einen Kirchenchor leiten konnte und es zu keiner Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Kirchen- und Oratorienchor gekommen war. «Es hat böses Blut gegeben, als Beat Dähler mit seinem Chor aus Zürich-Enge hier auftrat.» Lakonisch sagt sie: «Da gibt es harte Köpfe.»

Das Wort eines Gegners

Peter Weiss, Pfarrer in Wädenswil von 1967 bis 2006, hatte gegen die Kantorenstelle heftig opponiert. Angesichts der Kündigung des Kantors, fühlt er sich bestätigt: «Das Konzept war verfehlt, und die falsche Person ist angestellt worden.» Die Kirchgemeinde brauche gar keinen Kantor, da sehr viele Gruppen musikalisch eingebunden seien, schrieb er schon vor drei Jahren in einem Leserbrief. Damals noch amtierender Pfarrer, hatte er Einblick in Expertenmeinungen und wusste, dass der Experte Karl Scheuber, Abteilungsleiter für Kirchenmusik an der Musikhochschule Zürich, Dähler zwar als vielseitigen Musiker bezeichnet. Er hatte aber auch vermerkt, dass er nicht zum Aufbau eines Kantorats geeignet sei. Die Meinung dieses hochkarätigen Musikers sei bei der Wahl des Kantors in den Wind geschlagen worden, bedauert Weiss. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2008, 07:55 Uhr

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