Offizielle Glückwünsche und ein Gläsli Roten

In vielen Gemeinden gratulieren die Gemeinderäte den betagten Jubilaren persönlich. Weil die Bevölkerung immer älter wird, gibts für die Politiker immer mehr zu tun.

Der Richterswiler Gemeinderat Jürg Trachsel gratuliert Lina Vigini im Namen der Gemeinde zu ihrem 98. Geburtstag.

Der Richterswiler Gemeinderat Jürg Trachsel gratuliert Lina Vigini im Namen der Gemeinde zu ihrem 98. Geburtstag. Bild: Flurin Bertschinger

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Lina Vigini hat Guetsli aufgetischt und Weingläser bereitgestellt, die feinen, die mit den eingeritzten Initialen. Die 98-Jährige erhält zu ihrem Geburtstag offiziellen Besuch: Der Richterswiler Gemeinderat Jürg Trachsel (SVP) überbringt Glückwünsche der Gemeinde. Zum Anstossen um 10 Uhr morgens gibts Rotwein.

Die 98-Jährige, die ihr ganzes Leben in Richterswil gewohnt hat, ist glasklar im Kopf und erinnert sich an Details, an Orte und Namen. Sie lebt seit zwei Jahren noch ziemlich selbstständig in einem Zimmer im Alterszentrum im Wisli. Früher habe sie an der Weingartenstrasse gewohnt. Die beiden kommen darauf zu sprechen, dass Richterswil immer mehr verbaut werde. «Wenns wieder mal Krieg gibt, hats keinen Platz mehr, um Kartoffeln zu pflanzen», sagt sie schmunzelnd. Er sagt, ihn erstaune die Geschwindigkeit, mit der die Bautätigkeit voranschreite. «Aber klar, das gibt mehr Steuern.»

«Jungs Gmües»

Trachsel besucht Vigini bereits zum dritten Mal. Mitgebracht hat er auf ihren Wunsch Wein, dieses Mal ists Rosé. Vigini wollte keine Blumen. Von denen habe sie genug. Auf dem Couchtisch stehen drei rosafarbene Rosen. Sie findet den Besuch des Gemeinderats «grossartig». Sie hat ihn extra auf den Morgen bestellt. Am Mittag geht sie mit ihrem Sohn essen. Dann hat sich weiterer Besuch angekündigt.

Trachsel, in legerer, weisser Sommerhose und Kurzarmhemd, nimmt sich Zeit, probiert vom Gebäck und unterhält sich ausführlich mit der Jubilarin. Es sei spannend, etwas über die «Grossmutterzeit» zu erfahren, sagt er. Sie nennt den 46-Jährigen scherzhaft «jungs Gmües». Nach etwa eineinhalb Stunden verabschiedet er sich. Der nächste Termin steht an für den Tiefbauvorsteher. Wäre Trachsel nicht selbstständig – er ist Anwalt mit eigener Kanzlei –, könnte er die Termine schwer unter einen Hut bringen

Ab 100 Jahren: Chefsache

Richterswil ist eine der Gemeinden, in denen die Exekutivmitglieder bei den betagten Jubilarinnen und Jubilaren höchstpersönlich zum Gratulieren vorbeigehen, ab deren 95. Geburtstag jedes Jahr. Die Gemeinderätinnen und -räte teilen sich die Besuche auf, meist besuchen sie diejenigen, die sie bereits kennen. 26 sind es dieses Jahr. «Die Geburtstage ab 100 sind dem Präsidenten vorbehalten», sagt Gemeindeschreiber Andreas Meienberg. Fünf davon stehen heuer an. «Es werden immer mehr.»

Halbstündiges Ständchen

Auch in Oberrieden ist dieser Trend spürbar. Jährlich zähle seine Gemeinde ein bis zwei Jubilare mehr, sagt Gemeindeschreiber Thomas Dischl. Oberrieden ehrt die 90-, 95- und 100-Jährigen. Im Schnitt sind es jährlich rund 20. Ab dem 100. Geburtstag erfolgt die Ehrung jedes Jahr. Oberrieden scheut für die Jubilare weder Kosten noch Aufwand: Gemeindepräsident und -schreiber überbringen Früchtekorb und Blumen persönlich – wenns sein muss auch nach Horgen, denn Oberrieden hat kein eigenes Altersheim. Der Musikverein Harmonie spielt jeweils für ein halbstündiges Ständchen auf. Dischl rechnet pro Geburtstagskind im Schnitt mit einem Aufwand von 500 Franken.

Ebenfalls ziemlich grosszügig beschenkt die Stadt Adliswil ihre Jubilarinnen und Jubilare, je nach Wunsch, im Wert von 200 bis 300 Franken. Adliswil, das drei mal so viele Einwohner hat wie Oberrieden, gratuliert ebenfalls denjenigen, die 90, 95, 100 oder 105 Jahre alt werden. Dieses Jahr kommen 34 Geburtstagskinder in den Genuss – 7 davon werden 100 Jahre alt oder älter. Zu diesem besonderen Ereignis gratulieren Stadtpräsident und -schreiber persönlich.

Am meisten zu tun hat heuer Horgen: 42 Personen feiern den 90., 95., 100. oder einen höheren Geburtstag. In den meisten Fällen geht Gemeindepräsident Walter Bosshard (FDP) selbst vorbei, begleitet vom Weibel. Gemeindeschreiber-Stellvertreterin Monika Neidhart sagt, sie führten zwar keine exakte Statistik, in den letzten zwanzig Jahren hätte die Zahl der Jubilare aber um rund 30 Prozent zugenommen. In Horgen werden sie wie in den meisten anderen Gemeinden gefragt, was sie sich wünschten. Vorgesehen ist eine Wolldecke oder ein Glasteller mit dem Horgner Wappen.

Auch ein speziell auf die Gemeinde zugeschnittenes Geschenk erhalten die Jubilare in Langnau: Zum 80. Geburtstag gibts einen Band der Langnauer Chronik. Gemeindeschreiberin Ingrid Hieronymi sagt, der Brauch sei eingeführt worden, «als es noch nicht alltäglich war, 80 Jahre oder älter zu werden». Im Zuge der steigenden Lebenserwartung werde irgendwann zu prüfen sein, ob man mit den Ehrungen erst ab einem höheren Geburtstag beginne.

Etwas vom Schönsten

Obwohl die Gratulationstour für alle Gemeindepolitiker immer länger werden dürfte, zweifelt man nirgends am Sinn dieses Brauchs. Von Wertschätzung der älteren Bevölkerung ist die Rede, von einem Dankeschön und von Anstand. Begeistert beschreibt Hüttens Gemeindepräsident Otti Ritter (parteilos) die Besuche. «Wenns irgendwie geht, mache ich sie immer selbst.» Meistens gehe er vor 10 Uhr morgens vorbei und bleibe bis zum Mittagessen sitzen. Er liebe die Gespräche mit der älteren Bevölkerung. «Für die ist der Gemeindepräsident noch etwas wert.» Eigentlich, sagt Ritter, sei diese Aufgabe etwas vom Schönsten am Präsidentenamt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2008, 20:54 Uhr

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