Wo Häuser farbig, aber nicht zu bunt sein dürfen

Knallorange und senfgelb leuchten vier neue Wohnblöcke im Nürensdorfer Hauswiesenquartier. Blaue Attikageschosse an der Tobelwiesstrasse waren der Baubehörde zuvor nicht genehm.

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Im Nürensdorfer Zentrum dominiert noch immer der bäuerliche Charme eines typischen Zürcher Landdorfes. Mittendrin, gegenüber dem stattlichen Schlossgebäudekomplex, steht der altehrwürdige Landgasthof Bären aus dem 15. Jahrhundert, der inzwischen der Gemeinde gehört. Neubauten fügen sich meist unaufdringlich ins Häuserensemble ein. Keine Frage - hier achtet man darauf, das traditionelle Ortsbild nicht zu stören.

Doch im Hauswiesenquartier sind nun ziemlich gewagte Farbtupfer entstanden. Leuchtend orange und in einem auffälligen Senfgelb präsentieren sich die einst in tristem Grau gehaltenen Wohnblöcke aus den 60er-Jahren nach ihrer Sanierung. Und im Quartier fragen sich manche Bewohner, wie das denn überhaupt möglich war. Denn auch wer vom Dorfkern in Richtung Bassersdorf blickt, dem stechen die farbenfrohen Gebäude unweigerlich ins Auge.

«Es sah viel besser aus als jetzt»

Überrascht, dass man in Nürensdorf nun plötzlich dermassen poppige Fassaden gestalten kann, zeigt sich Dieter Stutz. Der Inhaber der Architektur- und Siedlungsplanungsfirma Atlantis aus Wallisellen hatte vor gut einem Jahr ebenfalls in Nürensdorf, an der Tobelwiesstrasse, fünf Wohnblöcke mit Eigentumswohnungen erstellt. Bei der Farbgebung der Gebäude kam es damals zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Walliseller Bauherrn und der Nürensdorfer Baubehörde. Die Auseinandersetzung endete damit, dass an zwei der bereits fertiggestellten Häuser das Attikageschoss neu gestrichen werden musste. Dieses hatte der Bauherr zuvor in Hellblau gehalten, was die Häuser mit ihren zartorangen und blassgelben Tönen zu dreifarbigen Kunstwerken gemacht hatte. So zumindest sieht es Stutz: «Unser Farbkonzept stammte von einem Kunstmaler und war in sich abgestimmt. Es sah viel besser aus als jetzt.»

Im Ermessen der Baubehörde

Dass nun im selben Dorf ein paar Hundert Meter weiter, im Hauswiesenquartier, plötzlich doch bunte Wohnblöcke zugelassen wurden, ist Stutz sauer aufgestossen. Rückblickend beklagt er sich über die 6000 Franken Mehrkosten wegen der ihm aufgezwungenen Übermalungsaktion. Vor allem aber stört er sich an der Behördenwillkür: «Ich habe mich damals tödlich geärgert», so Stutz. Etwas zerknirscht räumt er aber auch ein, dass er im Bewilligungsverfahren damals nicht alle Fristen eingehalten habe.

Der Nürensdorfer Bausekretär Christian Meierhans erinnert sich an den Fall. Erstens sei der Baubehörde im Vorfeld kein Farbkonzept eingereicht worden, zweitens grenze das betreffende Grundstück an der Tobelwiesstrasse eben an die Kernzone, erklärt er. Und dort müsse die örtliche Baubehörde immer besonders sorgfältig prüfen, ob das farbliche Zusammenspiel der Projekte noch tolerierbar sei. Generell gelte ohnehin immer die Gestaltungsnorm nach Paragraf 238 des kantonalen Planungs- und Baugesetzes.

Diese schreibt vor, dass die äussere Erscheinung eines Gebäudes oder einer Überbauung ein befriedigendes Gesamtbild ergeben muss. An der Tobelwiesstrasse sei das im Gegensatz zum aktuellen Beispiel aus dem Hauswiesenquartier einfach nicht der Fall gewesen, so Meierhans.

Heinz Stauch, der Gemeindeschreiber von Nürensdorf, findet die «fröhlichen Farben» im Hauswiesenquartier durchaus angebracht: «Ich bekam nun schon einige positive Rückmeldungen.» Er war selber während Jahren Bausekretär im Ort und weiss daher, dass solche Sachen heikel sind. «Ein wenig» habe er sich denn schon auch gewundert, dass die Baukommission die bunten Fassaden im unteren Dorfteil akzeptiert habe. Aber man müsse eben auch immer den vorherigen Zustand mit einbeziehen. Verglichen mit den ehemals grauen Plattenbauten aus den Sechzigern. sei der jetzige Zustand doch viel besser.

Überhaupt sei man heute schon viel aufgeschlossener als noch vor einigen Jahren. Stauch erinnert sich noch gut an die Kritik, die seinerzeit wegen der neuen Farbe des Nürensdorfer Schlosses ertönte: Schweinchenrosa sei damals schon ziemlich verwegen gewesen. Der Trend gehe inzwischen aber immer stärker hin zu bunten Fassaden. Derzeit besonders gefragt sei Bordeaux-Rot.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2008, 06:49 Uhr

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