Pekings Arroganz rächt sich

Das vorolympische Trauerspiel in China.

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Die Marke Olympia hat schweren Schaden genommen. Wenn nun selbst IOK-Präsident Jacques Rogge von einer Krise spricht, dann ist das nicht mehr zu leugnen. Aufrufe zum Boykott der Eröffnungsfeier, Chaos beim Fackellauf, verunsicherte Sponsoren, erste Appelle zum Fernsehboykott. Wieso handelt die chinesische Regierung nicht? Warum versucht sie nicht, den Schaden zu begrenzen? Vom Liebling zum Feindbild

Sie müsste es im eigenen Interesse eigentlich tun. Schliesslich nimmt auch ihr eigenes Image derzeit schweren Schaden. Angesichts der Fernsehbilder und Kommentare in unseren Medien könnte man sich fragen, ob es noch dasselbe China ist, das wir kennen. Hatten wir uns nicht an Berichte von Modeschauen in Peking gewöhnt, an Fernsehübertragungen von Formel-1-Rennen in Shanghai? Und nun ist dieses China, das zum Liebling unserer Medien geworden war, über Nacht zum Feindbild geworden?

Die Antwort der Kommunistischen Führung in Peking ist es bislang, immer weiter Öl ins Feuer zu giessen. Es reicht ihr nicht, die Mönche in Tibet zu verhaften. Sie muss auch noch die zügige Hinrichtung von «Randalierern» ankündigen. Der Partei reicht es nicht, Gegenpropaganda zu machen, mit den gewohnten Lügen. Vielmehr werden auch noch die ausländischen Medien in aggressiver Weise attackiert und beschuldigt, die Tatsachen zu verdrehen. Eine dümmere Medienpolitik könnte man sich gar nicht ausdenken, kurz vor dem Eintreffen von 30 000 ausländischen Reportern in Peking. Die Regierung unter Staats- und Parteichef Hu Jintao ist dabei, das über Jahrzehnte langsam gewachsene Ansehen Chinas in der Welt innerhalb weniger Monate zu verspielen.

Das zeugt von schwacher politischer Führung – an dieser Einsicht führt kein Weg vorbei. Ein anderer Grund für die eklatante Fehlleistung in Sachen Öffentlichkeitsarbeit ist die enorme Schwerfälligkeit des kommunistischen Systems. Es hat immer so funktioniert und kann nicht über Nacht umschalten. Auf Proteste reagiert es mit Prügeln und Schüssen und Einkerkerung. Mindestens 30'000 politische Gefangene sitzen in chinesischen Gefängnissen und Arbeitslagern. Tibetische Studenten, die noch vor dem Massaker in Lhasa 1989 verurteilt wurden, sitzen noch immer ein. Auf Kritik antwortet das Regime seit vielen Jahren grundsätzlich mit Gegenrede. Je stärker es wirtschaftlich wurde, desto arroganter bürstete es westliche Politiker ab, die in Peking Menschenrechtsprobleme ansprechen wollten. Selbst jetzt, da alle Welt wegen der Olympiade entsetzt auf die Unterdrückung der Tibeter und Uiguren blickt, antwortet der Apparat mit den gewohnten Mitteln.

Scheinheilige Aufregung im Westen

Nein, da hat nicht über Nacht ein Kurswechsel stattgefunden. Es ist auch kein politischer Ausrutscher, den sich China gerade leistet. Seit jeher lehnt Peking ernsthafte Verhandlungen mit dem Dalai Lama ab. Auch die politische Repression in Tibets Klöstern, das wird in der Aufgeregtheit der jetzigen Debatte leicht übersehen, ist systematisch. Seit Jahrzehnten werden die buddhistischen Mönche erniedrigt. Wenn nun hitzköpfige Exiltibeter das olympische Feuer löschen wollen, so kann man auch dies kritisieren. Radikale Eiferer mag niemand. Aber diese Debatte ist ein Nebenschauplatz. Wichtiger ist die Frage, woher der Hass dieser Tibeter kommt. Peking hat ihn selbst geschürt. Und der Westen schaute weg. was die überdrehte Aufregung jetzt auch ein wenig scheinheilig macht.

Ein weiterer Grund für Pekings Unfähigkeit zur Schadensbegrenzung ist seine Selbstüberschätzung. Seit zwei Jahrzehnten brummt die Wirtschaft in der Volksrepublik: eine bedeutende Leistung. Sie hat den Kamm der Funktionäre schwellen lassen. Die Arroganz der chinesischen Parteiführung, die westlichen Regierungschefs nur dann Audienzen mit kaiserlichem Gehabe gewährte, wenn sie den Mund hielten zu den Themen Menschenrechte, Taiwan und Tibet, rächt sich jetzt.

Schadenfreude gegenüber China ist fehl am Platz. Es ist zu bedauern, dass die Pekinger Sommerspiele schon vor ihrem Beginn ein Trauerspiel abgeben. Man hätte den überwiegend sympathischen Chinesen, deren Gesellschaft sich im privaten Bereich allmählich liberalisiert, ein sorgenfreies Sportfest in ihrer Hauptstadt gewünscht. Viele Chinesen, von der heimischen Propaganda irregeführt und von Nationalismus angestachelt, sind nun enttäuscht. Viele Freunde Chinas sind es ebenfalls. Darum sei vor einem Fehlschluss gewarnt: Es ist keine Kritik an China oder allen Chinesen, wenn die Politik der Kommunistischen Partei – und die Verhaftungswelle in Tibet – kritisiert wird. Chauvinismus als grösstes Problem Ein mutiger chinesischer Intellektueller, ein ehemaliges ZK-Mitglied, hat offen den «chinesischen Chauvinismus» der jetzigen Parteiführung gegeisselt. Er offenbart sich zum Beispiel im Umgang mit den Tibetern, hat sich vor einigen Jahren auch auf hässliche Weise bei Ausschreitungen gegen die diplomatischen Vertretungen Japans gezeigt – und zieht sich nun wieder wie ein roter Faden durch alle trotzigen Verlautbarungen Pekings in der Olympiakrise. Hier liegt das grösste Problem, das die Welt auch nach den Sommerspielen weiter beschäftigen wird. Denn Hochmut kommt auch in China vor dem Fall.

Erstellt: 11.07.2008, 15:38 Uhr

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