So schlugen sich die Stadtratskandidaten im grossen Formtest
Von Felix Schindler, Jürg Rohrer. Aktualisiert am 11.02.2010 31 Kommentare
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300 Personen besuchten das TA-Podium im Kaufleutensaaal, 2000 weitere verfolgten die Liveübertragung auf Tagesanzeiger.ch. Die Teilnehmer offenbarten ihre Rezepte für eine erfolgreiche Politik, das Publikum machte deutlich, auf wessen Seite es steht. Insbesondere beim ersten, emotionalen Themenblock, als Moderator und TA-Redaktor Edgar Schuler den Stadtratskandidaten ihre Standpunkte zu den Ausschreitungen vom Wochenende entlockte.
Von ihrer bissigen Seite zeigte sich Susi Gut, die gegen Stadtpräsidentin Corine Mauch in den Wahlkampf zieht. «Ihr Linken ward schon früher immer gegen mehr Polizei. Jetzt redet ihr drum herum, weil ihr wisst, dass die Bevölkerung das nicht mehr schätzt.» Doch als Schuler wissen wollte, wie viele Polizisten Zürich zusätzlich aufstellen müsse, redete auch sie drum herum: «So viele wie es braucht.» Applaus gab es dafür nicht. Trotzdem gelang es der selbst ernannten Stadtmutter, ihren Witz auszuspielen und ein paar Lacher zu ernten. «Jetzt lebe ich in einer kleinen Einzimmerwohnung», als sie nach ihren Wohnverhältnissen befragt wurde. «Aber ich suche eine grössere, im Fall», wandte sie sich ans Publikum.
Wenn Corine Mauch aufs Glatteis gerät
Mit Bedacht und Besonnenheit ging FDP-Mann Urs Egger das Streitgespräch an: «Wir reden von einem Pikettdienst, den es auch bei der Feuerwehr gibt. Das sind bekannte Modelle, die man einsetzen könnte.» Den klassisch freisinnigen Weg wählte er auch, als er der Null-Toleranz gegenüber Jugendlichen abschwor. Obwohl seine Aussagen weniger kernig waren als jene seines bürgerlichen Konkurrenten Mauro Tuena: Die bürgerlichen Zuhörer stellten sich am ehesten hinter Egger.
Aufs Glatteis wagte sich Stadtpräsidentin Corine Mauch, als sie den Umzug vom Wochenende relativierte: «Bisher sind immer alle Reclaim-the-streets-Veranstaltungen problemlos verlaufen». Tatsache ist aber: Die Demonstration war illegal, 2003 lief eine ähnliche Veranstaltung bereits aus dem Ruder. Mauch machte einen Punkt gut, als sie schliesslich davor warnte, in einem «Schnellschuss Hundertschaften von Polizisten zu fordern». Insgesamt wirkte sie präsidial und kompetent, aber ebenso klar machte sie immer wieder: Das Podium war für sie eine Pflichtübung, auf «Austeilen und Einstecken» ist ihr die Lust vergangen.
Tuena und die Appelle an den kleinen Mann
Trittsicher zeigte sich Daniel Leupi von den Grünen – obwohl er an Krücken zum Podium kam. Er ist gestern Mittwoch auf dem Weg in den Gemeinderat mit seinem Fahrrad gestürzt. «Am Wochenende der Ausschreitungen kontrollierte die Polizei politische Parteien bei Standaktionen. Für solche Nebentätigkeiten ist unsere Polizei zu wertvoll. Aber jetzt wegen einem einzelnen Ereignis 200 bis 300 Polizisten in eine Kaserne zu stellen, das ist auch nicht effizient.»
Der SVP-Kandidat Mauro Tuena appellierte an die Emotionen des Publikums: «Die Brutalität und die Gewalt waren enorm. Und einmal mehr trifft es die kleinen Ladenbesitzer in den Kreisen 4 und 5. Das muss aufhören.» Er setzte sich am klarsten von seinen Gegnern ab, aber aus den Reaktionen des Publikums lässt sich schliessen: Tuena konnte mit den Appellen an den kleinen Mann nicht punkten.
Verbogene Standpunkte und mangelnde Überzeugungskraft
Schliesslich überzeugte Claudia Nielsen mit Dossierkompetenz und ihrer langjährigen Erfahrung im Gemeinderat. So war ihre Analyse der Voraussetzungen für einen erfolgreichen Kongresshaus-Neubau die treffendste: «Wir brauchen einen Standort, der bei der Bevölkerung akzeptiert ist, wir brauchen einen Gemeinderat, der sich hinter das Projekt stellt. Ausserdem können wir nicht ein Haus dafür opfern, das ein grosser Teil der Bevölkerung als von hohem architektonischem Wert erachtet. Nielsen jonglierte gekonnt, allerdings gelegentlich auch etwas am Publikum vorbei – und musste sich mehr als einmal vom Moderator stoppen lassen.
Beide Seiten traten unter dem Verdacht an, sie würden ihre Standpunkte zugunsten des Wahlkampfs verbiegen – und es gelang keinem der Kandidaten, diesen Verdacht abzuschütteln. Die Linken, die bekannterweise einem Ausbau der Polizei skeptisch gegenüberstehen, votieren plötzlich für mehr Beamte. Die Rechte torpediert regelmässig alles, was zusätzliche Ausgaben verursacht – und will ausgerechnet jetzt grosszügig sein. Eine überzeugende Erklärung für diese neuen Positionen lieferten die Kandidaten am Podium nicht.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.02.2010, 15:14 Uhr
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31 Kommentare
@Remo Zurbriggen: Danke für die Blumen! Beim Thema Kongresshaus erstaunt mich das kleinräumige Denken in der Tat. Der Erfolg eines neuen Hauses hängt von dessen Infrastruktur ab, nicht von einer allfälligen Seesicht. Das Hallenstadion in ZH-Nord präsentiert sich neu auch als Kongresszentrum. Wird alles Interessante in die Kernstadt gepfercht, steigen dort die Mietzinse erst recht weiter steil an. Antworten
