Menschenskinder
Von Michèle Roten. Aktualisiert am 12.06.2009 1 Kommentar
Michèle Roten, 29, ist Kolumnistin beim «Magazin» und studiert Germanistik. Gemälde: Pascal Möhlmann.
Langsam werden all die kleinen Kacker in meinem Umfeld zu kleinen Rackern, und das ist ja ganz schön. Gibts wenigstens wirklich was zu erzählen für die Eltern. Nicht, dass vorher nichts erzählt wurde, nein, es wurde natürlich sehr viel erzählt, unglaublich viel, aber ich weiss nicht mehr was. Solche Sachen halt. Aber jetzt kommen die richtigen Geschichten, und die sind zum Teil wirklich enorm lustig. Zum Beispiel die Kleine, die beim Schuhkauf eine Puppe geschenkt bekommt, sie eingehend betrachtet und mit den Worten «Nei tanke» der Verkäuferin zurückgibt. Oder die, die nach dem ersten Besuch bei der neuen Logopädin rauskommt und sagt: «Na, SO hab ich mir das vorgestellt mit der Logopädie!»
Noch viel mehr allerdings kommen jetzt die Geschichten darüber, wie unfassbar talentiert all die Kinder sind. Meine Güte, sind die talentiert! Da wird aus Lego Berlin gebaut, wie es heute aussehen würde, wenn der Krieg nicht gewesen wäre. Und der Fall, wo die Lehrerin nach dem ersten Schultag diskret vorgeschlagen hat, das Kind die nächsten zwölf Klassen und auch das Studium überspringen zu lassen und gleich ans Cern zu schicken. Oder der Fünfjährige, der Ravels «Gaspard de la nuit» fehlerlos spielt! Und Klein Pauls Neocolor-Bilder sind so gut, dass das Moma eine neue Form der Einzelausstellung erfindet: die Prospektive. Ich muss mal mit meinen Eltern reden, aber ich glaube, mit fünf sass ich im Garten und steckte mir Dreck in die Nase.
Nein, ehrlich, die sind wirklich der Wahnsinn, die Kids. Kein Einziges von ihnen ist einfach normal. Keines kann nur «gut basteln» oder «schon Velo fahren». Da wächst eine Generation der Superhelden heran, um die Zukunft der Welt müssen wir uns imfall überhaupt keine Sorgen machen.
Das dachte ich übrigens auch, als ich neulich an einem Quartierfest war. Da gabs natürlich Essen und Trinken. Und: Depot auf die Becher und Teller. Und Kinder. Eine üble Mischung! Noch bevor man den letzten Rest Bier geschluckt hatte, stand schon so ein gieriger kleiner Kerl vor einem und wollte den Becher haben. Sii-ii? Im Verlauf des Abends, im Geldrausch, wurden sie dann immer dreister, eine unaufmerksame Sekunde, und der Teller mit dem erst zur Hälfte gegessenen Salat war weg! Und ganz zum Schluss dann der Gipfel: Die Blagen brachten Becher von zu Hause mit und legten uns ans Herz, das Bier doch bitte umzuleeren, damit sie das Depot einkassieren konnten.
Das sind dann wohl die, deren Eltern rumerzählen: «Neulich hat mein Vierjähriger eine Satire auf den Casino-Kapitalismus inszeniert.»
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Michèle Rotens Bücher: www.echtzeit.ch (Das Magazin)
Erstellt: 12.06.2009, 11:02 Uhr
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1 Kommentar
dieser manische 'wettbewerb' (aber-)mein-kind-ist-(auch-)ein-genie greift seit einer generation um sich. die kleinen kacker werden zur förderung ihrer genialität in vor-vor-kindergärten, ins frühenglisch (neuerdings -chinesisch), kurse für hochbegabte, etc. geschickt ... und somit um ihre sowieso schon kurze kindheit gebracht: ich schäme mich für meine kinder, die einfach 'nur' kinder sind ;-)! Antworten
