Mit den Grenzwächtern auf Patrouille im Hinterland

Seit Anfang 2007 kontrolliert das Grenzwachtkorps nur noch sporadisch an der Landesgrenze, dafür umso mehr mobil im Hinterland. Der «Tages-Anzeiger» durfte eine Nacht lang dabei sein.

21.40 Uhr auf der Lirenhofstrasse bei Hüntwangen: Ein Geschäftsmann aus der Innerschweiz wird zur eingehenden Kontrolle herausgewinkt.

21.40 Uhr auf der Lirenhofstrasse bei Hüntwangen: Ein Geschäftsmann aus der Innerschweiz wird zur eingehenden Kontrolle herausgewinkt. Bild: David Baer

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Tatort Hüntwangen, auf der Lirenhofstrasse bei der Abzweigung Richtung Buchenloo. Grenzwächter Christian Berliat und Mathias Rosser, zwei Beamte des Grenzwachtkorps der Region Aargau/Zürich, haben sich hier für eine mobile Kontrolle aufgebaut. Jedes Fahrzeug in beide Fahrtrichtungen wird angehalten und kurz kontrolliert. Nach einem Blick auf den Lenker und ins Autoinnere entscheiden die beiden Beamten, ob sie noch weitere Überprüfungen vornehmen wollen. Zweimal tun sie dies: Bei einem Geschäftsmann aus der Innerschweiz ergibt die Kontrolle der Papiere und des Kofferraumes nichts Verdächtiges. Bei einem Grenzgänger ruft Korporal Rosser die Zentrale an und lässt die Personalien checken. Sein Gespür hat ihn nicht getäuscht: Dem jungen Mann wurde wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand der Führerausweis entzogen - er dürfte nicht hinterm Steuer sitzen. Das Fahrzeug wird deshalb auf einem Parkplatz in der Nähe abgestellt, der Lenker nach Bülach gebracht: Die Anzeige und alle weiteren Vorgänge sind Sache der Kantonspolizei.

Dass die Grenzwächter nicht an der Grenze selbst, sondern im Hinterland Kontrollen vornehmen, ist in der Schweiz seit längerer Zeit der Fall und eine Art Vorbereitung auf das Schengener Abkommen: Dieses sieht vor, dass die teilnehmenden Länder auf Kontrollen des Personenverkehrs an den gemeinsamen Grenzen verzichten. In der Schweiz tritt das Abkommen voraussichtlich im Dezember in Kraft. Was bleiben wird, sind aber die Zollkontrollen an der Schweizer Grenze.

Keine zusätzliche Polizeieinheit

Hans Arzethauser, beim Kommando der Grenzwachtregion VII für die Information und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, sieht in dieser Neuerung mehr Vor- als Nachteile: «Schengen baut zwar die Personenkontrollen an den Grenzen ab, bringt uns aber gleichzeitig bessere Fahndungsmittel.» Seit etwa einer Woche können die Schweizer Grenzwächter via Computer auch auf die Infos der Ermittler der anderen Schengen-Länder zugreifen. «Das bringt viel für die innere Sicherheit. Bereits resultieren in der Region Aargau/Zürich acht SIS-Fahndungserfolge».

Das Grenzwachtkorps ist aber keine zusätzliche Polizeieinheit. Arzethauser: «Unsere Kompetenzen liegen hauptsächlich in Personen- und Sachfahndungen im grenzüberschreitenden Verkehr, in der Verhinderung illegaler Einreise, Bekämpfung des Betäubungsmittelschmuggels und in zollpolizeilichen Aufgaben. Die effiziente Erledigung bedingt eine enge Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei. Die Standorte unserer Patrouillen sind bei der Einsatzzentrale der Polizei bekannt, wir stehen in dauerndem Funkkontakt so lange wir uns auf dem Gebiet des Kantons Zürich aufhalten, bereit, die Kollegen der Polizei in dringenden Fällen zu unterstützen.»

Die Grenzwächter sehen darin, dass während Zollkontrollen an der Grenze nur noch aus Sicherheitsgründen Personenkontrollen stattfinden, keinen Nachteil für ihre Arbeit. Christian Berliat, an diesem Abend der Einsatzleiter, erklärt: «Durch die Kontrollen im Landesinneren haben wir mehr Fahndungserfolge, da wir nicht mehr so statisch agieren. Ein fester Posten an der Grenze ist einfacher zu umgehen.» Dafür haben die 135 Beamten des Grenzwachtkorps der Region Aargau/Zürich rund 120 Kilometer Grenze abzudecken: Ihr Einsatzgebiet reicht von Kaiseraugst bei Basel bis nach Feuerthalen. Im Unterland wird das Hinterland bis zur Linie Niederweningen-Bülach (ohne die Stadt selbst) und bis Klein-Andelfingen kontrolliert, dazu kommt noch das Weinland.

Rascher Standortwechsel

Aber auch eine mobile Kontrolle spricht sich unter den Autofahrern rasch herum. Nach einer halben Stunde wird der Einsatz in Hüntwangen beendet. Die drei Teams, die an verschiedenen Orten im Rafzerfeld unterwegs waren, treffen sich um 22 Uhr in Eglisau. An der Schaffhauserstrasse, bei der Abfahrt Stampfi, wird eine Grosskontrolle durchgeführt, mit allen sieben Beamten, die an diesem Abend Dienst tun. Auch hier wird jedes vorbeifahrende Fahrzeug zuerst kurz überprüft. Einige werden herausgewinkt, um Personalien, Papiere und Fahrzeug zu überprüfen.

Klare Kriterien für diese Auswahl gibt es nicht. Grenzwächter Ulrich Spring: «Es wäre falsch zu sagen, dass wir uns auf ein bestimmtes Äusseres oder einen bestimmten Personenkreis konzentrieren.» Manchmal sei das Auto oder die Herkunft des Fahrers ausschlaggebend, manchmal dessen Verhalten. «Ich entscheide das meist aus dem Bauch. Und mit der Zeit entwickelt man ein gutes Gespür.» Er gibt aber auch zu: «Wenn wir jemanden erwischen, hat das durchaus auch mit Glück und sogar Zufall zu tun. Wir können einfach nicht alle kontrollieren.»

Die Leute reagieren nicht immer mit Verständnis auf die Kontrollen. Hans Arzethauser: «Wir werden immer wieder gefragt, warum wir nicht an der Grenze stehen, was wir denn hier im Hinterland machen.» Arzethauser, der seit 32 Jahren beim Korps ist und selber lange in Koblenz, Wasterkingen und Kaiserstuhl an der Grenze Dienst tat, wirbt um Verständnis: «Wir machen unsere Arbeit ja nicht, um die Leute zu schikanieren, sondern um ihre Sicherheit zu gewährleisten.»

In seinen langen Jahren beim Grenzwachtkorps hat Arzethauser einige brenzlige Situationen erlebt: «Es kommt leider recht oft vor, dass sich jemand der Kontrolle entziehen will.» Beim Einsatz in Eglisau wartet deshalb ein Beamter einige Hundert Meter weiter, um solche Autos mit einer Art Nagelgurt zu stoppen. Und die Fahrzeuge des Korps, welche zur Abfahrt bereit stehen, sind sehr gut motorisiert. Wie gut, wollen die Beamten nicht verraten.

Einsätze mit gezogener Waffe sind keine Seltenheit. «Das geschieht aus Sicherheitsgründen», erläutert Arzethauser. «Manchmal haben wir auch nur eine Hand am Pistolengriff. Nach Ereignissen wie einem Banküberfall tragen wir aber kugelsichere Westen und Maschinenpistolen.» In all seinen Dienstjahren musste der Wasterkinger Arzethauser aber nie von der Schusswaffe gegen Personen Gebrauch machen.

An diesem Abend geht den Beamten kein «Sünder» mehr ins Netz. Nach einer guten Stunde wird die Kontrolle in Eglisau beendet. Das Team macht eine kurze Pause, um den weiteren Dienst zu besprechen: Nach Mitternacht verlegt man sich in den Kanton Aargau. Erst um 5 Uhr früh geht die Nachtschicht zu Ende. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2008, 08:28 Uhr

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