Wo das Leben wieder neu beginnt

Nach einem Herzstillstand gelingt es nicht allen Menschen, an ihre frühere Arbeitsstelle zurück zu kehren. In der Rehaklinik üben sie, im Alltag zurecht zu kommen.

Unterstützt von zwei Therapeuten übt ein Patient, Holzstöckchen in die Löcher zu stellen.

Unterstützt von zwei Therapeuten übt ein Patient, Holzstöckchen in die Löcher zu stellen.

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Der Mann beugt sich über die Geschirrspülmaschine. Mit der linken Hand stützt er sich auf der Küchenarbeitsfläche ab. Seine Augen suchen. Schliesslich sieht er das Trinkglas, das er in den Geschirrschrank räumen soll. Langsam umgreifen die Finger seiner rechten Hand das Glas. Angespannt hebt er es auf die Arbeitsfläche, um es dort erst einmal abzustellen.

Mit beiden Händen abgestützt, schiebt er es langsam einen halben Meter nach links, Richtung Geschirrschrank. Mittendrin stutzt der Mann. Er hat vergessen, was er tun wollte. Schliesslich fällt es ihm wieder ein. Er blickt suchend umher, wo ist der Geschirrschrank? Mit sichtlicher Anstrengung hebt er das Glas endlich hoch, platziert es ein Fach unter dem richtigen Regal und hebt es im nächsten Schritt langsam noch ein Fach höher. Geschafft! Das erste Teil aus dem Geschirrspüler in der Übungsküche der Rehaklinik Bellikon ist ausgeräumt.

Gut 1500 Patienten waren letztes Jahr hier stationär, knapp 2400 ambulant zur Rehabilitation. Die meisten bleiben nur wenige Wochen, ganz wenige sind bis zu zwei Jahre in der Klinik im Aargau. Viele kommen nach einem Unfall, einige nach einem Schlaganfall, eine Minderheit, weil ihr Gehirn, zum Beispiel bei einem Herzstillstand, zu wenig Sauerstoff bekam. Wer die Patienten hier sieht, wird sich bewusst, welche Leistung das Gehirn erbringt, ohne dass wir darüber nachdenken.

Nahe würden ihm vor allem die Patienten gehen, die ähnlich gelebt hätten wie er selbst: Familienväter, voll im Beruf – und durch ein plötzliches Ereignis mitten heraus gerissen, sagt Klaus Schmitt, Leiter der Neurorehabilitation in Bellikon. «Wenn man seine eigene Situation mit der des Patienten vergleicht – das sind sehr belastende Momente.»

80 Prozent derer, die erfolgreich wiederbelebt wurden, haben eine ungünstige Prognose. Sie versterben oder überleben mit schweren, irreversiblen Hirnschädigungen. Nur schon den Muskeltonus im Rumpf zu halten, dass der Körper nicht in sich zusammen fällt wie ein Sack Kartoffeln, ist für manche dieser Kranken eine grossartige Leistung.

Einer ihrer Patienten, ein 38-jähriger Mann, konnte anfangs kaum sitzen, erinnert sich Margot Schubert, Neurologin in der Rehaklinik. Er habe weder gewusst, wann er geboren sei, noch, wo er sich befinde. Auch die Orientierungsfähigkeit hatte er verloren.

Ein mehrminütiger Sauerstoffmangel trifft bestimmte Hirnbereiche besonders empfindlich. Dazu gehören die Grosshirnrinde, das Kleinhirn und die so genannten Basalganglien, die zuständig für den fliessenden Ablauf von Bewegungen sind. Auch der Hippocampus reagiert auf Sauerstoffmangel sensibel. Er ist für das Gedächtnis wesentlich. Entsprechend haben viele Betroffene Mühe, sich Dinge zu merken. Auch die Konzentrationsfähigkeit würde oft leiden, legt Schubert dar.

Vielfach sind die Kranken nicht mehr in der Lage, Handlungsabläufe zu planen. Einen Kuchen für ihre Angehörigen zu backen, sei für viele schon «ein sehr grosses Erfolgserlebnis», sagt Schmitt.

Andere Patienten würden die Zahnbürste als Kamm benützen, weil sie vergessen haben, wofür sie eigentlich gemacht ist – sie leiden an einer so genannten Apraxie. Oder sie «vergessen», dass sie zwei Körperhälften haben. Meist sind sie sich ihrer linken Seite nicht mehr bewusst.

Den Teller nur rechts leer essen

Also essen die Betroffenen nur noch die rechte Seite ihres Tellers leer, sie zeichnen ein Zifferblatt mit den Zahlen auf der rechten Hälfte, nehmen nur noch die Hälfte der Küche wahr (und suchen das Regal mit den Gläsern, das links ist) und sie stossen sich unentwegt links an, weil sie diese Seite nicht wahrnehmen.

Mit verschiedenen Tests stellen Neuropsychologen und Therapeuten zunächst fest, welche Funktionsbereiche vor allem ausgefallen sind. Dazu gehören unter anderem das Abzeichnen von Formen, das Erfassen von Texten und die Reaktionszeit. Feinmotorik und Sensibilität werden in der Ergotherapie zum Beispiel mit Hilfe eines Bretts geprüft, in das zehn Schrauben eingelassen sind. Wie lange braucht der Patient, auf die Schrauben Muttern zu drehen? Wie schnell und flüssig kann er gehen, wie gut Getränkekisten heben?

Der Kranke hält sich für gesund

Anhand der Ergebnisse vereinbaren die Therapeuten mit den Betroffenen langfristige Ziele, die sie bis zum Austritt erreichen sollen, etwa «an den Arbeitsplatz zurückkehren». Dann werden in Etappen gezielt die Bereiche trainiert, die dafür wichtig sind. «Um ein möglichst gutes Bild zu bekommen, was möglich ist, braucht man eine Vielzahl von Informationen über den Menschen», sagt Hans Peter Gmünder, Chefarzt der Rehaklinik Bellikon.

Das grösste Problem für die Therapeuten stellen anfangs Patienten mit einer Anosognosie dar. Aufgrund einer Schädigung im Bereich der Grosshirnrinde sind sie nicht in der Lage, ihre Einschränkungen zu erkennen. Sie halten sich für gesund. «Da müssen wir manchmal viel reden, um den Patienten zu überzeugen», sagt die Neurologin Margot Schubert und lacht. Es könne einige Wochen dauern, bis man diese Patienten auf seiner Seite habe.

«Ohne die Motivation des Patienten geht es nicht», sagt Ergotherapeut Schmitt. Auch darum üben die Patienten möglichst realitätsnah. In der Therapieküche, dem Übungsgarten, in der Trainingswerkstatt oder am Computer: Hier sitzt ein 54-jähriger Hüne von einem Mann vor der Tastatur. Angestrengt blickt er auf den Bildschirm, seine Finger zittern leicht. Das Tippen bereitet ihm sichtlich Mühe. Zwischendurch flucht er leise – wieder haben seine Finger nicht getan, was er wollte.

Wichtig sei, die Patienten zwar zu fordern, aber nicht überfordern, rät Margot Schubert. Dazu gehöre für die Angehörigen, den Rekonvaleszenten auch einmal in Ruhe zu lassen. «Sie meinen es gut. Aber gerade hirnverletzte Patienten ermüden rasch; sie brauchen Ruhephasen.» Das andere Extrem, dem Kranken alles abzunehmen, sei ebensowenig ratsam.

Zu sehen, dass es ein Patient durch alle Höhen und Tiefen hindurch nach einem Wachkoma wieder bis an den Arbeitsplatz zurück schaffe, und ihn dabei zu begleiten, sei «beflügelnd», sagt Klaus Schmitt. «Das sind die positiven Seiten im Beruf.»

Gespür und Intuition sind wichtig

Auch wenn trotz der Therapien in vielen Fällen später nicht alles so funktioniert wie zuvor, erreichen viele Patienten doch Beachtliches. Was die Vorhersage im Einzelfall betreffe, «muss man vorsichtig sein», sagt Chefarzt Gmünder. Die Entwicklung des Patienten in den ersten Tagen und Wochen sei oft ein guter Gradmesser für den weiteren Verlauf. «Beim Einschätzen der Prognose spielen Gespür und Intuition des Arztes eine grosse Rolle.» Mit den Testergebnissen müsse man aufpassen, warnt Gmünder. «Sie sind nur ein Mosaikstein. Manchmal kommt es im Einzelfall nämlich trotz schlechter Testresultate zu einem guten Verlauf.»

Der 38-jährige Mann etwa, der anfangs kaum alleine sitzen konnte, geschweige denn wusste, wann er geboren ist, «läuft heute praktisch normal», sagt Margot Schubert. Nur auf Bergtouren ziehe er einen Fuss noch etwas nach. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2008, 22:26 Uhr

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