Liebe bis zum Wahnsinn

Obwohl er seine Ex-Partnerin 475-mal anrief, sprach das Bezirksgericht Hinwil einen 65-jährigen Italiener frei. Der Staatsanwalt zog den Fall weiter. Das Obergericht gab ihm Recht.

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Er habe seine Ex-Partnerin nie bedroht, sagte der pensionierte Maurer im Dezember 2007 vor dem Bezirksgericht Hinwil. Auch nicht bösartig oder gewalttätig gehandelt. Mit seinen Aktionen habe er ihr nur seine grosse Liebe bezeugen wollen. Gemeint sind 329 Telefonanrufe in der Zeit vom 28. September bis zum 26. Oktober 2006 und weitere 146 Anrufe zwischen dem 8. August und dem 1. Oktober 2007. Hinzu kamen Dutzende von Briefen und Geschenken. Fast täglich beobachtete der in Hinwil lebende Italiener die Wohnung seiner Ex-Partnerin. Ein klassischer Stalking-Fall. Er könne die heute 57-jährige Wetzikerin und ihre Kinder einfach nicht vergessen, weinte er vor Obergericht. Er liebe sie bis zum Wahnsinn. Und das schon seit 1976.

«Sie müssen begreifen, dass die Beziehung zu Ende ist», sagte der Gerichtspräsident gestern in Zürich. Er hielt dem Angeklagten vor, dass dieser bereits viermal vor Gericht stand, seit dessen Beziehung 2000 in die Brüche ging. 2003 wurde der Italiener wegen mehrfachen Hausfriedensbruchs verurteilt, 2004, 2005 und 2006 unter anderem wegen mehrfacher Nötigung und des Missbrauchs einer Fernmeldeanlage. Die vielen Rückfälle hatten die Behörden dazu bewogen, einen psychiatrischen Gutachter beizuziehen. Dieser stellte eine mittelgradige Beeinträchtigung der Einsichtsfähigkeit des Angeklagten fest. Der Verlassene erlebe eine «wahnhafte symbiotische Zweisamkeit mit seiner Ex-Partnerin. Als er gefragt wurde, ob er sich in psychiatrische Behandlung begeben würde, meinte der Hinwiler, es würde nichts bringen.

Das Bezirksgericht Hinwil sah den Tatbestand der Nötigung nicht als erfüllt an, da die Geschädigte nicht im Sinne des Gesetzes gezwungen wurde, «etwas zu tun, zu unterlassen oder zu dulden». Es sei unvermeidlich, dass jemand unangenehmes oder sogar strafbares Verhalten eines Andern erdulden müsse, sagte auch der Verteidiger. Wie im erstinstanzlichen Verfahren wies er auf die unerwünschte Werbeflut in Briefkästen hin. «Mein Mandant hat nicht verstanden, warum ihn seine Familie verstiess. Er ist überzeugt, dass Liebe nicht strafbar ist.»

Liebe nicht, die Taten des Angeklagten hingegen schon, entschied das Obergericht. Im Gegensatz zum Einzelrichter in Hinwil erklärte der Gerichtspräsident den Tatbestand der vollendeten Nötigung als gegeben. Die Anrufe und Belästigungen hätten die Geschädigte gezwungen, ihren Tagesablauf zu ändern. Sie ging nicht mehr aus, musste die Geschenke entsorgen, die Briefe zurückschicken. Auch wenn ihr Ex-Partner dies nicht beabsichtigt habe, so habe er die Folgen doch in Kauf genommen. Der Vergleich mit der Werbeflut sei unhaltbar, da der emotionale Hintergrund dabei nicht berücksichtigt werde. Das Obergericht bestätigte das erstinstanzliche Urteil betreffend des Missbrauchs einer Fernmeldeanlage, wofür der Hinwiler mit einer Busse von 2000 Franken bestraft worden war. Zudem wurde er wegen mehrfacher Nötigung zu 600 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, was 150 Tagessätzen einer Geldstrafe entspricht. Damit blieb das Gericht auf Grund der verminderten Schuldfähigkeit des liebeskranken Angeklagten unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die eine siebenmonatige Freiheitsstrafe gefordert hatte. Weiter wurde eine ambulante Massnahme angeordnet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2008, 23:09 Uhr

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