Liebeslieder an die Frau und die Musik

37 Jahre hatte Toni Vescoli in Wila gewohnt. Sein Abschiedskonzert im Schulhaus Eichhalde war restlos ausverkauft.

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Der Vorverkauf lief so gut, dass der Kulturverein Wila zusätzliche Stühle heranschaffen musste. 350 Fans erlebten Toni Vescoli am Samstagabend live im Eichhaldesaal. Unter den Zuhörern waren viele Wilemer. «Ich wollte ihn noch einmal singen hören, vielleicht zum letzten Mal», sagte eine grauhaarige Dame. Ihre Stimme klang wehmütig - als sei Vescoli ins australische Outback ausgewandert und nicht bloss nach Wald umgezogen. Für André Gutzwiler vom Kulturverein war das Konzert jedoch keine rein lokale Angelegenheit. «Es sind recht viele Auswärtige gekommen.» Im Duo mit dem Keyboarder Markus Maggi präsentierte Toni Vescoli Songs seines neuen Albums «66». Die Zahl 66 bezieht sich auf sein Alter, das er, im Gegensatz zu manch anderen Promis, nicht zu verheimlichen versucht. An einem Vescoli-Konzert erwartet man hauptsächlich ältere Besucher, langjährige Fans eben. Tatsächlich waren die über 50-Jährigen in der Mehrheit. Trotzdem erstaunte es, wie viele jüngere Leute im Publikum sassen, auch Kinder und Jugendliche befanden sich darunter.

Liebeslied an seine Frau

«Ich bin jetzt 43 Jahre mit meiner Frau zusammen, da wäre einmal ein richtiges Liebeslied fällig», sagte Vescoli. Deshalb habe er «Lady Lo» geschrieben. Im Laufe des Abends stimmte er zwei weitere Liebeslieder an, die er dem Rock 'n' Roll und dem Blues widmete. Er sei ein gutmütiger Mensch, der sich schnell zu etwas überreden lasse, meinte Vescoli, doch in der Musik habe er immer gemacht, was er wollte. Charakteristisch ist seine Angewohnheit, innerhalb eines Songs oder gar eines Satzes von der Mundart ins Englische zu wechseln; dazwischen streut er zwei, drei Songs in rauem Französisch und Spanisch ein. Sein Repertoire ist ungewöhnlich breit und reicht von Rock, Folk und Blues über Country bis zu Tex-Mex und Cajun. Unverwechselbar ist sein Stil: Immer mit dabei hat er sein «Muulörgeli» und eine Handvoll verschiedener Gitarren, von der jede ihren eigenen Klang hat. Die Texte regen zum Nachdenken an. So handelt etwa der «New Orleans Walz» von der Flutkatastrophe, die zahlreiche Opfer forderte. «Nüme so cool» richtet sich an eine macht- und geldgierige Person, die immer weiter abrutscht und schliesslich ihr eigenes Grab schaufelt.

Das Publikum applaudierte nach jedem Lied.

Während Vescoli sang, war es jedoch mucksmäuschenstill. Das änderte sich, als der Musiker seine älteren und bekannteren Songs hervorholte. Langsam kam Bewegung in die Masse: Das Publikum klatschte im Takt mit, das Stimmungsthermometer erhitzte sich, bis es - kurz vor Konzertende - zu glühen anfing. Die Masse stand auf und forderte, frenetisch klatschend, eine Zugabe. Die bekam sie auch. Toni Vescoli spielte «Blowing in the Wind» von Bob Dylan in verschiedenen Versionen. So wie Bob Marlin oder ein Rock 'n' Roll-Musiker den Song gespielt haben könnte.

Sechsmal in Wila aufgetreten

Toni Vescoli ist in den 37 Jahren, die er in Wila wohnte, sechsmal für den Kulturverein aufgetreten. Er selbst hatte den Verein vor 30 Jahren mitgegründet. Im Namen des Gemeinderates verabschiedete der Kulturverein seinen wohl bekanntesten Einwohner und überreichte ihm einen Karton mit «edlen Tropfen».

«Ich finde es sehr schade, dass er weggezogen ist», sagte die Wilemerin Christine Schmid, die Vescoli vom Sehen her kennt. Sie sei schon seit vielen Jahren ein Fan, erklärte sie. «Mir gefallen vor allem die Texte, die Tiefgang haben.» Sie findet es gut, dass Vescoli Mundart singt. Dem stimmte Regula Schenk aus Turbenthal zu. Sie mag das Bodenständige und seine Rhythmen. Paul Müller aus Laupen, dem diese Art Musik schon immer gefallen hat, erinnert sich: «Anfang der 70er-Jahre machte ich in Wila eine Kaminfeger-Lehre. Da durfte ich jeweils auch Toni Vescolis Schornstein von Russ befreien.» Inzwischen besitzt der Laupener ein Umzugsunternehmen. Vor einer Woche hat er Vescolis gesamtes Hab und Gut gezügelt - ins ferne Wald. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2008, 22:23 Uhr

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