Statt Tomaten wächst Gras im Schrebergarten

Ein Pflanzblätz im Grünen ist bei jungen Städtern hip. Nicht so an der Goldküste: Hier will sich keiner mehr um die Flecken kümmern. Sie verwuchern.

Schreberbrache: Zehn Gärten auf der Linden in Uetikon haben keinen Pächter.

Schreberbrache: Zehn Gärten auf der Linden in Uetikon haben keinen Pächter.

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Drei Felder mit Familiengärten gibt es in Uetikon: einen am See in Dollikon, einen auf der Kappelweid und einen auf der Linden. Es sind 80 Pflanzblätze für Hobbygärtner, die darauf nach Belieben Tomaten, Bohnen, Gurken, Zucchetti, Rhabarber oder Himbeeren anbauen können – für gerade mal 50 bis 80 Franken Miete im Jahr. Zum Schrebergärtnern gehört es auch, nach getaner Gartenarbeit zufrieden auf dem Bänkli neben dem Geräteschuppen die Abendsonne zu geniessen, das Tagwerk zu bestaunen und mit dem Nachbarn über die richtige Lagerung der Randenknolle zu debattieren.

Dieser Spass, der bei junge Städtern schwer im Kommen ist – die Anwärter in der Stadt Zürich sind vornehmlich zwischen 25 und 35 Jahre alt –, ist in Uetikon scheinbar keiner. Seit Jahren sei der Trend rückläufig, sagt Othmar Ineichen, der als Liegenschaftenverwalter verantwortlich ist für die Vermietung der Pflanzblätze auf Gemeindeland. Ende der 90er-Jahre habe man auch in Uetikon noch Wartelisten geführt. «Jetzt aber sind wir froh, wenn wir für einen, der aufhört, einen neuen Mieter finden», sagt er. Denn wenn die Flächen nicht gepflegt werden, dann wuchern sie zu. Auf der Linden neben Tennisplätzen und Jugendhaus mussten wegen des Mietermangels bereits zehn Familiengärten umgegraben und Gras angesät werden. Statt geerntet wird auf diesen Flecken heute bloss noch gemäht.

Viele unterschätzen die Arbeit

Den Unterschied zum Schrebergartenboom in der Stadt erklärt sich Ineichen mit dem ländlichen Wohnstil in Uetikon. «Da hat man kein Bedürfnis nach einem Wochenendhäuschen im Grünen.» Zumal die Uetiker Gärten keine echten Schrebergärten mit Haus und Grillplatz seien, sondern kleinere Parzellen, gedacht zum Anbau von Gemüse, «Pflanzblätze» eben. Und die geben vor allem Arbeit.

«Viele Familien, die einen Garten übernehmen, unterschätzen die Arbeit, die das macht», sagt Ineichen. Mit Anpflanzen ist es nicht getan, das Gemüse will gewässert und gedüngt sein, und es muss viel Unkraut gejätet werden, bevor man etwas Essbares ernten kann. «Bereits nach einem Jahr geben einige ihren Garten deshalb wieder auf», sagt der Verwalter. Das ungenutzte Land gleich verkaufen will die Gemeinde aber auf keinen Fall. Vielleicht erreicht der Boom aus der Stadt die Uetiker mit der üblichen Verspätung, oder die Einwanderungswelle eines Schrebergärtnervolks wie die der Italiener in den 70er-Jahren setzt ein. Diese sind zusammen mit Portugiesen und Spaniern in Uetikon neben den Schweizern nach wie vor die treuesten Schrebergartenmieter.

Ein Luxusproblem

Eine Umfrage im Bezirk zeigt, dass vor allem die reicheren Gemeinden der Goldküste mit Mangel an Schrebergarteninteressierten kämpfen. So musste auch Herrliberg in den letzten Jahren erste Schrebergärten aufheben, und in Küsnacht plagen den «Verein der Gartenfreunde» Nachwuchssorgen. Auch in Zollikon ist gemäss Gemeindeverwaltung die Nachfrage rückläufig und auf der Warteliste zurzeit niemand aufgeführt.

Schaut man von Uetikon hingegen seeaufwärts, sieht es schon ganz anders aus: In Männedorf sind Schrebergärten äusserst beliebt, an vier Standorten vermietet die Gemeinde die Pflanzblätze, und 37 Personen stehen zurzeit auf der Warteliste. Der am längsten wartet, tut dies seit 2004. Und auch ein Dorf weiter seeaufwärts, in Stäfa, seien kaum je längere Leerstände zu verzeichnen gewesen, heisst es auf der Gemeinde. In Oetwil, so ist zu vernehmen, kennt man dieses Problem nicht, auch hier ist Gemüse aus Schrebergärten (noch) beliebt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2008, 21:05 Uhr

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