Kunst aus dem Kokon

Ata Bozaci alias Toast ist einer der Stars der Grafik 12. Vom Sprayer hat er sich zum arrivierten Künstler gemausert. Ein Atelierbesuch bei einem Mann mit einer wechselvollen Lebensgeschichte.

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Die Sicht vom Fabrikgebäude ob Wollerau auf den See wäre sicherlich grandios. Im Atelier von Ata Bozaci bleibt die Welt aber aussen vor: Der weiss gestrichene Raum direkt unter dem Dach ist fensterlos. Bozaci nennt diesen Raum seinen «Kokon»: keine Uhren, kein Telefonanschluss, ein Handy besitzt er nicht. Hier arbeitet der Künstler, der unter dem Namen Toast in der Graffitiszene international Kultstatus geniesst, bis zu zwölf Stunden am Stück entrückt von allem.

Vom Sprayer zum ernsten Künstler

Zurzeit gilt seine Aufmerksamkeit im spartanisch eingerichteten Atelier vor allem seinen Plastiken. Es sind grosse, mehrteilige Gebilde, die auch Modelle für futuristische Häuser sein könnten. «Graffiti und Architektur sind für mich sehr nahe beieinander. Darum ist dieser Schritt hin zu handfesten Objekten nur logisch.» In den aktuellen Arbeiten setzt er zudem Farben nur noch sehr reduziert ein, vergangen sind die Zeiten, als Toast mit Spraydosen ganze Häuserwände zur farbigen Explosion brachte. Bozaci hat seine Kunst in den letzten Jahren kontinuierlich entschlackt: «Runde, schmückende Elemente findet man heute nicht mehr bei mir.» Aus dem Sprayer mit Anleihen beim Comic ist ein ernster Künstler geworden, der einer beinahe schon Zen-haften Ästhetik folgt. «Diese Reduktion widerspiegelt auch meinen Wandel als Mensch», erklärt der gebürtige Berner. Ein Bootsunfall auf der Aare vor vier Jahren, bei dem er beinahe ertrunken wäre, akzentuierte diese Entwicklung. Das traumatische Erlebnis liess den Künstler noch dezidierter zwischen wichtig und unwichtig, wahr und falsch unterscheiden.

Ata Bozaci ist reifer geworden und blickt besonnen auf die Zeit zurück, als er in den internationalen, überhitzten Kunstmarkt eingeschleust wurde. Denn nachdem der inzwischen verstorbene Milliardär Gunter Sachs 2008 den jungen Schweizer zusammen mit der Graffiti-Ikone Dare auserkoren hatte, während dreier Monate seine Villa am Wörthersee zu bemalen, wollten ihn alle: Unzählige Galerien meldeten sich bei ihm; der Sohn türkischer Einwanderer, der einst sein schuhschachtelgrosses Zimmer mit zwei Brüdern geteilt hatte, jettete plötzlich von Metropole zu Metropole. Seine Eltern, die ihr Leben arbeitend in Fabriken verbracht hatten, staunten über das Leben ihres Sohnes – und waren mächtig stolz.

«Zum einen gab es wegen des Interesses von Gunter einen richtigen Hype um mich», sagt Ata Bozaci heute, «zum anderen stieg ich so auch in eine Preisklasse, die für viele meiner langjährigen Unterstützer und Begleiter einfach zu hoch war.» Der junge Künstler, der sich in den Strassen von Bern mit Pinsel und Spraydose seinen Freiraum genommen hatte, musste mit diesen neuen Umständen zurechtkommen – und die Bodenhaftung bewahren. Schliesslich flachte der Rummel um den jungen Senkrechtstarter aus dem Graffiti-Underground wieder ab.

Heute ist Bozaci geerdet, mit Joggen und Boxen hält er sich fit, das hilft, um in seinem «Kokon» in Wollerau noch fokussierter zu arbeiten. Und er ist politischer und gesellschaftskritischer geworden. Ihn beschäftigt vor allem der unkritische Gebrauch von elektronischen Medien. So bereitet Ata Bozaci für die Werkschau Grafik 12 eine besondere Inszenierung vor. Nur so viel: Der abgebildete Ballon, vor wenigen Tagen von einem chinesischen Sammler für 150 000 Fran-ken gekauft, spielt dabei die Hauptrolle. (Zueritipp)

Erstellt: 29.02.2012, 14:54 Uhr

Grafik 12: drei Tage, 100 Designer

Den Schweizer Grafikern, Illustratoren und Typografen gehört in der Maag-Halle zum ersten Mal die volle Aufmerksamkeit. Im Rahmen der dreitägigen Werkschau stellen knapp 100 Eingeladene ihre Arbeiten aus und zeigen, dass ihr Schaffen längst auch zur Kunst geworden und, vor allem, überaus vielfältig ist. So reicht die Palette von den 3-D-Animationen des umtriebigen Vaudeville-Studios über Mauro Bergonzolis handgemalte «Tableaux vivants» bis hin zu Kevin Höggers Schriftexperimenten. Auch dabei: Dieter «Yello» Meier, Büro Destruct oder Michel Casarramona. Die Macher der «Grafik 12» sind Habitués: An gleicher Stätte haben sie bereits die Photo 12 realisiert. (cix)

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