Spatz in der Hand – Katze im Sack

Die Argumente sprechen für die Sanierung des Hallenbads Kilchberg. Sie werden auch nicht durch die diffuse Zahlenakrobatik der Gegner widerlegt.

Seit dem 12. Juli ist das Hallenbad Kilchberg geschlossen. Am 28. September entscheiden die Stimmbürger, ob es saniert wird.

Seit dem 12. Juli ist das Hallenbad Kilchberg geschlossen. Am 28. September entscheiden die Stimmbürger, ob es saniert wird. Bild: Patrick Gutenberg

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Unabhängig davon, ob die Stimmberechtigten am 28. September der Sanierung des Kilchberger Hallenbades zustimmen oder sie abschmettern: Der aktuelle Zustand kann nicht belassen werden. Das in die Jahre gekommene Hallenbad muss saniert oder aber über kürzer oder länger abgerissen werden. Allein die Tatsache, dass etwas unternommen werden muss, ist noch kein Argument für eine Sanierung. Aber: Wer für die Sanierung – wie sie der Gemeinderat vorschlägt – stimmt, weiss zumindest, was er für 16,5 Millionen Franken bekommt. Ein Erlebnisbad ist das natürlich nicht. Dafür wurde das ursprüngliche Sanierungsprojekt zu stark abgespeckt. Es ist aber zumindest der sprichwörtliche Spatz in der Hand.

Der Gemeinderat geht für die nächsten 30 Jahre von einem durchschnittlichen jährlichen Fehlbetrag von 1,28 Millionen Franken aus. Eingeschlossen sind in dieser Summe die Defizite für Personal- und Sachkosten sowie die Abschreibungen und der Schuldzins. In den ersten Jahren nach der Sanierung wird der Betrag auf Grund der Abschreibungen deutlich höher liegen, nach rund zehn Jahren soll er unter den Durchschnittswert fallen.

Defizit lässt sich nur schätzen

Zum Vergleich: Der laufende Betrieb von Hallen- und Freibad in der Stadt Adliswil verursacht ein jährliches Defizit von rund einer Million Franken inklusive Abschreibungen und Zinsen. Verglichen mit Adliswil ist Kilchberg ein Krösus unter den Gemeinden.

Ob die Annahmen des Gemeinderats zutreffen, ist – wie bei Prognosen üblich – ungewiss. Nicht genau bezifferbar sind die Folgekosten der Sanierung und des Hallenbadbetriebs. Eine Unsicherheit besteht vorab bei den Einnahmen. Der Gemeinderat rechnet mit jährlich 600'000 Franken für Eintritte. Gut 400'000 Franken waren es im Jahr 2005. Laut den Sanierungsgegnern von der SVP prognostiziert der Gemeinderat zu optimistisch. Die SVP rechnet entsprechend mit einem höheren jährlichen Defizit als den 1,28 Millionen Franken, welche der Gemeinderat vorsieht. Weder die eine noch die andere Zahl lässt sich momentan beweisen. Es sind Annahmen, die sich in der Zukunft bestätigen werden oder eben nicht. So oder so wird sich das Hallenbad nicht kostendeckend betreiben lassen. In den letzten zwanzig Jahren lag das durchschnittliche jährliche Defizit bei rund 550'000 Franken.

Die SVP will die Stimmenden mit grossen Zahlen beeindrucken und stellt den aufsummierten Defiziten der nächsten dreissig Jahre von 38,4 Millionen Franken das aktuelle Nettovermögen der Gemeinde von 25,5 Millionen Franken gegenüber. Das scheint auf den ersten Blick frappant. Man darf aber nicht vergessen, dass die Defizite über einen Zeitraum von dreissig Jahren anfallen und nicht auf einen Schlag. Bei der ganzen Zahlenakrobatik ist auch im Auge zu behalten, dass Kilchberg zu den reichsten Gemeinden im Kanton zählt und sich ein Hallenbad durchaus leisten kann. Ein schönes Hallenbad ist ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil. Es wird Besucher über die Gemeindegrenzen hinaus anziehen, und diese werden einen höheren Eintritt bezahlen als einheimische Hallenbadbenützer. Das Argument, die Kilchberger Steuerzahler würden den Hallenbadbesuch von Auswärtigen subventionieren, erscheint vor diesem Hintergrund gar kleinkariert. Zumal die Kilchbergerinnen und Kilchberger nicht unwesentlich von der Infrastruktur der nahen Stadt Zürich profitieren.

Einen besonderen Schub könnte das Kilchberger Hallenbad bei seiner Wiedereröffnung 2010 erfahren. Genau auf diesen Zeitpunkt ist nämlich eine Sanierung des Zürcher Hallenbads City geplant. Diese soll 20 Monate in Anspruch nehmen. Das Hallenbad City ist mit rund 1200 Badegästen pro Tag das meistbesuchte Hallenbad der Stadt Zürich.

Ominöse Konzeptstudie

Bleibt das vermeintlich stärkste Argument der Sanierungsgegner: Für 11 Millionen Franken gibts ein neues Hallenbad, wollen sie der Stimmbevölkerung weismachen. Und erst noch eines inklusive Aussenbecken und mit diversen Plauschmodulen. Der Haken dabei: Die SVP Kilchberg bezieht sich auf eine ominöse Konzeptstudie. Konkretes konnte oder wollte die Partei bis jetzt nicht vorlegen. Daher bleibt es bei der blossen Behauptung. Wer sich gegen die Sanierung und für einen allfälligen Neubau entscheidet, wählt also nicht den Spatz in der Hand, sondern die Katze im Sack. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2008, 20:23 Uhr

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