Leben mit Fluglärm im Minutentakt

Näher an der Westpiste kann man in Rümlang nicht wohnen als an der Breitenstrasse zwischen Bahnlinie und Flughofstrasse. Wie wohnt es sich da, wo Flieger fast im Minutentakt starten?

Auch mit dem Fahrrad ists nicht weit zur Piste: Die Anwohner der Breitenstrasse wohnen mitten im Fluglärm.

Auch mit dem Fahrrad ists nicht weit zur Piste: Die Anwohner der Breitenstrasse wohnen mitten im Fluglärm. Bild: Daniel Kellenberger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Gruppe Stadtzürcher irrt durch die Breitenstrasse. Sie sind eben der S-Bahn in Rümlang entstiegen und suchen nach der Kartbahn. Ihnen fallen sogleich die gepflegten Einfamilienhäuser an dieser Strasse auf, alle mit auffallend grossem Umschwung. Dann dröhnt ein Flieger über ihre Köpfe und verschwindet Richtung Himmel. Gleichzeitig rattert ein Güterzug vorbei, und ein Lastwagen hupt auf der nahen Flughofstrasse. Die Frage fällt: «Wer um Gottes willen wohnt denn hier?»

Einer von ihnen ist der 48-jährige Beat Lack. Er holt sich wie jeden Morgen die Zeitung aus dem Postfach und sagt, auf den Lärm angesprochen, mit einem Augenzwinkern: «Wir Rümlanger haben das Kerosin im Blut.» Lack wurde an dieser Strasse geboren, hier ist er aufgewachsen; und nachdem er 16 Jahre lang woanders gewohnt hat, kam er vor zwei Jahren mit seiner Familie hierher zurück. Das Haus der inzwischen verstorbenen Eltern riss er ab und baute ein neues. Weil es ihm hier gefällt. «Ich kenne die Nachbarschaft, hier bin ich verwurzelt, und in Rümlang gibt es lärmigere Quartiere», so sein Fazit.

Sorgen um das einmonatige Baby

Annelies Bernhard hingegen machte sich grosse Sorgen, als sie und ihr Mann die Liegenschaft an der Breitenstrasse zur Miete angeboten bekamen. Vor allem sorgte sie sich um ihre drei Kinder, das jüngste war damals erst einen Monat alt. «Wir kamen aus einer ruhigen Ecke aus dem Sankt-Gallischen», erinnert sie sich. Ein Arzt habe ihr vom Umzug abgeraten, weil der Lärm für das Baby nicht gut sei. Doch da ihr Mann bei der Flughafenpolizei angestellt war und es vom Regierungsrat die Weisung gab, dass alle Staatsangestellten auch im Kanton Zürich wohnhaft sein mussten, eilte der Umzug.

«Wir sagten uns, wenn die Kinder an Schlafstörungen leiden oder anderswie auffällig werden, dann zügeln wir sofort.» 33 Jahre sind seither vergangen; so lange sind die Bernhards geblieben. «Den Kindern hat es hier immer extrem gut gefallen, besonders dass sie im grossen Garten Fussball spielen konnten», sagt Bernhard. Die Miete war mit weniger als 2000 Franken pro Monat für das Haus erschwinglich. Und an den Lärm gewöhnte man sich. «Wenn ich mal nicht schlafen kann, dann mache ich einfach das Fenster zu.» Das Fenster zumachen? «Ja», sagt Bernhard, «ich verfüge grundsätzlich über einen guten Schlaf.» Und seit die Unique vor kurzem den Anwohnern der Breitenstrasse dreifach verglaste Fenster finanziert hat, sei es viel besser geworden. Zumindest im Haus drinnen.

Bernhard sagt aber auch, dass sie ihren Mann oft nicht verstanden habe, wenn er ihr etwas von der Stube aus in die Küche gerufen habe. Er pflegte dann zu scherzen: «Wir aus dieser Strasse haben doch alle eine Hörschaden.» Vergangenes Jahr ist er verstorben, erst jetzt wird Bernhard von der Breitenstrasse wegziehen.

Als Genossenschaft begonnen

An der Breitenstrasse stehen heute etwa zwanzig Einfamilienhhäuser in zwei Häuserreihen, alle verfügen über einen grosszügigen Umschwung von etwa 1200 Quadratmetern. Gebaut wurden sie Ende des Zweiten Weltkriegs von einer Genossenschaft, fast zeitgleich mit den Anfängen des Flughafens. Übernommen hat sie die Stadt Zürich, schliesslich wurden sie verkauft an Private und zu einem kleineren Teil an den Kanton. In den letzten Jahren sind zwei bis drei Neubauten hinzugekommen. Ansonsten blieb das Quartier grössenmässig so, wie es vor 60 Jahren ausgesehen hat. Aber es entwickelte sich vom typischen Arbeiterquartier zum gut gemischten Mittelstandsquartier.

Hanspeter Burkhard ist an der Breitenstrasse aufgewachsen. Er erinnert sich an einen Flughafen, der noch keinen Lärm verursachte: einen mit nur einer Piste und einem Flieger – jeweils am Mittwoch sei dieser gekommen. «Wir Kinder stürmten dann an den Pistenrand und freuten uns, dem Flieger zuzusehen.»

Das ist Vergangenheit. Nach und nach musste das ehemalige Sumpfgebiet dem wachsenden Flughafen weichen, und Burkhard ist sich sicher: «Wenn meine Eltern gewusst hätten, wie gross der Flughafen wird, dann hätten sie an dieser Strasse kein Eigenheim gekauft.» Und er fügt an: «Wenn die Verlängerung der Westpiste kommt, dann wird es noch schlimmer, eigentlich unzumutbar.» Für ihn sind die heutigen Flieger nicht leiser, im Allgemeinen empfindet er sie als lauter. «Die alten Kolbenflieger waren dagegen kaum hörbar», so Burkhard. Geblieben ist er im Quartier nur deshalb, weil seine Eltern pflegebedürftig wurden. Andernfalls wäre er längst weggezogen.

Scheiben haben geklirrt

Die Flieger hört Beat Lack nur noch, wenn er Gäste hat. «Wir selbst haben uns längst an den Lärm gewöhnt.» In seinen Erinnerungen waren zudem die Flieger aus seiner Jugend viel lauter. «Wenn zum Beispiel eine alte BOAC V10 über die Dächer flog, dann mussten wir die Ziegel festhalten», sagt er. Unsäglich hätten die Scheiben geklirrt. Heute mit den modernen Fliegern sei der Lärm viel erträglicher. Nur bei Bise, wenn die Flugzeuge direkt auf Rümlanger Gebiet starteten und mit voller Turbinenstärke direkt anheben müssten: Dann werde es laut an der Breitenstrasse, und der Kerosingestank steige in die Nase. Unterdessen hat sich ein weiteres Touristengrüppchen in die Breitenstrasse verirrt. Es sucht das simulierte Fliegervergnügen, das Aerodrom. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2008, 20:28 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

Nachspielzeit Dorfkicker im Schaufenster der Nation

Sweet Home Das macht Lust auf Sommer

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Wellenreiter: Jonathan Gonzalez, Mitglied des spanischen Surf-Teams, übt seine Künste im Wave Garden, einem grossen Pool, der Wellen künstlich erzeugt (25. Mai 2017).
(Bild: Vincent West) Mehr...